Wissenschaft und Fortschritt

These: Wissenschaft ist nicht nur dazu da, Rationalität zu bestätigen, sondern auch dazu, Rationalität zu widerlegen oder zu übersteigen.

Gemäß dem Alltagsverstand ist Wissenschaft dazu da, Klarheit zu schaffen, unser mythisches – mitunter auf Vorurteilen beruhendes – Weltbild in ein rationales überzuführen. Wäre das allerdings wirklich nur so, gäbe es kaum einen merklichen Fortschritt in der Wissenschaft.

Tatsächlich beginnt Wissenschaft mit Intuition, mit auf Anschauung beruhender Intuition (Einstein). Eine wissenschaftliche Theorie entsteht aus einer Idee, die nie entstehen könnte, würde der Wissenschaftler nur rational denken. „Bevor Wissenschaft praktisch wird, ist sie visionär.“ (Carlo Rovelli). Wissenschaft beginnt dort, wo das Selbstverständliche (bislang Rationale) infrage gestellt wird (Rupert Sheldrake).

Die Wissenschaftssoziologie erklärt, dass Wissenschaft – wie alles Menschliche – auch irrational abläuft, Machtspielen und jeder Art von sozialen und kulturellen Einflüssen unterworfen ist. Trotzdem ist es am Ende meist möglich zu sagen, wer richtig und wer falsch liegt. Selbst der große Einstein musste sowohl gegenüber Niels Bohr (Thema: verborgene Variable) als auch Georges Lemaitre (statisches Weltbild) einräumen, dass er sich damit getäuscht hatte.

Wissenschaftliche Theorien müssen durch Experimente überprüft werden und erweisen sich dadurch als falsch oder richtig. Im letzteren Fall erweist sich mitunter etwas als richtig, das vorher als unlogisch und irrational galt. Schon Einsteins Relativitätstheorie widersprach dem „gesunden Menschenverstand“, noch viel mehr die Quantentheorie. Kein logisch denkender Mensch hätte der Quantenmechanik Recht gegeben. Sie konnte sich nur durchsetzen, weil ihre völlig irrationalen Vorhersagen, „auch die verblüffendsten und verrücktesten“ (Carlo Rovelli) nach und nach in Experimenten bestätigt wurden. Und auch die beweisen die Theorie nicht, sondern machen sie glaubwürdig.

Es wäre übrigens völlig kurzschlüssig, die wissenschaftliche Methode auf ihre quantitativen Vorhersagen zu reduzieren. Wer das behauptet, so Rovelli, der verwechselt die Instrumente mit dem Zweck. Die Prognosen zu überprüfen ist ein Werkzeug, nicht der Zweck der Wissenschaft. Der ist vielmehr, ein Bild von der Welt zu entwerfen und es weiterzuentwickeln.

Wissenschaftlicher Fortschritt entsteht nur auf der Grundlage neuer Daten. Auch dieser Satz ist grundfalsch. Kopernikus hatte keine neuen Daten, sondern dieselben wie Ptolemäus. Newton hatte fast keine neuen Daten, sondern führte nur die Kepler’schen Gesetze mit Galileis Ergebnissen zusammen. Als Einstein die Allgemeine Relativitätstheorie formulierte, hatte er auch keine neuen Daten, sondern stützte sich auf die der Speziellen Relativitätstheorie und auf die Theorie Newtons. Die Quantengravitation versucht, die Allgemeine Relativitätstheorie und die Quantentheorie zu verbinden. Immer geht es darum, Bestehenden zusammenzubringen, miteinander zu kombinieren und Bestehendes völlig neu zu denken. Das geht meist nicht durch bloß rationales Denken, sondern erfordert die Intuition, etwas völlig neu zu betrachten.

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Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
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