Erwartungen an die Synode … und Erwartungen an uns

Die Wogen gehen wieder einmal hoch, ein Kampf zwischen Konservativen und Progressiven zeichnet sich ab. Die Missstände des eigenen Denkens werden wieder einmal auf die Kirche projiziert.

Die Synode versucht, im Geist des Konzils, die Zeichen der Zeit zu erkennen und zu integrieren. Ob das gelingen wird, steht in den Sternen. Die Kirche sei natürlich rückständig, die Menschen seien es nicht. Doch so einfach ist das alles nicht. Die Kirche war immer ein Kind ihrer Zeit und sie ist es auch heute, so schwer das auch zu begreifen ist.

Aber wir haben heute ein (männlich) fragmentierendes Denken, das nicht (mehr) in der Lage ist, das Ganze zu sehen. Das projizieren wir nach rückwärts, wenn es um die Geschichte, und vor allem die Geschichte der Kirche geht. So wurde das Mittelalter von der Renaissance bis zum Herrn Hitler verunglimpft, die Auswüchse übertrieben und das Positive verdrängt. Die Historiker haben die längste Zeit einer vom anderen abgeschrieben. Erst in den 1980er Jahren wurde das Bild von einer Schar von Historikern zurechtgerückt. Die alten Vorurteile sind geblieben.

Die Inquisition war zunächst etwas ungeheuer Fortschrittliches. Der Angeklagte musste in der Verhandlung dabei sein, konnte sich verteidigen usw. Das war alles bis dahin nicht gegeben. Das war derart neu und progressiv, dass die weltlichen Gerichte das sofort übernommen haben. Das ist dann aus dem Ruder gelaufen, nicht weil die Kirche so böse war, sondern weil die Zeit insgesamt damals so war. Trotzdem sind die kolportierten Zahlen weit übertrieben. In einem Pogrom in Belgien sind in einer einzigen Nacht mehr Menschen gestorben als in der berüchtigten Spanischen Inquisition in drei Jahrhunderten. Das soll nichts entschuldigen, aber das Maß zurechtrücken. Und es gab so manche Bischöfe, die die Verurteilten schützen wollten oder Freigesprochene vor dem Pöbel, der sie trotzdem lynchen wollte, in Schutz nahmen.

Jedenfalls sind wir heute nicht in der Lage, die Zeit als Ganze im jeweiligen Kontext zu sehen. Es ist bequemer, das Böse auf die Kirche zu projizieren. Das betrifft die Vergangenheit genauso wie die Gegenwart. Die Kirche ist ein Männerverein, der das Leben nicht versteht, der sich an Gesetze statt an Jesus hält. Das ist schon richtig so, aber die Gesellschaft als Ganze ist nicht anders, nur subtiler und völlig unbewusst. Unser Denken ist an die (reduktionistische) Naturwissenschaft angelehnt, wir haben damit eine (erfolgreiche) Methode zur Ideologie gemacht, das „Alles ist messbar“ so interpretiert, dass das Nicht-Messbare nicht existiert, und zu einem „Alles ist machbar“ umfunktioniert. An diesem machohaften Machbarkeitswahn, der unserem Weltbild eingeprägt ist, ändern auch Feminismus, Genderismus usw. rein gar nichts. Die Frauenquote regeln wir so, dass Frauen in den Führungsetagen die Rolle der Männer übernehmen und sich dabei selbst verleugnen.

Und jetzt erwarten wir von der Kirche, dass sie es besser macht, oder freuen uns schon hämisch, wenn es nicht gelingen sollte. Wir verlangen, dass sie ihre Dogmen in den Kontext der Zeit stellt. Wir verlangen, dass sie menschlich wird und nicht (falsch verstandene) Gesetze exekutiert, sondern auf die Menschen zugeht und ihnen beisteht. Das wäre ja auch eine Selbstverständlichkeit – wären wir selbst dazu in der Lage.
In der Kirche kämpfen „Konservative“ gegen „Progressive“ – was das Konzil schon überwinden wollte, nur es hat sich nicht durchgesetzt – und auf den Straßen kämpfen gegenwärtig Rechtsradikale gegen Gutmenschen. Wo, bitte, ist der Unterschied? Die Kirche ist nicht in der Lage, ihre Anliegen in das heutige Leben zu übersetzen. Und wir sind nicht in der Lage, z.B. die Flüchtlingskrise/Nazikrise in den Kontext zu stellen. Was wir gerade noch begreifen ist, dass wir sie aufnehmen oder ausgrenzen müssen. Dass die Flüchtlingsströme nur die Folge der Destabilisierung des Nahen Ostens durch den Westen sind, dringt nur zu wenigen durch. Die jetzt beschworene „Festung Europa“ würde uns endgültig ins Mittelalter zurückführen. Die damaligen Raubritter handelten nicht viel anders.

Wir haben weder eine Flüchtlings-, noch eine Nazikrise, das sind nur Folgeerscheinungen. Wir haben eine Krise des Denkens und des Weltbildes. Wir haben das fragmentierende Denken vergöttert, die Folge ist Egoismus, Konkurrenz, Turbokapitalismus, Terrorismus und Krieg. Die simple Wahrheit des Ganzen ist uns verschlossen. Wir sehen Bedrohung, wir sehen Flüchtlinge, aber nicht Menschen. Wir sehen die fragmentierten Teile, und sind nicht in der Lage, die Zusammenhänge wahrzunehmen. Aus einem derart fragmentierten Leben gibt es keinen Ausweg, nur den Kampf der Gegensätze. Dieses Denken kann analysieren (fragmentieren), aber das Bild nicht mehr zu einem Ganzen zusammensetzen, weil das einfach nicht geht. Der Paradigmenwechsel wäre: Es gibt nur das Ganze, die Teile, Fragmente sind nur in unseren Köpfen. Das Ganze ist nicht mehr als die Teile, sondern etwas anders als die Teile. Das hat schon Aristoteles so formuliert.

Solange dieses männlich-fragmentierende Denken/Weltbild sich nicht wandelt und ein weiblich-ganzheitlicheres Denken/Weltbild zulässt, wird auf politischer Ebene jedes gut gemeinte feministische, genderistische, quotenregelnde Bestreben von diesem männlich-fragmentierenden Denken, das auch diesen Bestrebungen innewohnt, geschluckt werden.

Und sollte Papst Franziskus wirklich ein Umbau der Kirche gelingen, dann hätte er das „moderne“ Weltbild und Denken tatsächlich überholt. Und an eine Kirche, der etwas gelingt, was die Gesellschaft derzeit nicht schafft, müssten wir uns erst gewöhnen….

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Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
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