Warum wir diesen Verbrechern beinahe dankbar sein müssen

Der verbrecherische Anschlag von Paris hat eine Besinnung auf die europäischen Werte bewirkt – obwohl dämliche Karikaturen nur sehr wenig damit zu tun haben. Das Verbrechen wird aber anscheinend zum Katalysator für eine Besinnung auf (unsere) Kultur.

Heute verteidigen wir die europäische Kultur, meist ohne zu wissen oder auch nur darüber nachzudenken, was das ist. Also müssen wir diesen Kampf wenigstens an etwas aufmachen, wogegen wir kämpfen, wenn es schon kein wofür gibt. Und da sind nach den Juden im 20. Jahrhundert im laufenden Jahrhundert eben die Moslems unter die Räder gekommen.

Wir verteidigen die europäische Kultur. Aber statt einfach wild um sich zu schlagen, könnte man sich doch zuerst darauf besinnen, was europäische Kultur überhaupt ist? Wer vom „christlichen Europa“ spricht, verdrängt die nichtchristlichen Wurzeln der europäischen Kultur. Zunächst ist das Christliche eine christlich-jüdische Tradition. Die ist primär keine europäische, sondern eine orientalische Kultur. Zuvor, und damit fundamental, müssen wir die griechisch-römische Kultur erwähnen. Die ist zum Teil europäisch, es handelt sich aber um Weltreiche. (Die Globalisierung ist keine neuzeitliche Erfindung). Dazu kommt als der tatsächlich europäische Beitrag die keltisch-germanische Kultur. Das eigenständig Europäische wurde in der Geschichte vom Orientalischen bis zur Unkenntlichkeit überlagert, und das auf der Basiskultur von globalen Weltreichen.

Was meist total unterschlagen und verdrängt wird, ist der Beitrag der islamischen Kultur, die das verlorene griechische Erbe wieder in die europäische Kultur zurückgebracht und die Basis für die Wissenschaften geliefert hat. Was wir heute als Familie bezeichnen, gab es in Europa nicht, bevor die Minnesänger – beeinflusst von muslimischen Mystikern, den Sufis – den Europäern das beigebracht haben, was wir Liebe nennen. Zwar ist das Christentum die Religion der Liebe, aber bis dahin hatte Liebe nichts mit Ehe zu tun, die eine rein vertragliche, und keine emotionale Bindung war. Auch zu jenen Zeiten, in denen das Christentum entstanden ist.

So – und jetzt wäre es wirklich an der Zeit, über die europäische, und auch über die christliche Kultur nachzudenken. Dass dieses Thema heute so virulent ist, liegt doch daran, dass es sie kaum noch gibt. Was sich bei uns „Christen“ nennt, das sind zu einem großen Teil Me4nschen, die entweder nicht mehr wirklich religiös oder Fundamentalisten sind. Beides kann man nicht wirklich als christlich bezeichnen.

Wirklich europäisch ist die moderne Naturwissenschaft. Die ist inzwischen auch global geworden und wird von Amerikanern genauso wie von Japanern bedient. Abgesehen davon, dass die Naturwissenschaft auch auf ihre griechischen und islamischen Wurzeln zurückgeführt werden kann, ist unser heutiges Denken – ohne dass das wirklich bewusst wäre – nur mehr an diese Naturwissenschaft, und nicht mehr auf die christlich-jüdischen Wurzeln angelehnt. Realität ist, was man angreifen oder zumindest messen kann. Alles andere ist Fantasie oder zumindest Privatsache. Da die exakten Naturwissenschaften (mit großem Erfolg) tote Materie untersuchen, haben wir das Lebendige aus unserem Leben verbannt. Das ist es, was uns in der Seele brennt.

Und wenn wir heute den Moslems vorwerfen, sie wären noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen, dann sind wir blind dafür, dass unser Weltbild auch im ausgehenden 19. Jahrhundert steckengeblieben ist. Die Moslems sind da in guter Gesellschaft, denn wir selbst sind auch noch nicht einmal im 20. Jahrhundert angekommen, geschweige denn im 21. Denn die Physik des 20. Jahrhunderts hat dieses Weltbild des 19. Jahrhunderts, an dem wir immer noch hängen, buchstäblich zertrümmert.

Es wäre also wirklich höchst an der Zeit, sich auf (die europäische) Kultur zu besinnen, ihre globale Dimension endlich zu erkennen und ein wirklich zeitgemäßes Weltbild zu erarbeiten. Denn unser „modernes“ Weltbild ist 100 Jahre hintennach.

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Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
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Eine Antwort zu Warum wir diesen Verbrechern beinahe dankbar sein müssen

  1. SalvaVenia schreibt:

    Treffer, versenkt!

    Diesen Ihren Worten ist absolut nichts hinzuzufügen als mein tiefster Dank. Fast wäre diese Perspektive an mir vorbeigerauscht.

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