Eine neue Sprache?

Im Briefwechsel zwischen C.G. Jung und Wolfgang Pauli ging es vor allem um die Komplementarität von Physik und Psychologie, von Materie und Psyche – sozusagen um die Außen- und Innenseite ein und derselben Wirklichkeit. Die von Jung als „psychoid“, also nicht wirklich psychisch bezeichneten Archetypen scheinen sich in der Psyche wie auch in der Physik auszuwirken. Wolfgang Pauli sprach von einer „neutralen Sprache“ die auf beide Gebiete anzuwenden wäre.

oznorWie könnte eine solche neutrale oder gemeinsame Sprache aussehen?

Die Quantenphysik erfordert bereits eine neue Sprache, die Begriffe der klassischen Logik gelten nur mehr eingeschränkt und nicht im Mikrokosmos. Das war in der Geschichte der Physik ein längerer Lernprozess und teilweise ein denkerischer Gewaltakt. „Materie gibt es nicht“ sagte Hans-Peter Dürr in seinen Vorträgen. Er meinte damit, dass Materie nicht das ist, was wir uns bis dahin darunter vorgestellt haben. Es gibt keine „kleinsten Bausteine“, die die Physiker gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu finden glaubten. Das wirklich Elementare ist kein Teilchen. Dürr konkretisiert: Im Mikrokosmos gibt es keine Teilchen, „sondern nur Beziehung, aber nicht Beziehung von etwas, sondern nur Beziehung“.

Subjekt und Objekt als Abstraktion

Das ist natürlich unanschaulich wie alles in der Quantenphysik und überfordert unsere Auffassungsgabe. Vor allem aber deswegen, weil unsere Sprache an der Mesowelt gewachsen ist, in der es – grob gesprochen – Dinge und Objekte gibt. Daher haben unsere Sätze Subjekt und Objekt. Diese Sprache ist nicht dafür geschaffen, mit einer Welt zurecht zu kommen, in der es so etwas wie isolierte Subjekte und Objekte nicht gibt.

Die Naturwissenschaft von Galilei, Descartes und Newton ist angetreten, die Welt zu erforschen und das Subjektive dabei völlig herauszuhalten. Das war zunächst ein Siegeszug sondergleichen. Bis sich in der Quantenphysik herausstellte, dass ein gewisses subjektives Moment – nämlich die Art des Experiments, mit dem sich dann ein Quantenphänomen entweder als Teilchen oder als Welle zeigt – gar nicht aus der Wissenschaft herauszuhalten ist Man kann die Mikrowelt nicht beschreiben, ohne die Versuchsanordnung in die Beschreibung mit einzubeziehen. Es gibt keine vom Beobachter unabhängige Außenwelt, und es gibt auch kein isoliertes, kontextunabhängiges Subjekt.

Ein Quantenphänomen zeigt sich entweder als Teilchen oder als Welle, es ist aber ein Phänomen, das weder Teilchen noch Welle ist, sondern etwas anderes. Der Begriff „Feld“ scheint es noch am besten zu beschreiben, weil damit sowohl die unendliche Ausgedehntheit als auch die lokale Konzentration – ohne angebbare Grenze – ausgedrückt werden kann, und das sogar in einem Bild.

Vom „Wissen“ zur „Wolke von Bedeutung“

Und dann darf man sich fragen, ob wir nicht auch unsere „klassische“ Lebenswelt ganz anders sehen müssten. Auch die Objekte unserer Lebenswelt sind, wenn man genau hinschaut, keine abgegrenzten Teilchen, sie hören nicht an der Oberfläche auf – auch der Mensch nicht – sondern gehen mehr oder weniger kontinuierlich in die Umgebung über, ohne die sie nichts sind. Sind Subjekt und Objekt nicht Abstraktionen, die nur eine sehr grobe Näherung an die Wirklichkeit ermöglichen? Brauchen wir nicht eine andere Sprache, wenn wir mehr erfahren wollen?

In der Innenwelt der Psyche – und nur in dieser erfahren wir auch unsere Außenwelt – gibt es keine Teilchen, keine Dinge, sondern Gedanken, Gefühle, Symbole und Archetypen. Letztere sind nichts Abgegrenztes, sondern eine „Wolke von Bedeutung“. Eine große Ähnlichkeit mit dem Feldbegriff der Physik drängt sich auf. Ein Symbol ist nie eindeutig, und auch durch noch so sorgfältige Deutung nicht auszuschöpfen. Das Bild ist wie die lokale Feldstärke, die das klassische Teilchenbild ersetzt hat, und es ist nicht scharf begrenzt, sondern vieldeutig.

„Wir erleben mehr als wir begreifen“ ist ein Buchtitel von Hans-Peter Dürr. „Begreifen“ kann man immer nur eine Oberfläche. In die Tiefe oder nach innen führt nur das Erleben. Dieses erkennt viel mehr, wenn auch nicht exakt und nicht eindeutig, als eine Art „Wissenswolke“, die ins Unanschauliche übergeht. Die Individuation bei C.G. Jung führt vom (bewussten, aber oberflächlichen) Ich über Anima/Animus, Schatten, und verschiedene Archetypen zum (alles umfassenden) Selbst, gleichzeitig Zentrum und Umfang der Psyche. Auch die Psyche ist aber nicht auslotbar, sie mündet im Unbewussten, das nie bewusst wird. Das Selbst ist eine Art Überintelligenz, die den (das Ich des) Menschen weit übersteigt. Dabei handeln die Archetypen, und natürlich auch das Selbst, unabhängig vom Ich quasi wie eigenständige Intelligenzen. Jung nennt das das „absolute subjektlose Wissen, das aus Bildern besteht1), lebendigen Bildern müsste man fast sagen.

Subjekt- und Objektlosigkeit

In Analogie zu Hans-Peter Dürr („Beziehung, aber nicht Beziehung von etwas, sondern nur Beziehung“) könnte man im Hinblick auf C.G. Jung und das Selbst (und die Archetypen) sagen: Wissen, aber nicht Wissen von jemand (einem Ich) über etwas, sondern nur Wissen. Es müsste eine Sprache geben, die solche Subjekt- und Objektlosigkeit auszudrücken imstande ist.

Dass die Tiefenpsychologie – außer von ein paar Modebegriffen – nicht in ein allgemeines Weltbild eingegangen ist, ist verständlich. Das „allgemeine“ Weltbild ist angelehnt an die Physik, aber an die klassische Physik des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Dass die Physik seit Anfang des 20. Jahrhunderts bereits ganz wo anders ist, wurde noch nicht allgemein registriert. Es ist aber wichtig, dass die Physik, die uns dieses materialistische Weltbild eingebrockt hat, inzwischen ganz andere Wege geht. Sie hat ja im 17. Jahrhundert alles Subjektive aus der Wissenschaft verbannt und die heilige Kuh der Objektivität hervorgezaubert. Daher gehen seither alle Argumente der Psychologie und aller Geisteswissenschaften ins Leere. Nun beginnt aber die Physik selbst, das Subjektive wieder in die Wissenschaft hereinzuholen und zu erkennen, dass man es gar nicht ausschließen kann. Das ist nichts weniger als der Anfang vom Ende der Subjekt-Objekt-Spaltung.

Ich ist Welt und Welt ist Ich

In der Sprache der Quantenphysik ist unser Weltbild eine Teilchensicht, die das Wellenbild ignoriert, verdrängt oder gar nicht sehen kann. Dieses Weltbild müssen wir durch eine Wellensicht ergänzen. Damit wird aus unserem statischen Weltbild ein dynamisches, das nicht mehr in isolierten Objekten und Dingen, sondern in Prozessen denkt und den Kontext immer mit einbezieht. Was wir dann brauchen, ist eine Feldsicht, die Teilchen und Welle, Subjekt und Objekt, zwar immer noch unterscheiden muss, aber nicht mehr trennen kann. Damit fällt die Grenze zwischen Ich und Außenwelt, zwischen Objekt und Umgebung. Die Welt ist nicht „objektiv“, sie ist immer unsere Welt, wir sehen sie so, wie wir sind, sie ist überlagert durch Projektionen von innen. Ich ist Welt und Welt ist Ich.

Wir können nur entweder nach außen (Teilchensicht) oder nach innen schauen (Wellensicht), eine materielle Welt oder die Psyche beschreiben. Das sind Gegensätze, die aber komplementär aufeinander bezogen sind. Um die Wirklichkeit zu beschreiben, brauchen wir beide Sichten. Wir müssen außen und innen, Materie und Psyche unterscheiden, können sie aber nicht mehr trennen.

Dabei kommt uns entgegen, dass unsere Sprache ohnehin keine naturwissenschaftliche, sondern eine psychosomatische ist. So kommt das Wort „Faktum“ (der Inbegriff des „Objektiven“) von facere = machen. Fakten sind also immer gemacht, kommen nur in der Sicht eines Menschen vor, der sieht und projiziert zugleich. So ist das (sonst völlig abstrakte) Objektive immer auch subjektiv, und das Subjektive, das die Psychologie untersucht, durchaus objektiv.

Sprache zwischen Fragment und Ganzem

Eine neue Sprache müsste auch vom Fragmentieren wegkommen. Naturwissenschaft fragmentiert, zerlegt in immer kleinere Teile, die man dann erfassen kann. Das Ganze kommt dabei nicht mehr in den Blick. Daher kann die Naturwissenschaft auch nicht die Natur oder die Wirklichkeit als Ganze beschreiben. Die Natur kommt aber nur als Ganze vor.

Eine neue Sprache muss sich von der Exaktheit und Eindeutigkeit verabschieden, wäre damit aber näher an der Natur. In der Natur ist nichts eindeutig, nichts exakt, schon weil alles zusammenhängt und nichts isoliert werden kann. Einen Teil zu benennen, heißt ihn zu begreifen, aber nicht zu erkennen oder zu erleben. Ein wichtiges Moment der Quantentheorie ist die Unbestimmtheitsrelation. Wenn wir den Ort eines „Teilchens“ exakt bestimmen, dann ist die Geschwindigkeit unbestimmt und unbestimmbar. Wenn wir exakte Begriffe wollen (und natürlich brauchen wir die), dann ist ihre Beziehung zum Ganzen völlig unbestimmt, dann haben diese Begriffe wenig mit der Natur zu tun. Wollen wir wirklich beschreiben, was ist, dann werden diese Begriffe nicht eindeutig, nicht exakt sein, sondern vieldeutig und vage – und trotzdem mehr über die Natur aussagen können.

1) Marie-Louise von Franz: „Psyche und Materie“, Daimon Verlag 2003, S 365

Foto: RH

© R. Harsieber

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„Ursache und Wirkung“

Es ist esoterische Mode geworden, das asiatische Karma, das buddhistische „Ursache und Wirkung“ nachzubeten, ohne sich Gedanken darüber zu machen, was in Asien darunter verstanden wird.

DSC_0563Wir lesen „Ursache und Wirkung“ und denken automatisch an unser vertrautes Kausalgesetz. Dass hinter asiatischen Begriffen ein anderes Weltbild steht und eine einfache Übersetzung noch rein gar nichts zum Verständnis beiträgt, daran denkt kaum jemand. Unser Weltbild ist ein fragmentarisches pseudo-naturwissenschaftliches – auch wenn schon in der Sprache mehr steckt, aber das fällt uns gar nicht auf. Das asiatische ist kein naturwissenschaftliches Weltbild, sondern ein ganzheitliches, in dem z.B. unsere Trennung zwischen Psyche und Materie nicht bekannt ist.

Kein mechanisches, sondern ein psychisches Gesetz

C.G. Jung und Wolfgang Pauli haben sich auch mit der Gegensätzlichkeit und Komplementarität von Materie und Psyche beschäftigt, und was Jung als Synchronizität bezeichnete, kommt der asiatischen Auffassung von Ursache und Wirkung bedeutend näher. Daher lesen Asiaten unsere Kausalität mehr im Sinne der Synchronizität. Ihnen geht es ja viel mehr um sinnvolle Verbindungen, und nicht um abgespeckte mechanische Kausalität. Daher verstehen wir nicht, was Asiaten unter Ursache und Wirkung verstehen, und Asiaten verstehen gar nicht, was wir mit Kausalität meinen.

Wenn wir „Nirvana“ mit „Nichts“ übersetzen und ein logisches Nichts assoziieren, liegen wir auch völlig falsch. Dass es auch bei uns Mystiker gab, die vom Nichts sprachen und kein logisches Nichts damit meinten, ist längst vergessen. Das war vor der Naturwissenschaft. Wenn wir beim Karmagesetz daran denken, dass jedes Tun eine Wirkung auslöst, ist das nur bedingt richtig. Das Karmagesetz ist zwar das Gesetz von „Ursache und Wirkung“, aber nicht der mechanischen Kausalität, sondern es ist vielmehr ein psychisches Gesetz. Es hat nichts mit dem starren alttestamentarischen Aug um Auge zu tun. Jedes Tun löst etwas aus, das ist schon richtig, aber was es auslöst, kann sehr Verschiedenes sein. Zum Beispiel kann es sich auf verschiedenen Ebenen auswirken, es kann sich symbolisch auswirken. Und wenn eine Lektion gelernt ist, muss es sich gar nicht mehr auswirken, ist sozusagen gelöscht durch einen „höheren“ Zustand. Um den geht es nämlich, und nicht um ein mechanisches Gesetz.

Kausalität und Synchronizität

So wie wir Asiaten nicht verstehen, weil wir automatisch an Kausalität denken, so verstehen die Asiaten unsere Kausalität nicht, weil es dort gar keine Entsprechung dafür gibt. Eine Begebenheit, die Marie-Louise von Franz berichtet, illustriert das sehr gut : „Als ich einmal über Synchronizität und Kausalität am Jung-Institut eine Vorlesung hielt, kam ein Japaner plötzlich begeistert auf mich zu und sagte: ‚Jetzt verstehe ich, was Kausalität ist. Wenn ich über westliche Physik gelesen habe, meinte ich immer, das sei alles synchronistisch. Und jetzt, wo Sie sich so viel Mühe gegeben haben, das auseinanderzunehmen, konnte ich zum ersten Mal verstehen, was Kausalität ist.‘“

Östliches und westliches Denken sind so anders, dass wir einander gar nicht verstehen, wenn wir nur die Begriffe übersetzen. Wir brauchen eine genauere Erklärung und vor allem das dahinterstehende unterschiedliche Weltbild. Die Asiaten verstehen den materiellen Vorgang – den sie vom psychischen gar nicht trennen können – als synchronistische Spiegelung des Psychischen. Von Franz berichtet dazu auch von einer Geschichte aus der Tang-Zeit 2). Es geht um einen Vulkanausbruch. Erst entstand ein Kratersee und dann in dessen Mitte ein Vulkankegel. Die damalige Kaiserin, eine herrschsüchtige Frau, die ihren Gatten völlig entmachtet hatte, nannte ihn Glücksberg, Da schrieb ihr ein Untertane einen Brief, in dem er höflich darauf hinwies, dass die Erde gestört ist, wenn der Himmel gestört ist, und dass die menschliche Seele gestört ist, wenn die Erde gestört ist: „Eure Majestät haben sich in männlicher Art über das Weibliche erhoben. Ich würde Eurer Majestät raten, Reue und Umkehr zu üben, damit kein Unheil über das Reich kommt.“ Berg ist in China ein männliches Prinzip, der See ist weiblich. Der Berg über dem See wird mit der Situation im Kaiserhaus verbunden, denn das äußere Geschehen wird als Abbild des inneren Psychischen gesehen. In der Terminologie von C.G. Jung wäre das Synchronizität.

Denken aus dem Gesamtzusammenhang

Während wir im Westen fragen, was passiert, wenn wir etwas tun, fragen die Chinesen, warum etwas simultan passiert? Sie gehen immer von einem Gesamtsinn (Tao) aus. Die Natur ist für sie eine psychophysische Einheit. „Das chinesische Denken setzt voraus, dass die ganze Natur eine psychophysische Einheit ist oder einen einheitlichen Gesamtzusammenhang hat, der sich aber jeder auf Details konzentrierten Beobachtung entzieht.“ 3)

Das war übrigens in der Antike bis zu Plato auch so, daher interpretieren wir nicht nur asiatische Texte, sondern auch die Antike und vor allem Plato meist völlig falsch. Wir können Plato nicht verstehen, wenn wir in gewohnter Weise Natur, Seele, Geist, Ideen trennen, während das damals noch eine Einheit war.

1) Marie-Louise von Franz: „Psyche und Materie“, Daimon Verlag 2003, S. 25
2) Ebda S. 26
3) Ebda S. 36

Foto: RH

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Die „Überwindung“ des Ego

oznor„Wir müssen das Ego überwinden, um zu erwachen.“

So die formelhafte Rede aller Pseudogurus. Doch da wird genauso viel vorausgesetzt wie verwechselt. Diejenigen, die solche Sätzchen – die so einleuchtend klingen – nachbeten, verschwenden meist keinen Gedanken daran, was damit gemeint sein könnte, noch weniger, woher diese Auffassung überhaupt kommt und ob sie mit unserer westlichen Sprache einigermaßen wiedergegeben werden kann.

In der Protestbewegung der 1960er Jahre hatte die Ablehnung des „Establishments“ auch eine Flucht in die exotische Welt Indiens zur Folge. Diese Yogawelle wurde zur Massenbewegung, das indische Weltbild wurde zwar nicht verstanden, aber idealisiert und rosarot eingefärbt. Zwischen Fakiren, Sadhus, Swamis und Yogis zu unterscheiden, war zu viel verlangt. Dass Yogis auch in Indien so selten waren wie Nobelpreisträger im Westen, wurde verdrängt. Im Laufe der Jahrzehnte verflachte das ohnehin oberflächliche Bild von Yoga, Buddhismus, Zen, Taoismus, Tantra usw.

Wenn man sich heute die „Szene“ so ansieht, dann ist Yoga eine Art Turnübung, die zur Zirkusreife perfektioniert wird, und jede/r bietet seine/ihre eigens kreierte Richtung an. Mit Yoga hat das allerdings nichts mehr zu tun. Dann gibt es die „Guru-Szene“, die sich nicht z.B. auf Ramakrishna, Ramana Maharishi oder Yogananda beruft, sondern auf jene Pseudo-Gurus, die im Rolls Royce und Hubschrauber über ihren missbrauchten Groupies schwebten. Inder sind kreativ und geschäftstüchtig. So war es ihnen ein Leichtes, die Westler mit ihren eigenen Mitteln zu fangen.

Ihre Botschaft, so wenig originell sie auch ist: „Wir müssen das Ego überwinden, um zu erwachen.“ Charismatisches Macho-Gepräge verhindert, dass dieser Stehsatz in seiner Einfältigkeit durchschaut wird. Was bedeutet „Ego“? Was heißt „überwinden“? Was ist unter „erwachen“ zu verstehen? Man fragt nicht, man lässt sich berieseln, das Denken muss ja auch überwunden werden. Sollte wirklich wer denken, wird er/sie rausgeekelt. Oft auf brutalste Art und Weise.

Zu bedenken wäre der asiatische Ursprung dieses Satzes:
Dabei geht es nicht um eine andere Sprache, die man nur übersetzen müsste, sondern um ein anderes Weltbild. Grob gesagt, ist das westliche Denken extravertiert, das östliche introvertiert. Hier ist die „Welt“ Außenwelt, dort ist sie Innenwelt. Hier rationales Denken, dort Meditation. Natürlich gibt es das jeweils Gegensätzliche immer auch, wie es das chinesische Yin-Yang-Symbol ausdrückt.

Was hier mit Ego, Ich oder Selbst übersetzt wird, gibt es so im asiatischen Weltbild gar nicht. Für uns ist das Ich Zentrum unseres bewussten Seins. Ego ist die Verengung zur Egozentrik bis zum Egoismus. Und Selbst ist die Gesamtheit der Psyche, das Unbewusste, Transzendente einschließend. Wir müssen also schon in unserem westlichen Weltbild zwischen Ego, Ich und Selbst unterscheiden. Was überwunden werden soll, ist das Ego, was bleibt, ist das Ich, von dem ein (mühsamer) Weg hin zum Selbst führt. „Es ist schon alles da“, ein weiterer Stehsatz, ist einerseits richtig, andererseits sinnlos. Was unbewusst „da“ ist, ist praktisch nicht „da“. Dieser Stehsatz täuscht darüber hinweg, dass der spirituelle Weg eine Lebensaufgabe ist. Der total missverstandene Begriff des Advaita (Nicht-Zweiheit) gebiert keine Einheit, sondern Stillstand. Bloße Sätze, bloße Theorie sind nicht imstande, irgendetwas zu verändern. Das „es ist schon alles da“ wird dann zum „es kann alles bleiben, wie es ist“.

Völlig anders die asiatische Sicht:
Ein Ich im westlichen Sinne gibt es dort nicht. Der Osten ist auf die Innenwelt ausgerichtet, hat also mehr mit Psychologie zu tun als der Westen. Was als „Ich“ empfunden wird, ist dem Asiaten etwas Unbeständiges, ein Konglomerat von verschiedensten Bestrebungen. Eine Täuschung, aber nicht in dem Sinne, dass es das nicht gibt, sondern im Sinne, dass es uns täuscht, etwas vorspiegelt. Versinnbildlicht im Bild des herumspringenden Affen. Der Asiate ist seinen Affekten, Gefühlen, fixen Gedanken ausgeliefert, und davon muss er weg. Er denkt den Wandel, ohne einen Zustand zu fixieren.

Das hat nichts mit einem Ich im westlichen Sinne zu tun, das eine Identität ausdrückt. Aber eine Identität, die im Wandel ist, den das westliche Weltbild nicht bedenkt. Der Wandel wird durch unsere „objektive“ Sicht verschleiert. Wir sehen – durch eine zweieinhalb Jahrtausende alte Logik und schon durch unsere Sprachstruktur – alles als dinglich, als Objekt. Sogar das Ich wird uns zum Objekt. Was nicht „objektiv“ ist, ist ja Fantasie. Dieses Objektdenken ist ein rein statisches Weltbild, das unfähig ist, die Welt und uns selbst als Prozess, als Wandel zu sehen.

„Wir müssen das Ego überwinden, um zu erwachen.“
Asiatisch gelesen heißt das: Ich muss weg von dem konglomeratartigen Strudel, der mich von mir selbst entfremdet – um in die Dynamik einzutreten, die mich zum eigentlichen Selbst (atman) führt. Und in meinem Innersten (Atman) bin ich das Absolute (brahman). Das aber ist ein mühsamer Weg, den man Yoga nennt oder den achtfachen Pfad des Buddha. Selbst im Weg des Advaita geht es um (mindestens) jahrzehntelange Übung.

Westlich gelesen heißt das: Ich muss die Egozentrik überwinden – was in unserem narzisstischen Zeitalter schwierig ist, und nicht durch Stehsätze überwunden wird. Erst dadurch kann ich mich auf meine Identität des bewussten Ich konzentrieren, und von da aus ins Reich der Innenwelt (des Unbewussten) vorstoßen. Hier begegne ich dem Schatten, Anima/Animus, kann mit verschiedenen Archetypen (dem Helden, dem/der alten Weisen…) arbeiten und das Ich langsam ausweiten, um es nach einer langen Reise mit dem Selbst (das die Vereinigung von bewusst und unbewusst, von Männlichem und Weiblichem ist) zu verbinden.

Wichtig ist, dass das Innere nicht (abwertend) „bloß psychisch“ ist, sondern ebenfalls eine (innere) Welt. Archetypen entwickeln nach C.G. Jung eine Eigenständigkeit, sie „wissen“ weit mehr als das bewusste Ich, sind Lehrer und auch so etwas wie „Gottheiten“. (Nur wer die Psyche versteht, weiß worum es in den Religionen geht).
Und hier – in dieser Innenwelt – begegnen sich Ost und West. Was wir Archetypen nennen können, sind in Asien die „Gottheiten“, die nicht in einem fernen „Himmel“ existieren, sondern in der Innenwelt. Denen man aber tatsächlich begegnen kann und muss. Genauso ist C.G. Jung seinem Philemon (seinem Selbst) begegnet, wie er im Roten Buch berichtet. Ebenso seiner Anima, der ein östlicher Mensch in seiner inneren Göttin (gegengeschlechtlichen Gottheit) begegnet.

Dass männliche Gottheiten immer eine weibliche Entsprechung (Anima – z.B. Shakti, Tara) haben, und dass ihnen auch eine „schreckliche“ Version (Schatten – z.B. Kali) entspricht, zeigt, dass unsere westliche Kultur da noch einiges aufzuholen hat.

© Robert Harsieber

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Falsifizierbarkeit – Das Ende eines Mythos

Zwar gilt Poppers wissenschaftliches Kriterium nach wie vor beinahe uneingeschränkt, allerdings hat es mit dem tatsächlichen Wissenschaftsbetrieb kaum etwas zu tun.

Wahrscheinlich ist es die simple Einfachheit, die Poppers Falsifizierbarkeit am Leben erhält, auch wenn es eine künstliche Lebensverlängerung ist. Physiker haben eben einen Hang für einfache Theorien. So bezeichnete der indische Astrophysiker Subrahmanyan Chandrasekhar die allgemeine Relativitätstheorie als „die schönste aller Theorien“. Allerdings musste die eine schon enorme Komplexität vereinfachen, um eine derart schöne Theorie zu ergeben.

Das berühmte Beispiel, dass ein einziger schwarzer Schwan die Hypothese, alle Schwäne seien weiß, falsifiziert, klingt überzeugend, scheitert aber daran, dass die Wirklichkeit nicht schwarz-weiß ist und der Wissenschaftsbetrieb auch ganz anders läuft. Da wird eine Theorie oft nicht falsifiziert verworfen, sondern erweitert, oder es wird ihr Gültigkeitsbereich eingeschränkt. So gilt die newtonsche Mechanik auch weiterhin als sehr gute Annäherung in unserer Lebenswelt und wird hier auch immer noch verwendet. Im Bereich des sehr Großen gilt dagegen die Relativitätstheorie und im sehr Kleinen die Quantenmechanik. Wissenschaftliche Theorien beruhen außerdem sehr oft auf verschiedenen Hypothesen. Scheint ein Experiment die Theorie zu falsifizieren, wird man oft die Hilfshypothesen modifizieren und nicht die Theorie verwerfen.

Das Problem ist auch, dass sich die moderne Physik an den Rändern der Welt abspielt und an diesen Rändern völlig andere Gesetze herrschen, die unserer Intuition meist völlig zuwider laufen. Und da gibt es heute auch schon Hypothesen, die sich anscheinend unmöglich falsifizieren lassen. Ist das dann noch Wissenschaft? Nach Popper streng genommen nicht, und doch sind es wissenschaftliche Theorien, die als solche auch ernst genommen werden. Etwa die String-Theorie, die von mathematisch errechneten Multiversen ausgeht, aus denen sich keine überprüfbaren Voraussagen ableiten lassen. Allerdings entstand diese Theorie aus dem Bemühen, allgemeine Relativitätstheorie und Quantenmechanik zu verbinden. Beides anerkannte, falsifizierbare Theorien, auch wenn sie einander „widersprechen“.

Es gibt auch Hypothesen darüber, was im Inneren eines Schwarzen Lochs passiert, obwohl der Ereignishorizont jeden Einblick verhindert. Es könnte aber auch sein, dass es gar nicht immer zu einem solchen Ereignishorizont kommt. Man kann also im voraus gar nicht mit Sicherheit sagen, ob eine Hypothese oder Theorie jemals falsifizierbar ist oder nicht.

Zudem hat der Wissenschaftsbetrieb auch eine soziale Komponente. Wissenschaftlich ist, was allgemein anerkannt ist, und kein Wissenschaftler strebt danach, seine eigene Theorie abzuschießen. Man sucht vielmehr Theorien, die funktionieren und nicht Alternativen zu falsifizieren. Es gibt ohnehin keine „wahren“ Theorien, sondern nur funktionierende. Es geht nicht um Wahrheit, sondern um Wahrscheinlichkeit. Wie ein Richter im Strafprozess hat auch eine Wissenschaftler meist nur Indizien, mit denen sich die Plausibilität einer Theorie erhöht oder eben nicht. Wissenschaft falsifiziert nicht, sondern steigert das Gewicht der Indizien. Es ist ein Spiel von (subjektiver) Überzeugung und Wahrscheinlichkeit, nicht eines von wahr oder falsch. Die Beobachtungen sollen die Wahrscheinlichkeit einer Theorie erhärten. Nicht zutreffende Theorien werden meist nicht falsifiziert, sondern unter dem Gewicht gegen sie sprechender Indizien ausgeschieden.

Heute haben wir auch die Situation, dass wir konkurrierende Theorien haben. Physiker suchen z.B. nach einer Vereinheitlichung von allgemeiner Relativitätstheorie und Quantenmechanik. Dabei rittern etwa die Stringtheorie (das sind mehrere Theorien und Erweiterungen wie die M-Theorie) und die Schleifen-Quanten-Gravitation. Jede kann gewisse Phänomene erklären, andere nicht. Momentan kann man nur versuchen, die Indizien zu gewichten und beide Theorien weiter zu verfolgen.

Poppers Falsifizierbarkeit als Kriterium der Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft zu nehmen, funktioniert auch nicht. Denn auch Astrologie und Wahrsagerei machen falsifizierbare Aussagen. Gerade die Hardcore-Wissenschaftler würden sich vehement dagegen wehren, sie als bestätigt anzuerkennen, weil deren Aussagen nicht falsifiziert wurden. Mit einem solchen bewährten Schwarz-Weiß-Denken kann man z.B. die Komplementärmedizin effektiv in Schach halten.

Immer sind es die empirischen Beobachtungen, die darüber entscheiden, ob eine Theorie ernst genommen werden kann. Aber es ist an der Zeit, das Schwarz-Weiß der Falsifikation durch die Grauwerte der Wirklichkeit zu ersetzen.

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Wissenschaft und Fortschritt

These: Wissenschaft ist nicht nur dazu da, Rationalität zu bestätigen, sondern auch dazu, Rationalität zu widerlegen oder zu übersteigen.

Gemäß dem Alltagsverstand ist Wissenschaft dazu da, Klarheit zu schaffen, unser mythisches – mitunter auf Vorurteilen beruhendes – Weltbild in ein rationales überzuführen. Wäre das allerdings wirklich nur so, gäbe es kaum einen merklichen Fortschritt in der Wissenschaft.

Tatsächlich beginnt Wissenschaft mit Intuition, mit auf Anschauung beruhender Intuition (Einstein). Eine wissenschaftliche Theorie entsteht aus einer Idee, die nie entstehen könnte, würde der Wissenschaftler nur rational denken. „Bevor Wissenschaft praktisch wird, ist sie visionär.“ (Carlo Rovelli). Wissenschaft beginnt dort, wo das Selbstverständliche (bislang Rationale) infrage gestellt wird (Rupert Sheldrake).

Die Wissenschaftssoziologie erklärt, dass Wissenschaft – wie alles Menschliche – auch irrational abläuft, Machtspielen und jeder Art von sozialen und kulturellen Einflüssen unterworfen ist. Trotzdem ist es am Ende meist möglich zu sagen, wer richtig und wer falsch liegt. Selbst der große Einstein musste sowohl gegenüber Niels Bohr (Thema: verborgene Variable) als auch Georges Lemaitre (statisches Weltbild) einräumen, dass er sich damit getäuscht hatte.

Wissenschaftliche Theorien müssen durch Experimente überprüft werden und erweisen sich dadurch als falsch oder richtig. Im letzteren Fall erweist sich mitunter etwas als richtig, das vorher als unlogisch und irrational galt. Schon Einsteins Relativitätstheorie widersprach dem „gesunden Menschenverstand“, noch viel mehr die Quantentheorie. Kein logisch denkender Mensch hätte der Quantenmechanik Recht gegeben. Sie konnte sich nur durchsetzen, weil ihre völlig irrationalen Vorhersagen, „auch die verblüffendsten und verrücktesten“ (Carlo Rovelli) nach und nach in Experimenten bestätigt wurden. Und auch die beweisen die Theorie nicht, sondern machen sie glaubwürdig.

Es wäre übrigens völlig kurzschlüssig, die wissenschaftliche Methode auf ihre quantitativen Vorhersagen zu reduzieren. Wer das behauptet, so Rovelli, der verwechselt die Instrumente mit dem Zweck. Die Prognosen zu überprüfen ist ein Werkzeug, nicht der Zweck der Wissenschaft. Der ist vielmehr, ein Bild von der Welt zu entwerfen und es weiterzuentwickeln.

Wissenschaftlicher Fortschritt entsteht nur auf der Grundlage neuer Daten. Auch dieser Satz ist grundfalsch. Kopernikus hatte keine neuen Daten, sondern dieselben wie Ptolemäus. Newton hatte fast keine neuen Daten, sondern führte nur die Kepler’schen Gesetze mit Galileis Ergebnissen zusammen. Als Einstein die Allgemeine Relativitätstheorie formulierte, hatte er auch keine neuen Daten, sondern stützte sich auf die der Speziellen Relativitätstheorie und auf die Theorie Newtons. Die Quantengravitation versucht, die Allgemeine Relativitätstheorie und die Quantentheorie zu verbinden. Immer geht es darum, Bestehenden zusammenzubringen, miteinander zu kombinieren und Bestehendes völlig neu zu denken. Das geht meist nicht durch bloß rationales Denken, sondern erfordert die Intuition, etwas völlig neu zu betrachten.

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Die Lagune oder wie Aristoteles die Naturwissenschaften erfand

Es ist interessant, Aristoteles einmal nicht aus der Sicht eines Philosophen, sondern aus der eines Biologen zu sehen. Armand Marie Leroi geht davon aus, dass die philosophischen Texte nur ein Teil der Schriften des Aristoteles sind, und nicht einmal der wichtigste.

Aristoteles sei ein intellektueller Allesfresser und Nimmersatt gewesen, und das Thema, das ihm am meisten am Herzen lag, war das Studium der lebendigen Natur oder, wie wir heute sagen würden, der Biologie. Was ihn so bedeutend macht: „Seine Konzepte fließen wie ein unterirdischer Fluss durch die Geschichte unserer Wissenschaft und treten hier und da als Quelle zutage als scheinbar neue Ideen, die jedoch tatsächlich schon sehr alt sind.“ Oder wie es Theodor Gomperz formuliert: „Man braucht die Lehren und Schriften (….) eines Platon und Aristoteles nicht zu kennen, man braucht ihre Namen nie gehört zu haben, und man steht darum doch nicht weniger im Bann ihrer Autorität.“

Auf Platon ist Leroi allerdings nicht gut zu sprechen, er kommt sonst nur in Seitenhieben vor, so wie auch Aristoteles emsig damit beschäftigt ist, seinen Lehrer zu verleugnen. Doch hat er seine Idee, dass der Kosmos (auch) durch Ziele und Zwecke erklärt werden muss, von Platon. Auch war Aristoteles kein Materialist wie die Atomisten, sondern hatte eine durch und durch biologische Sicht der Welt.

Zunächst muss man die heutigen Unterscheidungen von Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft, von Philosophie und Mythos vergessen, die gab es damals noch nicht. Der Streit tobte damals zwischen denen, die sich um die äußere Natur kümmerten, und denen, die sich „nur“ der inneren Natur zuwandten, wie Sokrates und Platon. Ihrem Idealismus und der Akademie erklärte Aristoteles den Krieg. „Seine Philosophie schließt Schmutz, Blut, Fleisch, Wachstum, Kopulation, Fortpflanzung, Tod und Verfall mit ein….“ Er seziert Tiere und menschliche Föten. Er war das antike Wikipedia im Alleingang. Über vieles hatte er „ordentliche, aber falsche Vorstellungen“.

Alles Wahrnehmbare ist ihm eine Verbindung von Form (eidos) und Materie (hylé). Wobei „Verbindung“ schon nicht richtig ist, weil er das nicht trennt. Eidos ist ein inneres Wirkprinzip, ein „Erscheinungsprinzip, wenn es noch nicht gesehen werden kann“, wie im Ei oder im Samen. Heute würden wir dazu Information sagen.

Moderne Wissenschaft beruht auf Messen und Quantität, die Theorien des Aristoteles waren qualitativ und er hat nie etwas gemessen. Er kannte aber vier „Ursachen“, genauer vier Arten der Erklärung, die in der heutigen Naturwissenschaft auf eine (die Wirkursache) verengt wurden. Aristoteles kennt auch keine kontrollierten Experimente, aber, so Leroi, „in der Praxis gestattet die Naturwissenschaft – und damit meine ich, wie Aristoteles auch, das Studium der natürlichen Welt und nicht mathematischer oder geometrischer Objekte – selten präzise Beweise“.

Was ist Leben?

Für Erwin Schrödinger ist Leben ein System, das sich aus negativer Entropie speist. Für Aristoteles sind Lebewesen jene, die eine Seele haben. Da würden heutige Wissenschaftler einen roten Kopf bekommen, aber Seele ist bei Aristoteles auch nicht das, was wir heute darunter verstehen oder ablehnen. Psyché ist dasselbe Wort wie für Schmetterling, ein durchaus zoologischer, wenn auch symbolischer Begriff. Psyché ist die Form (eidos) in einem Körper, aber nichts von diesem Getrenntes. Schlüsselwort ist die entelecheia, ein Begriff, in dem ein Ziel oder Zweck (telos) steckt.

Von den vier Ursachen, oder besser ursächlichen Erklärungen, beziehen sich drei auf die Seele: die Formursache, die Wirkursache und die Zweckursache. Bloß die Stoffursache bleibt der Materie vorbehalten. Wieder müssen wir aber dazusagen, dass Körper und Seele nicht so getrennt waren wie wir das heute sehen. Aristoteles steht nicht wie Descartes vor dem Problem, erklären zu müssen, wie die Seele auf den Körper wirkt, weil er sie gar nicht trennt. Eine Leiche, die keine Bewegung, keinen Zweck mehr hat und deren Form zerfällt, ist nach Aristoteles kein Mensch mehr.

Während es also für Aristoteles die psyché ist, die den Menschen ausmacht, eliminiert später die Naturwissenschaft die drei ursächlichen Erklärungen, die sich auf die Seele beziehen, und lässt nur die Kausalität als materielle Ursache gelten. Sie streicht damit das Lebendige aus der Wissenschaft. Daher kann Wittgenstein im Tractatus 6.52 sagen: „Wir fühlen, dass selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar berührt sind.“

Die Seele ist in moderner Sprache nicht-lokal, Aristoteles sagt „überall und nirgends“, sie ist kein Ding, sondern sozusagen die Summe seiner funktionellen Merkmale. Daher ist in jedem Körperteil die ganze Seele. Psyché ist eher ein systemischer Begriff.

Das Kontinuum zur Vollkommenheit

Aristoteles trennt (noch) nicht, daher erscheint ihm die Natur als Kontinuum vom Unbelebten zum Lebendigen. Er nimmt eine Stufenleiter von den Steinen über Pflanzen, Tieren und Menschen bis hin zu Gott. Auch da müssen wir unsere heutige Vorstellung von Gott vergessen. Es ist eine Stufenleiter zur Vollkommenheit. Inklusive der antiken Vorstellung, dass Männer vollkommener sind als Frauen. Für den Embryo steuert der Mann die Wirkursache, die Frau die Stoffursache bei. Wobei hier unterbewusst Symbolisches dahinter steckt, denn die Form ist der Materie überlegen. Man unterschied damals nicht zwischen Haustieren und Sklaven. Den „Barbaren warf man von, auch nicht zwischen Frauen und Sklaven zu unterscheiden.

Für Aristoteles ist der Mensch außergewöhnlich triebhaft. Von allen Tieren ist der Mensch aber dasjenige, das Gott am nächsten ist – pikanterweise auch in seiner wilden Treibhaftigkeit. Allerdings gibt es Menschen, die unvollkommener und „von Natur aus Sklaven“ sind, auch weil ihnen der Verstand fehlt. Die Beziehung zwischen Herren und Sklaven ist allerdings für beide von Vorteil.

Der Staat ist für Aristoteles nichts Natürliches, kein Organismus, wie später bei Hobbes oder Hegel, sondern eine rein rechtliche Form. Allerdings, wenn der Mensch nach Glück, eudaimonia, strebt, womit die Ausübung der Tugend im Sinne der Vernunft gemeint ist, so lässt sich das nur erreichen, wenn man sich dem Staat unterwirft. Der Mensch ist zwar ein soziales Wesen, aber ohne die Herrschaft des Gesetzes ist er das schlimmste der Tiere, wild, unheilig, lüstern und unersättlich. Die Bürgerschaft erfordert aber Freiheit von niederer Arbeit – womit Handwerker, Händler und Arbeiter genauso wie Frauen, Kinder und Sklaven ausgeschlossen sind.

Aristoteles weist auf die destabilisierende Wirkung von Immigration hat – obwohl er in Athen selbst Ausländer mit Aufenthaltsgenehmigung ist, der nicht einmal ein Haus besitzen darf. Ungleichheit sei imstande, einen Staat zu zerstören. Tatsächlich entstanden und vergingen in der Ägäis Monarchien, Oligarchien und Demokratien gleichermaßen wie die Eintagsfliegen.

Die Wiederentdeckung

In Europa geriet Aristoteles in Vergessenheit. Erst die Rückeroberung des maurischen Spanien brachte seine Schriften in arabischer Übersetzung wieder zurück. Albertus Magnus war der erste, der sich wieder mit Aristoteles beschäftigte, danach Thomas von Aquin. Erst jetzt wurde er wieder zum Superstar der Wissenschaft. Das führte auch zu Kuriositäten: So weigerte sich Cesare Cremonini, ein Professor für Naturphilosophie, wie die Physik vor Newton noch hieß, der Einladung Galileis zu folgen und durch sein Fernrohr die Mondberge zu begutachten. Begründung: Wenn der Mond keine vollkommene Kugel sei, dann müsse er vergänglich sein, und Aristoteles hatte gesagt, das wäre er nicht. Was heute viele verdrängen, in der Wissenschaft war damals nicht die Kirche, sondern die Universität, allen voran die von Paris, die Autorität – und eben Aristoteles. Auch die Gegner Galileis saßen nicht im Vatikan, sondern in Paris.

Cremoninis Abwehr entlockt uns heute nur ein hämisches Lächeln – aber es steckt viel vom Prinzip der Wissenschaft darin. Wissenschaft postuliert ellipsenförmige Planetenbahnen oder gleich schnell fallende Körper, rechnet mit punktförmigen Massen, obwohl es das nirgends in der Natur gibt. Wissenschaft konstruiert eine vereinfachte Welt, die man berechnen und verändern kann. Von der individuellen und lebendigen Wirklichkeit muss abstrahiert werden. Aber Aristoteles reduziert (noch) nicht. Er würde nie sagen, dass ein Lebewesen nur aus Materie besteht. Er kritisierte die Materialisten und alle, die vor ihm waren, um es besser zu machen. Daher sagte Bertrand Russel, Aristoteles war der erste, der schrieb wie ein Professor.

Zwei Stile der Wissenschaft

Die Wissenschaft, so Leroi, akzeptiert zwei unterschiedliche Arten der empirischen Untersuchungen: Bei der einen (bekannteren) werden Kausalhypothesen durch Experimente geprüft, bei der anderen werden Daten angehäuft, darin Muster gesucht und aus diesen Mustern Kausalerklärungen abgeleitet. Letztere war der Stil des Aristoteles, auch der Stil Darwins. Darin wird ein Narrativ gesucht, und es bleibt bewusst, dass jedes empirische Muster mit verschiedenen Modellen erklärt werden kann. Der zweite Stil macht deutlicher als der erste, dass niemand die Welt ohne die Brille von Theorie und Erwartung sieht.

Ergänzen können wir, dass nach der Ära der Naturalisten, die Aristoteles strikt ablehnten, heute der narrative Stil des Aristoteles wieder zu Ehren kommt, auch in der Physik. Wenn zwei Theorien dasselbe vorhersagen, wie das Standardmodell der Quantenmechanik und die Theorie David Bohms, dann kann letztlich nicht entschieden werden, welche „richtig“ ist.

Jedenfalls ein spannendes Buch für philosophisch wie wissenschaftlich Interessierte. Letztere erfahren viel über die philosophischen Hintergründe der Naturwissenschaft, erstere lernen Aristoteles aus der Sicht des Biologen, für manche vielleicht etwas zu ausführlich, kennen.

 

Aristoteles

 

 

 

 

 

 

 

Armand Marie Leroi

DIE LAGUNE

oder wie Aristoteles die Naturwissenschaften erfand

Theiss Verlag / WBG 2017

ISBN 978-3-8062-3584-5

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Dualismus und Einheit in Platons Höhlengleichnis

In Platons Höhlengleichnis liegt der Dualismus im Detail, die Einheit in der Vielfalt im Ganzen.

Die Einheit liegt im Anfang und im Ende.

Im Anfang der Pseudomonismus der Schatten: Es gibt nur die Schatten und nichts als die Schatten. Aufgeklärte Klarheit und Eindeutigkeit, die nichts ist als ein schwerer Traum.

Am Ende die Einheit des Firmaments, das über allem und in allem strahlt. Das durch himmlische Blitze das Feuer in uns gebiert, das die Schatten erzeugt.

Dazwischen – von der Sonne bis zum Feuer – waltet die Dualität.

Das Feuer, das zuinnerst wärmt und erhellt, wirft in der äußersten Ferne die kalten Schatten an die Höhlenwand, die alles zu festem Eis erstarren lassen. Kommt man dem Feuer näher, kann es warm und hell sein, zu nahe aber sengend und blendend. Wer sich dem inneren Feuer nähert, muss in sich Abstand halten können, indem er Kälte und Hitze, Dunkelheit und Licht, verbindet.

Auch die Erkenntnis am hellen Tage ist noch zweischneidig. Wer nur die Sonne des Tages sieht und glaubt, schon die fundamentale Wahrheit zu besitzen, den versengt die Sonne in trockener Wüste. Alles was er sieht, ist bloß Fata morgana.

Wer durch die sternenklare Nacht streift, ahnt die Unendlichkeit des Firmaments, in dem kein Ende ist. Er kann in einsamer Waldlichtung den Sonnenaufgang über dem östlichen Meer erwarten. Er kann die Sonne durch den wolkenverhangenen Himmel am Mittag betrachten, den Stürmen trotzen und den Blitz empfangen, der ein Feuer entzündet, das die Höhle erwärmt und erleuchtet, und die Schatten wie lebendig macht.

Und am Ende ist Eine Welt.

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