Platons Höhlengleichnis

Gefesselt an mentalen Kisten

Schatten an Weltenwänden müssten

dienen als schwarz-graue Realität

nicht wissend, welch ontologische Diät.

 

Erwacht zum Denken einer der ihren

entfesselt halten ihn für einen Irren

doch blickt er gegen den gewohnten Traum

wird gewahr ein gewaltiger Innenraum.

 

Tief erstreckt sich der Höhle Gemäuer

hinten tragen vor flackerndem Feuer

Wesen die Gegenstände hin und her

die als Schatten der Realität Gewähr.

 

Dann führt eine Treppe, die nicht endet

von strahlendem Licht  geblendet

endlich in die Freiheit der wirklichen Welt

die alles, auch die dunkle Höhle mit erhält.

 

Der Blick zum Himmel hoch erhaben

Sonne, Mond und Sterne laben

ganz innig, tief und wohl gekonnt

der Seele weiten Horizont.

 

Während tief in der Höhle Schatten nur gefällt

erschließt sich als Ganze jetzt die Welt

Nicht Dualität, wie alle vermuten

nur eine Welt des Ganzen, Guten.

 

Voll Freude zurück, die Botschaft zu bringen

allen, die noch mit den Schatten ringen,

doch die, weil stets nur Schatten erblickt,

halten ihn für völlig verrückt.

 

 

Platon ist der Denker des Gegensätzlichen, Dialektischen, des Widerspruchs und des Lebendigen. Dass das Ganze des Lebendigen den Widerspruch in sich trägt und aushalten muss, hat später Hegel bestätigt. Wäre Platon ein Dualist, wie es ihm immer unterschoben wird, er hätte das Höhlengleichnis nicht schreiben können. Dann hätte er ein Bild aus Schatten und Gestirnen konstruieren müssen, ohne Höhle, Feuer, Menschen, Gegenstände, Aufstieg usw.

Das Gleichnis zeigt den Menschen, der nur Schatten sieht, auch von sich selbst, reinste Objektivität, der das Lebendige fehlt, das nicht in den Blick kommt. Treffender kann man unsere Situation nicht beschreiben.

Oben ist dagegen der helle Tag, die Licht und Leben spendende Sonne, die eine bunte Vielfalt des Lebens ermöglicht. Doch zwischen der Schattenwelt und der Welt der Gestirne gibt es keine direkte Verbindung.

Dazwischen liegt hinten und oben in der Höhle der Innenwelt eine Balustrade, hinter der ein Feuer brennt, das die Schatten wirft, die Menschen und ihre Gegenstände werfen. Damit bezeichnet Platon das verborgen Lebendige hinter den Schatten.  Erst von hier aus gibt es eine Verbindung zur Welt der Gestirne, denn Prometheus holte das Feuer vom Himmel. Das erste Feuer kam wohl durch Blitze auf die Erde. Dies ist das lebendige Feuer in uns, das uns zu Endlichen macht, die auf Unendliches bezogen sind. Das innere Feuer stammt ursprünglich aus der Himmelswelt.

Dieser hintere und obere Teil der Höhle ist die Psyche, könnten wir heute sagen. Ihr Feuer ist zwiespältig, wärmend und erhellend einerseits, versengend und blendend andererseits. Hier haben wir die Dualität und den Widerspruch des Lebendigen. Wer sich aus den Fesseln der objektiven Schattenwelt lösen kann, und sich auf den Weg unter das Firmament machen will, muss zuerst am Feuer seiner Innenwelt vorbei. Muss sich erst an die Helligkeit gewöhnen und wird erst jetzt der Kälte der Schattenwelt gewahr. Das darf nicht zu schnell gehen, die Augen müssen sich erst an das Licht gewöhnen, und die Wärme ist auch ungewohnt. Sich zu schnell und enthusiastisch zu nähern wird zu Verbrennungen führen und eventuell dem Augenlicht schaden.

Dies führt auch unweigerlich zur Frage, was denn wirklicher sei, die objektiven Schatten oder die Gegenstände der Innenwelt im flackernden Feuer? Die Schatten waren klar und eindeutig und konnten vermessen werden. Die inneren „Gegenstände“ sind nicht festzuhalten, verändern sich je nach Flackern des Feuers. Obwohl konsistenter als die Schatten, erscheinen sie oszillierend, nicht festzuhalten im flackernden Licht des Feuers. Rein subjektiv und unwissenschaftlich, würden die Schattenmenschen sagen. Und doch wird erst jetzt klar, wie die Schatten von innen her entstehen. Die Schatten erscheinen nur objektiv, obwohl sie von innen her geworfen werden.

Würde jemand gezwungen aufzustehen, den Blick nach innen zu wenden, er würde zunächst nur ein Flimmern sehen, längst nicht so feststehend wie die vermessenen Schatten, an die er gewöhnt war. Nichts Reales, wäre notwendigerweise sein Eindruck. Wie könnte man ihm erklären, dass er jetzt sieht, wie die Schatten zustande kommen, die ihm viel realer erscheinen?

Würde man ihn ans Sonnenlicht außerhalb der Höhle bringen, wäre er noch mehr geblendet, und sehnte sich zurück nach der vertrauten Dunkelheit. Er wird zunächst gar nichts sehen und die Augen geblendet schließen müssen. Er müsste sehen lernen zunächst in der Nacht im indirekten Licht des Mondes. Dann am Tag das Bild der Sonne, gespiegelt im See. Erst zuletzt könnte er sich unter dem Himmel frei und sehend bewegen. Er wäre den Weg des Mystikers gegangen.

Käme er aber zurück und setzte sich auf seinen Sessel, er sähe nur Dunkelheit, wo die anderen klare Schatten sehen. Wie sollte er denen, die hier klar sehen, erklären, dass sie in einer dunklen Welt leben und Schatten vermessen? Wie sollte er ihnen vom hellen Tag unter dem Himmel, und der Vielfalt der bunten Welt erzählen? Wer würde ihm glauben? Wie sollte er ihnen erklären, dass es die Schattenwelt nur deshalb gibt, weil ein inneres Feuer, dessen Ursprung der Himmel ist, diese vertrauten Schatten produziert? Er müsste sich ja selbst erst wieder an die Dunkelheit gewöhnen, und sähe alles andere als klar. Und die anderen würden ihm beweisen, dass er mit verdorbenen Augen zurückgekommen wäre und alles nur seine Fantasie und Einbildung wäre.

Sie würden Vereine wie die „Skeptiker“ oder die „Giordano Bruno Gesellschaft gründen“, die ganz wissenschaftlich beweisen, dass nur die Schatten Realität seien, alles andere aber lächerlich.

Es genügt daher nicht, von der Welt unter dem Himmel zu erzählen, und für die Hörenden genügt es nicht, das Erzählte zu glauben. Das wäre zahnlose Philosophie oder täuschende Religion. Man muss die Gefesselten dazu bringen, selbst den Weg zu gehen, der zuerst nach innen, und dann nach „oben“ führt. Aber am Ende des Weges zeigt sich die Welt als Ganze und das Eigene in der Welt.

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Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
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4 Antworten zu Platons Höhlengleichnis

  1. Vielleicht ist er ja auch geblendet davon, dass er die Realität nicht anerkennen will. Ein sehr spannendes Gleichnis

    • Robert Harsieber schreibt:

      Er ist geblendet, weil die Wahrheit gewöhnungsbedürftig ist. Wer immer nur Schatten (die sogenannte „objektive“ Welt) anerkennt, der ist „geblendet“, wenn er sieht, wie alles zusammenhängt.

  2. Schönes Gedicht über Platon Höhlengleichnis, aber haben nicht beide Welten etwas Gutes an sich? Also die Höhle und die Außenwelt, von unterschiedlichen Perspektiven betrachtet? Ich würde die Höhle sogar als besser definieren, da man über das grausame der Außenwelt nichts mitbekommt. Die Frage ist jedoch, ob der Mensch in der Höhle glücklicher ist, weil er immer das gleiche sieht und immer den gleichen tagesablauf hat.

    • Robert Harsieber schreibt:

      Ja, beide Welten sind eine Welt.
      Aber die Schattenwelt im Gleichnis ist unsere Außenwelt. Die Welt „außerhalb“ der Höhle ist die Welt der Ideen, ohne die aber die Welt in der Höhle nicht wäre.

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