Falsifizierbarkeit – Das Ende eines Mythos

Zwar gilt Poppers wissenschaftliches Kriterium nach wie vor beinahe uneingeschränkt, allerdings hat es mit dem tatsächlichen Wissenschaftsbetrieb kaum etwas zu tun.

Wahrscheinlich ist es die simple Einfachheit, die Poppers Falsifizierbarkeit am Leben erhält, auch wenn es eine künstliche Lebensverlängerung ist. Physiker haben eben einen Hang für einfache Theorien. So bezeichnete der indische Astrophysiker Subrahmanyan Chandrasekhar die allgemeine Relativitätstheorie als „die schönste aller Theorien“. Allerdings musste die eine schon enorme Komplexität vereinfachen, um eine derart schöne Theorie zu ergeben.

Das berühmte Beispiel, dass ein einziger schwarzer Schwan die Hypothese, alle Schwäne seien weiß, falsifiziert, klingt überzeugend, scheitert aber daran, dass die Wirklichkeit nicht schwarz-weiß ist und der Wissenschaftsbetrieb auch ganz anders läuft. Da wird eine Theorie oft nicht falsifiziert verworfen, sondern erweitert, oder es wird ihr Gültigkeitsbereich eingeschränkt. So gilt die newtonsche Mechanik auch weiterhin als sehr gute Annäherung in unserer Lebenswelt und wird hier auch immer noch verwendet. Im Bereich des sehr Großen gilt dagegen die Relativitätstheorie und im sehr Kleinen die Quantenmechanik. Wissenschaftliche Theorien beruhen außerdem sehr oft auf verschiedenen Hypothesen. Scheint ein Experiment die Theorie zu falsifizieren, wird man oft die Hilfshypothesen modifizieren und nicht die Theorie verwerfen.

Das Problem ist auch, dass sich die moderne Physik an den Rändern der Welt abspielt und an diesen Rändern völlig andere Gesetze herrschen, die unserer Intuition meist völlig zuwider laufen. Und da gibt es heute auch schon Hypothesen, die sich anscheinend unmöglich falsifizieren lassen. Ist das dann noch Wissenschaft? Nach Popper streng genommen nicht, und doch sind es wissenschaftliche Theorien, die als solche auch ernst genommen werden. Etwa die String-Theorie, die von mathematisch errechneten Multiversen ausgeht, aus denen sich keine überprüfbaren Voraussagen ableiten lassen. Allerdings entstand diese Theorie aus dem Bemühen, allgemeine Relativitätstheorie und Quantenmechanik zu verbinden. Beides anerkannte, falsifizierbare Theorien, auch wenn sie einander „widersprechen“.

Es gibt auch Hypothesen darüber, was im Inneren eines Schwarzen Lochs passiert, obwohl der Ereignishorizont jeden Einblick verhindert. Es könnte aber auch sein, dass es gar nicht immer zu einem solchen Ereignishorizont kommt. Man kann also im voraus gar nicht mit Sicherheit sagen, ob eine Hypothese oder Theorie jemals falsifizierbar ist oder nicht.

Zudem hat der Wissenschaftsbetrieb auch eine soziale Komponente. Wissenschaftlich ist, was allgemein anerkannt ist, und kein Wissenschaftler strebt danach, seine eigene Theorie abzuschießen. Man sucht vielmehr Theorien, die funktionieren und nicht Alternativen zu falsifizieren. Es gibt ohnehin keine „wahren“ Theorien, sondern nur funktionierende. Es geht nicht um Wahrheit, sondern um Wahrscheinlichkeit. Wie ein Richter im Strafprozess hat auch eine Wissenschaftler meist nur Indizien, mit denen sich die Plausibilität einer Theorie erhöht oder eben nicht. Wissenschaft falsifiziert nicht, sondern steigert das Gewicht der Indizien. Es ist ein Spiel von (subjektiver) Überzeugung und Wahrscheinlichkeit, nicht eines von wahr oder falsch. Die Beobachtungen sollen die Wahrscheinlichkeit einer Theorie erhärten. Nicht zutreffende Theorien werden meist nicht falsifiziert, sondern unter dem Gewicht gegen sie sprechender Indizien ausgeschieden.

Heute haben wir auch die Situation, dass wir konkurrierende Theorien haben. Physiker suchen z.B. nach einer Vereinheitlichung von allgemeiner Relativitätstheorie und Quantenmechanik. Dabei rittern etwa die Stringtheorie (das sind mehrere Theorien und Erweiterungen wie die M-Theorie) und die Schleifen-Quanten-Gravitation. Jede kann gewisse Phänomene erklären, andere nicht. Momentan kann man nur versuchen, die Indizien zu gewichten und beide Theorien weiter zu verfolgen.

Poppers Falsifizierbarkeit als Kriterium der Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft zu nehmen, funktioniert auch nicht. Denn auch Astrologie und Wahrsagerei machen falsifizierbare Aussagen. Gerade die Hardcore-Wissenschaftler würden sich vehement dagegen wehren, sie als bestätigt anzuerkennen, weil deren Aussagen nicht falsifiziert wurden. Mit einem solchen bewährten Schwarz-Weiß-Denken kann man z.B. die Komplementärmedizin effektiv in Schach halten.

Immer sind es die empirischen Beobachtungen, die darüber entscheiden, ob eine Theorie ernst genommen werden kann. Aber es ist an der Zeit, das Schwarz-Weiß der Falsifikation durch die Grauwerte der Wirklichkeit zu ersetzen.

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Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
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