Ego – Ich – Selbst

DualitätEsoteriker sind oft nur wandelnde Zitatesammlungen der spirituellen Weltliteratur vor allem des Ostens, wobei sie ignorieren und/oder nicht verstehen, dass diese Zitate vor dem Hintergrund eines völlig anderen Weltbilds gelesen werden müssten.

So hat man meist den Eindruck, dass hier Egos über das Ego parlieren, dass sie über Nicht-Dualität reden, als wäre es ein jenseitiges Paradies oder unsere Lebenswelt nicht existent, als könnte ein Zitat die reale Dualität hinwegwischen. Die Subjekt-Objekt-Spaltung wird ignoriert, aber nicht überwunden, die „Wahrheit“ als Besitz gewertet (damit kann man sich den „nicht Aufgewachten“ überlegen fühlen, ohne es zu sein) und das „Hier und Jetzt“ beschworen, ohne das aktuelle Hier und jetzt auch nur zu beachten. Die Zitate werden zu Sprechblasen ohne jeglichen Bezug zum Sprechenden. Das fremde Weltbild wird geschluckt und unverdaut im westlichen Weltbild wieder ausgeschieden.

Die entscheidende Frage (Was heißt das in unserer Sprache?) wird ignoriert, genauso wie die Unterschiede zwischen den beiden Weltbildern. Die sind aber gravierend. Im asiatischen Weltbild gibt es kein Entweder-Oder (das gab es bei Platon auch noch nicht, aber es wird ihm trotzdem unterschoben), was aber heißt, dass die östlichen Zitate bei uns in der falschen Schublade landen. Die Nicht-Zweiheit wird sofort abstrakt und nichtssagend, wenn die konkrete Dualität ignoriert wird.

Das dynamische Ich
Für Asiaten ist das, was meist mit „Ich“ übersetzt wird, eine Illusion, weil damit ein Konglomerat von Bestrebungen, Bindungen und Anhaftungen gemeint ist, das sich in der Entwicklung auflösen muss. Das ist aber nicht das, was wir im Westen als Ich bezeichnen. Diesem entspricht auf östlicher Seite eher – aber auf höherem Niveau – der „Zeuge“ oder innere Beobachter, der nicht aufzulösen, sondern mit dem man sich immer mehr identifizieren sollte. In der Bhagadad Gita ist Krisna das Bild dieses inneren Zeugen.

Für uns ist das Ich die Individualität, und ganz im Sinne des Entweder-Oder ignorieren wir damit weitgehend die soziale Dimension. Wir halten viel von unserer Einzigartigkeit – was nicht falsch ist, denn in der Natur ist alles einzigartig – aber so in dieser isolierten Einzigartigkeit existieren wir kaum. Wir sind soziale Wesen, die ohne Bezug zum Außen und zum anderen gar nicht existieren könnten. Wir sind als Einzelne nur in Beziehung zur Gesellschaft und zur Umwelt.

Am „Ego“ wird diese Einzigartigkeit zur Illusion: Es verwechselt seine Einmaligkeit mit Isolation, es grenzt sich ab und glaubt, sich gegen alles andere und jeden anderen abgrenzen zu müssen. Damit wird es aber zur Krebszelle im Organismus der Gesellschaft. Das sogenannte Böse hat hier seinen Ursprung, es ist nichts als Isolation, Abgrenzung, aggressive „Verteidigung“ („Angriff ist die beste Verteidigung“) und mangelnde Empathie. (Die politische Rechte zeigt uns eindrucksvoll, wo das beginnt).

Dieses isolierte Ich, das damit zum Ego geworden ist, ist abzulegen, wenn ein spiritueller Weg – oder überhaupt eine menschliche Entwicklung – angestrebt wird. Das ist aber nicht ein Aufgeben des Ich, sondern ein Aufgeben der isolierenden Begrenzung. Ego, Ich und Selbst sind nicht drei Entitäten, sondern drei Zustände, die ein Kontinuum bilden. Zuerst sind die Begrenzungen (und Anhaftungen) des Ego zu überwinden, dann kann das Ich nach innen ausgeweitet (durch Beschäftigung mit den Archetypen und inneren Bildern) und nach und nach zum Selbst werden, bei dem jede Begrenzung – auch die der Psyche – wegfällt. Erst in dieser Dynamik ist das östliche Bild des Aufgehens des Tropfens im Ozean verständlich. Der Tropfen ist immer noch das, was er immer war, aber die Begrenzung zum Wasser des Meeres ist weggefallen. Alle Tropfen zusammen sind das Meer; und jetzt wird klar, dass Wolken, Quelle, Flüsse, Seen, Grundwasser alles dasselbe war und ist.

Jenseits des Entweder-Oder
Dieses Selbst ist „Mitte und Umfang“ (C.G. Jung), es ist Individualität und Universalität (in westlicher Sprache), Atman und Brahman (in östlicher Sprache). Selbst und Gottesbilder fallen zusammen (C.G. Jung), im Innersten der Seele finden wir das, was wir Gott nennen (Meister Eckehart), jegliche Anhaftung – nicht der Zeuge – ist ausgelöscht (Gautama Buddha), alles Dingliche spielt keine Rolle mehr (anatta – nicht dies, nicht das), nicht-Etwas (Nirvana), geht in reiner Beziehung auf (Hans-Peter Dürr).

Wenn das für uns auch „nur“ Theorie ist, die unvorstellbar, weil unanschaulich ist, so geht es letztlich um „ein Gefühl“ dafür, viel mehr als um eine „Erkenntnis“, die gar nicht möglich ist. Es geht nicht darum, Transzendentes zu erkennen (das nicht-dinglich, nicht-etwas, also auch kein Jenseits ist), sondern eine „realistische“ Sicht auf unsere ganz konkrete Lebenswelt zu entwickeln. Es geht auch nicht um ein Erkennen, sondern um ein Erleben. Advaita und Samadhi sind beinahe synonyme Begriffe. Allerdings auch nicht ontologisch, sondern dynamisch zu verstehen, sodass ein Samadhi oder Satori nicht das Ende, sondern der Anfang einer Entwicklung auf höherem Niveau ist. Nicht ein „Jenseits“ gilt es zu erleben, sondern die Welt, in der wir leben, ohne die Brille der Subjekt-Objekt-Spaltung, ohne die Brille unserer Sprache, mit der wir die Welt immer schon strukturieren.

Theorie oder Erfahrung?
Die Gefahr bei solchen Überlegungen ist immer, dass sie in der Theorie steckenbleiben und nicht zur Erfahrung werden, auf die allein es ankommt. Alles „Erkennen“ und „Wahrheit“ und „Aufwachen“ ist blutleeres Gefasel. „Offenbarung“ – die westliche Gegenposition der „Religiösen“ – bleibt genau da stecken, weil sie auch das Heil von außen erwartet, von wo es nicht kommen kann. Offenbarung ist der Mythos einer inneren Erfahrung, wenn sie nicht in toten Dogmen erstarren will. Und die Bibel meint mit „Erkennen“ keine Abstrakte Wahrheit, sondern etwas ganz anderes, nämlich die sexuelle Vereinigung, im weiteren Sinne die Vereinigung von Männlichem und Weiblichem, die zur Geburt des (inneren) göttlichen Kindes führt – auch ein Symbol des Selbst. Im Daoismus und der chinesischen Alchemie ist es der goldene Embryo, der durch das Kreisen des Lichts in Vereinigung von Yin und Yang entsteht. Der Mythos verwendet keine Begriffe, sondern Symbole und kennt daher keine Sprachbarrieren. Damit treffen sich Bibel, Gnosis, Alchemie, Daoismus, Yoga und Tantra in universaler Einigkeit. Und zwar im Bild der Liebe in all ihren Facetten, um die allein es geht.

Fruchtbar kann das erst werden, wenn wir nicht fasziniert vor den östlichen Zitaten stehen, sondern unser Augenmerk auf die eigene Entwicklung, die Dynamik legen. Und die beginnt nicht mit einer Leugnung, sondern der Annahme und Auseinandersetzung mit der Dualität. Dazu gehört das Sehen der dunklen Seite der Welt und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Schatten, das sich Einfühlen in die eigene gegengeschlechtliche Seite der Psyche (Anima/Animus), die Auseinandersetzung mit verschiedenen Archetypen und archetypischen Bildern (Held, König/Königin, Schatzsuche, Schlange, Drachen, Adler usw.) bis zu den Symbolen des Selbst (der/die Alte Weise, Stadt, Mandala, usw.), auch als Numinosum, Faszinosum und Tremendum.

Eine abenteuerliche Reise, vielleicht das letzte und eigentliche Abenteuer, das uns geblieben ist. Dafür ist das esoterische „Aufwachen“ ein allerbilligster Abklatsch, der jedenfalls nichts zu bewegen imstande ist.

© R.Harsieber

Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
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