Wissenschaft und Fortschritt

These: Wissenschaft ist nicht nur dazu da, Rationalität zu bestätigen, sondern auch dazu, Rationalität zu widerlegen oder zu übersteigen.

Gemäß dem Alltagsverstand ist Wissenschaft dazu da, Klarheit zu schaffen, unser mythisches – mitunter auf Vorurteilen beruhendes – Weltbild in ein rationales überzuführen. Wäre das allerdings wirklich nur so, gäbe es kaum einen merklichen Fortschritt in der Wissenschaft.

Tatsächlich beginnt Wissenschaft mit Intuition, mit auf Anschauung beruhender Intuition (Einstein). Eine wissenschaftliche Theorie entsteht aus einer Idee, die nie entstehen könnte, würde der Wissenschaftler nur rational denken. „Bevor Wissenschaft praktisch wird, ist sie visionär.“ (Carlo Rovelli). Wissenschaft beginnt dort, wo das Selbstverständliche (bislang Rationale) infrage gestellt wird (Rupert Sheldrake).

Die Wissenschaftssoziologie erklärt, dass Wissenschaft – wie alles Menschliche – auch irrational abläuft, Machtspielen und jeder Art von sozialen und kulturellen Einflüssen unterworfen ist. Trotzdem ist es am Ende meist möglich zu sagen, wer richtig und wer falsch liegt. Selbst der große Einstein musste sowohl gegenüber Niels Bohr (Thema: verborgene Variable) als auch Georges Lemaitre (statisches Weltbild) einräumen, dass er sich damit getäuscht hatte.

Wissenschaftliche Theorien müssen durch Experimente überprüft werden und erweisen sich dadurch als falsch oder richtig. Im letzteren Fall erweist sich mitunter etwas als richtig, das vorher als unlogisch und irrational galt. Schon Einsteins Relativitätstheorie widersprach dem „gesunden Menschenverstand“, noch viel mehr die Quantentheorie. Kein logisch denkender Mensch hätte der Quantenmechanik Recht gegeben. Sie konnte sich nur durchsetzen, weil ihre völlig irrationalen Vorhersagen, „auch die verblüffendsten und verrücktesten“ (Carlo Rovelli) nach und nach in Experimenten bestätigt wurden. Und auch die beweisen die Theorie nicht, sondern machen sie glaubwürdig.

Es wäre übrigens völlig kurzschlüssig, die wissenschaftliche Methode auf ihre quantitativen Vorhersagen zu reduzieren. Wer das behauptet, so Rovelli, der verwechselt die Instrumente mit dem Zweck. Die Prognosen zu überprüfen ist ein Werkzeug, nicht der Zweck der Wissenschaft. Der ist vielmehr, ein Bild von der Welt zu entwerfen und es weiterzuentwickeln.

Wissenschaftlicher Fortschritt entsteht nur auf der Grundlage neuer Daten. Auch dieser Satz ist grundfalsch. Kopernikus hatte keine neuen Daten, sondern dieselben wie Ptolemäus. Newton hatte fast keine neuen Daten, sondern führte nur die Kepler’schen Gesetze mit Galileis Ergebnissen zusammen. Als Einstein die Allgemeine Relativitätstheorie formulierte, hatte er auch keine neuen Daten, sondern stützte sich auf die der Speziellen Relativitätstheorie und auf die Theorie Newtons. Die Quantengravitation versucht, die Allgemeine Relativitätstheorie und die Quantentheorie zu verbinden. Immer geht es darum, Bestehenden zusammenzubringen, miteinander zu kombinieren und Bestehendes völlig neu zu denken. Das geht meist nicht durch bloß rationales Denken, sondern erfordert die Intuition, etwas völlig neu zu betrachten.

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Die Lagune oder wie Aristoteles die Naturwissenschaften erfand

Es ist interessant, Aristoteles einmal nicht aus der Sicht eines Philosophen, sondern aus der eines Biologen zu sehen. Armand Marie Leroi geht davon aus, dass die philosophischen Texte nur ein Teil der Schriften des Aristoteles sind, und nicht einmal der wichtigste.

Aristoteles sei ein intellektueller Allesfresser und Nimmersatt gewesen, und das Thema, das ihm am meisten am Herzen lag, war das Studium der lebendigen Natur oder, wie wir heute sagen würden, der Biologie. Was ihn so bedeutend macht: „Seine Konzepte fließen wie ein unterirdischer Fluss durch die Geschichte unserer Wissenschaft und treten hier und da als Quelle zutage als scheinbar neue Ideen, die jedoch tatsächlich schon sehr alt sind.“ Oder wie es Theodor Gomperz formuliert: „Man braucht die Lehren und Schriften (….) eines Platon und Aristoteles nicht zu kennen, man braucht ihre Namen nie gehört zu haben, und man steht darum doch nicht weniger im Bann ihrer Autorität.“

Auf Platon ist Leroi allerdings nicht gut zu sprechen, er kommt sonst nur in Seitenhieben vor, so wie auch Aristoteles emsig damit beschäftigt ist, seinen Lehrer zu verleugnen. Doch hat er seine Idee, dass der Kosmos (auch) durch Ziele und Zwecke erklärt werden muss, von Platon. Auch war Aristoteles kein Materialist wie die Atomisten, sondern hatte eine durch und durch biologische Sicht der Welt.

Zunächst muss man die heutigen Unterscheidungen von Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft, von Philosophie und Mythos vergessen, die gab es damals noch nicht. Der Streit tobte damals zwischen denen, die sich um die äußere Natur kümmerten, und denen, die sich „nur“ der inneren Natur zuwandten, wie Sokrates und Platon. Ihrem Idealismus und der Akademie erklärte Aristoteles den Krieg. „Seine Philosophie schließt Schmutz, Blut, Fleisch, Wachstum, Kopulation, Fortpflanzung, Tod und Verfall mit ein….“ Er seziert Tiere und menschliche Föten. Er war das antike Wikipedia im Alleingang. Über vieles hatte er „ordentliche, aber falsche Vorstellungen“.

Alles Wahrnehmbare ist ihm eine Verbindung von Form (eidos) und Materie (hylé). Wobei „Verbindung“ schon nicht richtig ist, weil er das nicht trennt. Eidos ist ein inneres Wirkprinzip, ein „Erscheinungsprinzip, wenn es noch nicht gesehen werden kann“, wie im Ei oder im Samen. Heute würden wir dazu Information sagen.

Moderne Wissenschaft beruht auf Messen und Quantität, die Theorien des Aristoteles waren qualitativ und er hat nie etwas gemessen. Er kannte aber vier „Ursachen“, genauer vier Arten der Erklärung, die in der heutigen Naturwissenschaft auf eine (die Wirkursache) verengt wurden. Aristoteles kennt auch keine kontrollierten Experimente, aber, so Leroi, „in der Praxis gestattet die Naturwissenschaft – und damit meine ich, wie Aristoteles auch, das Studium der natürlichen Welt und nicht mathematischer oder geometrischer Objekte – selten präzise Beweise“.

Was ist Leben?

Für Erwin Schrödinger ist Leben ein System, das sich aus negativer Entropie speist. Für Aristoteles sind Lebewesen jene, die eine Seele haben. Da würden heutige Wissenschaftler einen roten Kopf bekommen, aber Seele ist bei Aristoteles auch nicht das, was wir heute darunter verstehen oder ablehnen. Psyché ist dasselbe Wort wie für Schmetterling, ein durchaus zoologischer, wenn auch symbolischer Begriff. Psyché ist die Form (eidos) in einem Körper, aber nichts von diesem Getrenntes. Schlüsselwort ist die entelecheia, ein Begriff, in dem ein Ziel oder Zweck (telos) steckt.

Von den vier Ursachen, oder besser ursächlichen Erklärungen, beziehen sich drei auf die Seele: die Formursache, die Wirkursache und die Zweckursache. Bloß die Stoffursache bleibt der Materie vorbehalten. Wieder müssen wir aber dazusagen, dass Körper und Seele nicht so getrennt waren wie wir das heute sehen. Aristoteles steht nicht wie Descartes vor dem Problem, erklären zu müssen, wie die Seele auf den Körper wirkt, weil er sie gar nicht trennt. Eine Leiche, die keine Bewegung, keinen Zweck mehr hat und deren Form zerfällt, ist nach Aristoteles kein Mensch mehr.

Während es also für Aristoteles die psyché ist, die den Menschen ausmacht, eliminiert später die Naturwissenschaft die drei ursächlichen Erklärungen, die sich auf die Seele beziehen, und lässt nur die Kausalität als materielle Ursache gelten. Sie streicht damit das Lebendige aus der Wissenschaft. Daher kann Wittgenstein im Tractatus 6.52 sagen: „Wir fühlen, dass selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar berührt sind.“

Die Seele ist in moderner Sprache nicht-lokal, Aristoteles sagt „überall und nirgends“, sie ist kein Ding, sondern sozusagen die Summe seiner funktionellen Merkmale. Daher ist in jedem Körperteil die ganze Seele. Psyché ist eher ein systemischer Begriff.

Das Kontinuum zur Vollkommenheit

Aristoteles trennt (noch) nicht, daher erscheint ihm die Natur als Kontinuum vom Unbelebten zum Lebendigen. Er nimmt eine Stufenleiter von den Steinen über Pflanzen, Tieren und Menschen bis hin zu Gott. Auch da müssen wir unsere heutige Vorstellung von Gott vergessen. Es ist eine Stufenleiter zur Vollkommenheit. Inklusive der antiken Vorstellung, dass Männer vollkommener sind als Frauen. Für den Embryo steuert der Mann die Wirkursache, die Frau die Stoffursache bei. Wobei hier unterbewusst Symbolisches dahinter steckt, denn die Form ist der Materie überlegen. Man unterschied damals nicht zwischen Haustieren und Sklaven. Den „Barbaren warf man von, auch nicht zwischen Frauen und Sklaven zu unterscheiden.

Für Aristoteles ist der Mensch außergewöhnlich triebhaft. Von allen Tieren ist der Mensch aber dasjenige, das Gott am nächsten ist – pikanterweise auch in seiner wilden Treibhaftigkeit. Allerdings gibt es Menschen, die unvollkommener und „von Natur aus Sklaven“ sind, auch weil ihnen der Verstand fehlt. Die Beziehung zwischen Herren und Sklaven ist allerdings für beide von Vorteil.

Der Staat ist für Aristoteles nichts Natürliches, kein Organismus, wie später bei Hobbes oder Hegel, sondern eine rein rechtliche Form. Allerdings, wenn der Mensch nach Glück, eudaimonia, strebt, womit die Ausübung der Tugend im Sinne der Vernunft gemeint ist, so lässt sich das nur erreichen, wenn man sich dem Staat unterwirft. Der Mensch ist zwar ein soziales Wesen, aber ohne die Herrschaft des Gesetzes ist er das schlimmste der Tiere, wild, unheilig, lüstern und unersättlich. Die Bürgerschaft erfordert aber Freiheit von niederer Arbeit – womit Handwerker, Händler und Arbeiter genauso wie Frauen, Kinder und Sklaven ausgeschlossen sind.

Aristoteles weist auf die destabilisierende Wirkung von Immigration hat – obwohl er in Athen selbst Ausländer mit Aufenthaltsgenehmigung ist, der nicht einmal ein Haus besitzen darf. Ungleichheit sei imstande, einen Staat zu zerstören. Tatsächlich entstanden und vergingen in der Ägäis Monarchien, Oligarchien und Demokratien gleichermaßen wie die Eintagsfliegen.

Die Wiederentdeckung

In Europa geriet Aristoteles in Vergessenheit. Erst die Rückeroberung des maurischen Spanien brachte seine Schriften in arabischer Übersetzung wieder zurück. Albertus Magnus war der erste, der sich wieder mit Aristoteles beschäftigte, danach Thomas von Aquin. Erst jetzt wurde er wieder zum Superstar der Wissenschaft. Das führte auch zu Kuriositäten: So weigerte sich Cesare Cremonini, ein Professor für Naturphilosophie, wie die Physik vor Newton noch hieß, der Einladung Galileis zu folgen und durch sein Fernrohr die Mondberge zu begutachten. Begründung: Wenn der Mond keine vollkommene Kugel sei, dann müsse er vergänglich sein, und Aristoteles hatte gesagt, das wäre er nicht. Was heute viele verdrängen, in der Wissenschaft war damals nicht die Kirche, sondern die Universität, allen voran die von Paris, die Autorität – und eben Aristoteles. Auch die Gegner Galileis saßen nicht im Vatikan, sondern in Paris.

Cremoninis Abwehr entlockt uns heute nur ein hämisches Lächeln – aber es steckt viel vom Prinzip der Wissenschaft darin. Wissenschaft postuliert ellipsenförmige Planetenbahnen oder gleich schnell fallende Körper, rechnet mit punktförmigen Massen, obwohl es das nirgends in der Natur gibt. Wissenschaft konstruiert eine vereinfachte Welt, die man berechnen und verändern kann. Von der individuellen und lebendigen Wirklichkeit muss abstrahiert werden. Aber Aristoteles reduziert (noch) nicht. Er würde nie sagen, dass ein Lebewesen nur aus Materie besteht. Er kritisierte die Materialisten und alle, die vor ihm waren, um es besser zu machen. Daher sagte Bertrand Russel, Aristoteles war der erste, der schrieb wie ein Professor.

Zwei Stile der Wissenschaft

Die Wissenschaft, so Leroi, akzeptiert zwei unterschiedliche Arten der empirischen Untersuchungen: Bei der einen (bekannteren) werden Kausalhypothesen durch Experimente geprüft, bei der anderen werden Daten angehäuft, darin Muster gesucht und aus diesen Mustern Kausalerklärungen abgeleitet. Letztere war der Stil des Aristoteles, auch der Stil Darwins. Darin wird ein Narrativ gesucht, und es bleibt bewusst, dass jedes empirische Muster mit verschiedenen Modellen erklärt werden kann. Der zweite Stil macht deutlicher als der erste, dass niemand die Welt ohne die Brille von Theorie und Erwartung sieht.

Ergänzen können wir, dass nach der Ära der Naturalisten, die Aristoteles strikt ablehnten, heute der narrative Stil des Aristoteles wieder zu Ehren kommt, auch in der Physik. Wenn zwei Theorien dasselbe vorhersagen, wie das Standardmodell der Quantenmechanik und die Theorie David Bohms, dann kann letztlich nicht entschieden werden, welche „richtig“ ist.

Jedenfalls ein spannendes Buch für philosophisch wie wissenschaftlich Interessierte. Letztere erfahren viel über die philosophischen Hintergründe der Naturwissenschaft, erstere lernen Aristoteles aus der Sicht des Biologen, für manche vielleicht etwas zu ausführlich, kennen.

 

Aristoteles

 

 

 

 

 

 

 

Armand Marie Leroi

DIE LAGUNE

oder wie Aristoteles die Naturwissenschaften erfand

Theiss Verlag / WBG 2017

ISBN 978-3-8062-3584-5

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Dualismus und Einheit in Platons Höhlengleichnis

In Platons Höhlengleichnis liegt der Dualismus im Detail, die Einheit in der Vielfalt im Ganzen.

Die Einheit liegt im Anfang und im Ende.

Im Anfang der Pseudomonismus der Schatten: Es gibt nur die Schatten und nichts als die Schatten. Aufgeklärte Klarheit und Eindeutigkeit, die nichts ist als ein schwerer Traum.

Am Ende die Einheit des Firmaments, das über allem und in allem strahlt. Das durch himmlische Blitze das Feuer in uns gebiert, das die Schatten erzeugt.

Dazwischen – von der Sonne bis zum Feuer – waltet die Dualität.

Das Feuer, das zuinnerst wärmt und erhellt, wirft in der äußersten Ferne die kalten Schatten an die Höhlenwand, die alles zu festem Eis erstarren lassen. Kommt man dem Feuer näher, kann es warm und hell sein, zu nahe aber sengend und blendend. Wer sich dem inneren Feuer nähert, muss in sich Abstand halten können, indem er Kälte und Hitze, Dunkelheit und Licht, verbindet.

Auch die Erkenntnis am hellen Tage ist noch zweischneidig. Wer nur die Sonne des Tages sieht und glaubt, schon die fundamentale Wahrheit zu besitzen, den versengt die Sonne in trockener Wüste. Alles was er sieht, ist bloß Fata morgana.

Wer durch die sternenklare Nacht streift, ahnt die Unendlichkeit des Firmaments, in dem kein Ende ist. Er kann in einsamer Waldlichtung den Sonnenaufgang über dem östlichen Meer erwarten. Er kann die Sonne durch den wolkenverhangenen Himmel am Mittag betrachten, den Stürmen trotzen und den Blitz empfangen, der ein Feuer entzündet, das die Höhle erwärmt und erleuchtet, und die Schatten wie lebendig macht.

Und am Ende ist Eine Welt.

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Platons Höhlengleichnis

Gefesselt an mentalen Kisten

Schatten an Weltenwänden müssten

dienen als schwarz-graue Realität

nicht wissend, welch ontologische Diät.

 

Erwacht zum Denken einer der ihren

entfesselt halten ihn für einen Irren

doch blickt er gegen den gewohnten Traum

wird gewahr ein gewaltiger Innenraum.

 

Tief erstreckt sich der Höhle Gemäuer

hinten tragen vor flackerndem Feuer

Wesen die Gegenstände hin und her

die als Schatten der Realität Gewähr.

 

Dann führt eine Treppe, die nicht endet

von strahlendem Licht  geblendet

endlich in die Freiheit der wirklichen Welt

die alles, auch die dunkle Höhle mit erhält.

 

Der Blick zum Himmel hoch erhaben

Sonne, Mond und Sterne laben

ganz innig, tief und wohl gekonnt

der Seele weiten Horizont.

 

Während tief in der Höhle Schatten nur gefällt

erschließt sich als Ganze jetzt die Welt

Nicht Dualität, wie alle vermuten

nur eine Welt des Ganzen, Guten.

 

Voll Freude zurück, die Botschaft zu bringen

allen, die noch mit den Schatten ringen,

doch die, weil stets nur Schatten erblickt,

halten ihn für völlig verrückt.

 

 

Platon ist der Denker des Gegensätzlichen, Dialektischen, des Widerspruchs und des Lebendigen. Dass das Ganze des Lebendigen den Widerspruch in sich trägt und aushalten muss, hat später Hegel bestätigt. Wäre Platon ein Dualist, wie es ihm immer unterschoben wird, er hätte das Höhlengleichnis nicht schreiben können. Dann hätte er ein Bild aus Schatten und Gestirnen konstruieren müssen, ohne Höhle, Feuer, Menschen, Gegenstände, Aufstieg usw.

Das Gleichnis zeigt den Menschen, der nur Schatten sieht, auch von sich selbst, reinste Objektivität, der das Lebendige fehlt, das nicht in den Blick kommt. Treffender kann man unsere Situation nicht beschreiben.

Oben ist dagegen der helle Tag, die Licht und Leben spendende Sonne, die eine bunte Vielfalt des Lebens ermöglicht. Doch zwischen der Schattenwelt und der Welt der Gestirne gibt es keine direkte Verbindung.

Dazwischen liegt hinten und oben in der Höhle der Innenwelt eine Balustrade, hinter der ein Feuer brennt, das die Schatten wirft, die Menschen und ihre Gegenstände werfen. Damit bezeichnet Platon das verborgen Lebendige hinter den Schatten.  Erst von hier aus gibt es eine Verbindung zur Welt der Gestirne, denn Prometheus holte das Feuer vom Himmel. Das erste Feuer kam wohl durch Blitze auf die Erde. Dies ist das lebendige Feuer in uns, das uns zu Endlichen macht, die auf Unendliches bezogen sind. Das innere Feuer stammt ursprünglich aus der Himmelswelt.

Dieser hintere und obere Teil der Höhle ist die Psyche, könnten wir heute sagen. Ihr Feuer ist zwiespältig, wärmend und erhellend einerseits, versengend und blendend andererseits. Hier haben wir die Dualität und den Widerspruch des Lebendigen. Wer sich aus den Fesseln der objektiven Schattenwelt lösen kann, und sich auf den Weg unter das Firmament machen will, muss zuerst am Feuer seiner Innenwelt vorbei. Muss sich erst an die Helligkeit gewöhnen und wird erst jetzt der Kälte der Schattenwelt gewahr. Das darf nicht zu schnell gehen, die Augen müssen sich erst an das Licht gewöhnen, und die Wärme ist auch ungewohnt. Sich zu schnell und enthusiastisch zu nähern wird zu Verbrennungen führen und eventuell dem Augenlicht schaden.

Dies führt auch unweigerlich zur Frage, was denn wirklicher sei, die objektiven Schatten oder die Gegenstände der Innenwelt im flackernden Feuer? Die Schatten waren klar und eindeutig und konnten vermessen werden. Die inneren „Gegenstände“ sind nicht festzuhalten, verändern sich je nach Flackern des Feuers. Obwohl konsistenter als die Schatten, erscheinen sie oszillierend, nicht festzuhalten im flackernden Licht des Feuers. Rein subjektiv und unwissenschaftlich, würden die Schattenmenschen sagen. Und doch wird erst jetzt klar, wie die Schatten von innen her entstehen. Die Schatten erscheinen nur objektiv, obwohl sie von innen her geworfen werden.

Würde jemand gezwungen aufzustehen, den Blick nach innen zu wenden, er würde zunächst nur ein Flimmern sehen, längst nicht so feststehend wie die vermessenen Schatten, an die er gewöhnt war. Nichts Reales, wäre notwendigerweise sein Eindruck. Wie könnte man ihm erklären, dass er jetzt sieht, wie die Schatten zustande kommen, die ihm viel realer erscheinen?

Würde man ihn ans Sonnenlicht außerhalb der Höhle bringen, wäre er noch mehr geblendet, und sehnte sich zurück nach der vertrauten Dunkelheit. Er wird zunächst gar nichts sehen und die Augen geblendet schließen müssen. Er müsste sehen lernen zunächst in der Nacht im indirekten Licht des Mondes. Dann am Tag das Bild der Sonne, gespiegelt im See. Erst zuletzt könnte er sich unter dem Himmel frei und sehend bewegen. Er wäre den Weg des Mystikers gegangen.

Käme er aber zurück und setzte sich auf seinen Sessel, er sähe nur Dunkelheit, wo die anderen klare Schatten sehen. Wie sollte er denen, die hier klar sehen, erklären, dass sie in einer dunklen Welt leben und Schatten vermessen? Wie sollte er ihnen vom hellen Tag unter dem Himmel, und der Vielfalt der bunten Welt erzählen? Wer würde ihm glauben? Wie sollte er ihnen erklären, dass es die Schattenwelt nur deshalb gibt, weil ein inneres Feuer, dessen Ursprung der Himmel ist, diese vertrauten Schatten produziert? Er müsste sich ja selbst erst wieder an die Dunkelheit gewöhnen, und sähe alles andere als klar. Und die anderen würden ihm beweisen, dass er mit verdorbenen Augen zurückgekommen wäre und alles nur seine Fantasie und Einbildung wäre.

Sie würden Vereine wie die „Skeptiker“ oder die „Giordano Bruno Gesellschaft gründen“, die ganz wissenschaftlich beweisen, dass nur die Schatten Realität seien, alles andere aber lächerlich.

Es genügt daher nicht, von der Welt unter dem Himmel zu erzählen, und für die Hörenden genügt es nicht, das Erzählte zu glauben. Das wäre zahnlose Philosophie oder täuschende Religion. Man muss die Gefesselten dazu bringen, selbst den Weg zu gehen, der zuerst nach innen, und dann nach „oben“ führt. Aber am Ende des Weges zeigt sich die Welt als Ganze und das Eigene in der Welt.

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Leibniz, Quantentheorie, Psychologie und Ganzheitsmedizin

Teil 1: Von Leibniz ins 20. Jahrhundert

 GM 1-2017_15-19.

 

Teil 2: Die Monadologie aus heutiger Sicht

GM 2-2017_15-19.

 

Teil 3: Medizin jenseits des Dualismus

GM 3-2017_14-18.
Leibnizbüste-im-Ostflügel-des-Museum-Schloss-Herrenhausen_2l
©
LHH. Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 – 1716)
2013 fand die Original-Büste einen neuen Standplatz
im Museum Schloss Herrenhausen in Hannover.
Dürr, Hans-Peter

Hans-Peter Dürr © RH

 

Jung.Pauli

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Projektionen rund um das Kopftuch

Quelle: Projektionen rund um das Kopftuch

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Psychologie und Religion

Brückenbau

Die allermeisten Diskussionen von und mit Religiösen und Atheisten kranken an einem Missverstehen dessen, was der Mensch ist, und zwar von beiden Seiten. Da religiöse Schriften in einer dem heutigen Denken fremden Sprache geschrieben sind, ist eine Diskussion der Texte sinnlos. Den Schlüssel zu diesen Texten hätten wir zwar seit etwa hundert Jahren in der Tiefenpsychologie, doch die wird seit ebenfalls hundert Jahren verdrängt und verleugnet.Unenparadox.

Der Mensch steht aber immer in Beziehung zu diesem ihm Unbekannten und Übergreifenden. In religiöser Sprache ist der Mensch Endliches, bezogen auf Unendliches. In psychologischer Sprache ist der Archetypus des Selbst nicht von den Gottesbildern zu unterscheiden. Der Archetypus ist schlichtweg unbewusst, und Gott ist das schlichtweg Unnennbare.

Ein weiteres Paradox ist die unbewusste (und irrationale) Grundlage des Menschen einerseits und di notwendige (rationale) Bewusstwerdung andererseits. Im Mythos lebten die Menschen in ihrer Ganzheit, aber dunkel und unbewusst. Heute leben wir in unserem…

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