Die Lagune oder wie Aristoteles die Naturwissenschaften erfand

Es ist interessant, Aristoteles einmal nicht aus der Sicht eines Philosophen, sondern aus der eines Biologen zu sehen. Armand Marie Leroi geht davon aus, dass die philosophischen Texte nur ein Teil der Schriften des Aristoteles sind, und nicht einmal der wichtigste.

Aristoteles sei ein intellektueller Allesfresser und Nimmersatt gewesen, und das Thema, das ihm am meisten am Herzen lag, war das Studium der lebendigen Natur oder, wie wir heute sagen würden, der Biologie. Was ihn so bedeutend macht: „Seine Konzepte fließen wie ein unterirdischer Fluss durch die Geschichte unserer Wissenschaft und treten hier und da als Quelle zutage als scheinbar neue Ideen, die jedoch tatsächlich schon sehr alt sind.“ Oder wie es Theodor Gomperz formuliert: „Man braucht die Lehren und Schriften (….) eines Platon und Aristoteles nicht zu kennen, man braucht ihre Namen nie gehört zu haben, und man steht darum doch nicht weniger im Bann ihrer Autorität.“

Auf Platon ist Leroi allerdings nicht gut zu sprechen, er kommt sonst nur in Seitenhieben vor, so wie auch Aristoteles emsig damit beschäftigt ist, seinen Lehrer zu verleugnen. Doch hat er seine Idee, dass der Kosmos (auch) durch Ziele und Zwecke erklärt werden muss, von Platon. Auch war Aristoteles kein Materialist wie die Atomisten, sondern hatte eine durch und durch biologische Sicht der Welt.

Zunächst muss man die heutigen Unterscheidungen von Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft, von Philosophie und Mythos vergessen, die gab es damals noch nicht. Der Streit tobte damals zwischen denen, die sich um die äußere Natur kümmerten, und denen, die sich „nur“ der inneren Natur zuwandten, wie Sokrates und Platon. Ihrem Idealismus und der Akademie erklärte Aristoteles den Krieg. „Seine Philosophie schließt Schmutz, Blut, Fleisch, Wachstum, Kopulation, Fortpflanzung, Tod und Verfall mit ein….“ Er seziert Tiere und menschliche Föten. Er war das antike Wikipedia im Alleingang. Über vieles hatte er „ordentliche, aber falsche Vorstellungen“.

Alles Wahrnehmbare ist ihm eine Verbindung von Form (eidos) und Materie (hylé). Wobei „Verbindung“ schon nicht richtig ist, weil er das nicht trennt. Eidos ist ein inneres Wirkprinzip, ein „Erscheinungsprinzip, wenn es noch nicht gesehen werden kann“, wie im Ei oder im Samen. Heute würden wir dazu Information sagen.

Moderne Wissenschaft beruht auf Messen und Quantität, die Theorien des Aristoteles waren qualitativ und er hat nie etwas gemessen. Er kannte aber vier „Ursachen“, genauer vier Arten der Erklärung, die in der heutigen Naturwissenschaft auf eine (die Wirkursache) verengt wurden. Aristoteles kennt auch keine kontrollierten Experimente, aber, so Leroi, „in der Praxis gestattet die Naturwissenschaft – und damit meine ich, wie Aristoteles auch, das Studium der natürlichen Welt und nicht mathematischer oder geometrischer Objekte – selten präzise Beweise“.

Was ist Leben?

Für Erwin Schrödinger ist Leben ein System, das sich aus negativer Entropie speist. Für Aristoteles sind Lebewesen jene, die eine Seele haben. Da würden heutige Wissenschaftler einen roten Kopf bekommen, aber Seele ist bei Aristoteles auch nicht das, was wir heute darunter verstehen oder ablehnen. Psyché ist dasselbe Wort wie für Schmetterling, ein durchaus zoologischer, wenn auch symbolischer Begriff. Psyché ist die Form (eidos) in einem Körper, aber nichts von diesem Getrenntes. Schlüsselwort ist die entelecheia, ein Begriff, in dem ein Ziel oder Zweck (telos) steckt.

Von den vier Ursachen, oder besser ursächlichen Erklärungen, beziehen sich drei auf die Seele: die Formursache, die Wirkursache und die Zweckursache. Bloß die Stoffursache bleibt der Materie vorbehalten. Wieder müssen wir aber dazusagen, dass Körper und Seele nicht so getrennt waren wie wir das heute sehen. Aristoteles steht nicht wie Descartes vor dem Problem, erklären zu müssen, wie die Seele auf den Körper wirkt, weil er sie gar nicht trennt. Eine Leiche, die keine Bewegung, keinen Zweck mehr hat und deren Form zerfällt, ist nach Aristoteles kein Mensch mehr.

Während es also für Aristoteles die psyché ist, die den Menschen ausmacht, eliminiert später die Naturwissenschaft die drei ursächlichen Erklärungen, die sich auf die Seele beziehen, und lässt nur die Kausalität als materielle Ursache gelten. Sie streicht damit das Lebendige aus der Wissenschaft. Daher kann Wittgenstein im Tractatus 6.52 sagen: „Wir fühlen, dass selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar berührt sind.“

Die Seele ist in moderner Sprache nicht-lokal, Aristoteles sagt „überall und nirgends“, sie ist kein Ding, sondern sozusagen die Summe seiner funktionellen Merkmale. Daher ist in jedem Körperteil die ganze Seele. Psyché ist eher ein systemischer Begriff.

Das Kontinuum zur Vollkommenheit

Aristoteles trennt (noch) nicht, daher erscheint ihm die Natur als Kontinuum vom Unbelebten zum Lebendigen. Er nimmt eine Stufenleiter von den Steinen über Pflanzen, Tieren und Menschen bis hin zu Gott. Auch da müssen wir unsere heutige Vorstellung von Gott vergessen. Es ist eine Stufenleiter zur Vollkommenheit. Inklusive der antiken Vorstellung, dass Männer vollkommener sind als Frauen. Für den Embryo steuert der Mann die Wirkursache, die Frau die Stoffursache bei. Wobei hier unterbewusst Symbolisches dahinter steckt, denn die Form ist der Materie überlegen. Man unterschied damals nicht zwischen Haustieren und Sklaven. Den „Barbaren warf man von, auch nicht zwischen Frauen und Sklaven zu unterscheiden.

Für Aristoteles ist der Mensch außergewöhnlich triebhaft. Von allen Tieren ist der Mensch aber dasjenige, das Gott am nächsten ist – pikanterweise auch in seiner wilden Treibhaftigkeit. Allerdings gibt es Menschen, die unvollkommener und „von Natur aus Sklaven“ sind, auch weil ihnen der Verstand fehlt. Die Beziehung zwischen Herren und Sklaven ist allerdings für beide von Vorteil.

Der Staat ist für Aristoteles nichts Natürliches, kein Organismus, wie später bei Hobbes oder Hegel, sondern eine rein rechtliche Form. Allerdings, wenn der Mensch nach Glück, eudaimonia, strebt, womit die Ausübung der Tugend im Sinne der Vernunft gemeint ist, so lässt sich das nur erreichen, wenn man sich dem Staat unterwirft. Der Mensch ist zwar ein soziales Wesen, aber ohne die Herrschaft des Gesetzes ist er das schlimmste der Tiere, wild, unheilig, lüstern und unersättlich. Die Bürgerschaft erfordert aber Freiheit von niederer Arbeit – womit Handwerker, Händler und Arbeiter genauso wie Frauen, Kinder und Sklaven ausgeschlossen sind.

Aristoteles weist auf die destabilisierende Wirkung von Immigration hat – obwohl er in Athen selbst Ausländer mit Aufenthaltsgenehmigung ist, der nicht einmal ein Haus besitzen darf. Ungleichheit sei imstande, einen Staat zu zerstören. Tatsächlich entstanden und vergingen in der Ägäis Monarchien, Oligarchien und Demokratien gleichermaßen wie die Eintagsfliegen.

Die Wiederentdeckung

In Europa geriet Aristoteles in Vergessenheit. Erst die Rückeroberung des maurischen Spanien brachte seine Schriften in arabischer Übersetzung wieder zurück. Albertus Magnus war der erste, der sich wieder mit Aristoteles beschäftigte, danach Thomas von Aquin. Erst jetzt wurde er wieder zum Superstar der Wissenschaft. Das führte auch zu Kuriositäten: So weigerte sich Cesare Cremonini, ein Professor für Naturphilosophie, wie die Physik vor Newton noch hieß, der Einladung Galileis zu folgen und durch sein Fernrohr die Mondberge zu begutachten. Begründung: Wenn der Mond keine vollkommene Kugel sei, dann müsse er vergänglich sein, und Aristoteles hatte gesagt, das wäre er nicht. Was heute viele verdrängen, in der Wissenschaft war damals nicht die Kirche, sondern die Universität, allen voran die von Paris, die Autorität – und eben Aristoteles. Auch die Gegner Galileis saßen nicht im Vatikan, sondern in Paris.

Cremoninis Abwehr entlockt uns heute nur ein hämisches Lächeln – aber es steckt viel vom Prinzip der Wissenschaft darin. Wissenschaft postuliert ellipsenförmige Planetenbahnen oder gleich schnell fallende Körper, rechnet mit punktförmigen Massen, obwohl es das nirgends in der Natur gibt. Wissenschaft konstruiert eine vereinfachte Welt, die man berechnen und verändern kann. Von der individuellen und lebendigen Wirklichkeit muss abstrahiert werden. Aber Aristoteles reduziert (noch) nicht. Er würde nie sagen, dass ein Lebewesen nur aus Materie besteht. Er kritisierte die Materialisten und alle, die vor ihm waren, um es besser zu machen. Daher sagte Bertrand Russel, Aristoteles war der erste, der schrieb wie ein Professor.

Zwei Stile der Wissenschaft

Die Wissenschaft, so Leroi, akzeptiert zwei unterschiedliche Arten der empirischen Untersuchungen: Bei der einen (bekannteren) werden Kausalhypothesen durch Experimente geprüft, bei der anderen werden Daten angehäuft, darin Muster gesucht und aus diesen Mustern Kausalerklärungen abgeleitet. Letztere war der Stil des Aristoteles, auch der Stil Darwins. Darin wird ein Narrativ gesucht, und es bleibt bewusst, dass jedes empirische Muster mit verschiedenen Modellen erklärt werden kann. Der zweite Stil macht deutlicher als der erste, dass niemand die Welt ohne die Brille von Theorie und Erwartung sieht.

Ergänzen können wir, dass nach der Ära der Naturalisten, die Aristoteles strikt ablehnten, heute der narrative Stil des Aristoteles wieder zu Ehren kommt, auch in der Physik. Wenn zwei Theorien dasselbe vorhersagen, wie das Standardmodell der Quantenmechanik und die Theorie David Bohms, dann kann letztlich nicht entschieden werden, welche „richtig“ ist.

Jedenfalls ein spannendes Buch für philosophisch wie wissenschaftlich Interessierte. Letztere erfahren viel über die philosophischen Hintergründe der Naturwissenschaft, erstere lernen Aristoteles aus der Sicht des Biologen, für manche vielleicht etwas zu ausführlich, kennen.

 

Aristoteles

 

 

 

 

 

 

 

Armand Marie Leroi

DIE LAGUNE

oder wie Aristoteles die Naturwissenschaften erfand

Theiss Verlag / WBG 2017

ISBN 978-3-8062-3584-5

Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
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