Existiert der Mond, wenn niemand hinschaut?

Seit der Quantenphysik spielt die Messung eine entscheidende Rolle in der Physik. „Die Eigenschaft von Quantenphänomenen wird durch die Messung nicht festgestellt, sondern hergestellt.“ (Herbert Pietschmann). Man könnte auch sagen: Das Hinschauen entscheidet darüber, was man und ob man etwas sieht. Daher taucht immer wieder die analoge Frage auf, ob der Mond auch dann existiert, wenn niemand hinschaut.

Allerdings ist die Frage unzulässig, auch in der Quantenphysik. Die Messung entscheidet ja nicht über die Existenz oder Nichtexistenz eines Quantenobjekts, sondern über dessen Eigenschaften. Vor der Messung ist das „Teilchen“ nicht inexistent, sondern wir können bloß nichts darüber aussagen.

Daher gibt es auch die objektive Welt unabhängig vom Subjekt, nur können wir über die auch nichts aussagen. Wenn wir aber etwas über die objektive Welt sagen können, dann ist das nicht mehr objektiv, sondern subjektiv gefärbt. Die Welt ist überhaupt nur dann objektiv, wenn wir nicht hinschauen und nichts über sie aussagen. Man könnte auch behaupten, nur dann, wenn niemand hinschaut, ist der Mond wirklich nur Mond. Beim Sehen des Mondes geht es vielmehr um das Sehen als um den Mond.

Zwar beschreibt die Naturwissenschaft diese objektive Welt, aber das ist eine konstruierte, künstliche Welt. In der fallen z.B. alle Körper gleich schnell, in der wirklichen Welt tun sie genau das nicht. Die Sätze der Naturwissenschaft sind allgemeingültig und reproduzierbar, in unserer Lebenswelt ist alles einmalig, nichts wiederholt sich. Der Erfolg der Naturwissenschaft war es ja, alles Subjektive, Einmalige, Lebendige und damit Menschliche auszuschließen, um eine (abstrakte) objektive Welt beschreiben zu können.
Aufgrund des enormen Erfolgs der Naturwissenschaft fällt uns gar nicht mehr auf, dass unsere Welt nicht physikalisch, sondern vielmehr psychologisch funktioniert. Alles was wir sehen und wahrnehmen, ist subjektiv gefärbt. Wie wir etwas sehen, sagt mehr über uns selbst aus als über das „Objekt“.

Es fällt uns auch nicht auf, dass die Quantentheorie mehr mit einer Psychologik als mit der klassischen Logik zu tun hat. Es gibt in der Quantenmechanik kein Entweder-Oder, Gegensätze werden zur Komplementarität. Psychotherapie ist die Bearbeitung von Konflikten, in denen widerstreitende Gegensätze nicht eliminiert, sondern komplementär integriert werden müssen. Es gibt Überlagerungen von Quantenzuständen, wie es auch Überlagerungen von unbewussten inneren Zuständen gibt. Psychische Inhalte können als Faktum (analog dem Teilchenbild der Physik), oder als Tendenz, als dynamisches Muster (analog dem Wellenbild der Physik) gesehen werden. Und auch das ist kein Entweder-Oder, sondern es muss immer beides berücksichtigt werden.

Die Wirklichkeit eines Elementarteilchens vor der Messung ist eine Überlagerung aller Möglichkeiten (mathematisch: Wahrscheinlichkeitswelle), die durch die Messung in einen realen Zustand kollabiert. Die Überlagerung verschiedener Kausalketten (in der Vergangenheit geformter Tendenzen) ermöglicht die menschliche Freiheit. Daher sind wir im Moment der Entscheidung frei. Haben wir uns für die Variante A entschieden, kann uns jeder Psychologe nachweisen, warum wir so (kausal) entschieden haben. Entscheiden wir uns für Variante B, dann kann uns der Psychologe ebenfalls sagen, warum wir so (kausal) entschieden haben. Die Entscheidung ist immer determiniert, aber frei in der Wahl der Determination. Sofern wir von dieser Freiheit Gebrauch machen.

Ludwig Wittgenstein sagte im Tractatus logico-philosophicus 6.52: „Wir fühlen, dass selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“ Unsere objektive Welt ist voll mit den Errungenschaften von Naturwissenschaft und Technik, unsere Lebenswelt ist aber eine völlig andere.

Die naturwissenschaftliche Welt ist das, was für alle Menschen in gleicher Weise gültig ist. Das hat aber nichts mit „Wahrheit“ zu tun, sondern ist der kleinste gemeinsame Nenner der menschlichen Wahrnehmung. Darüber hinaus sieht jeder von innen heraus die Welt auf seine je eigene Weise.

Im Lebendigen gibt es keine objektive Welt. Jeder lebt in seiner eigenen (Innen-)Welt. Jeder sieht die Außenwelt entsprechend seiner Innenwelt. Wer sich wohl fühlt, sieht die Welt ganz anders als der Deprimierte. Wer liebt, lebt in einer anderen Welt als der, der hasst. Wer sich verliebt, für den wird auch die Welt eine ganz andere – weil er sensibel wird für andere Muster der Überlagerung aller Möglichkeiten.

Die „objektive“ Welt ist eine Abstraktion, die in unserer Lebenswelt nicht vorkommt. Allerdings ist die Naturwissenschaft bei vielen zu einer pseudo-naturwissenschaftlichen Ideologie verkommen, die gar nicht mehr wahrnehmen kann, dass im Sehen eines banalen Gegenstandes die ganze eigene Biographie steckt. Das abstrakte „Objektive“ dient der (allgemeinen) Kommunikation und nicht dem (menschlichen) Verstehen.

„Welt“ ist für uns unendlich mehr als die „objektive“ Welt. Das ist auch Physikern durchaus bewusst, sofern sie Physik als Methode und nicht als Ideologie betreiben. So hielt Erwin Schrödinger bei einem seiner Vorträge inne, als der den Fachausdruck „Welt-Linie“ verwenden wollte, und sagte dann nach einer Weile: „Ich sag‘ so ungern ‚Welt-Linie‘, weil zur Welt doch so viel mehr gehört als bloß Teilchen in Raum und Zeit!“

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Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
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