Wie die moderne Physik den Physikalismus widerlegt

Naive Materialisten oder Naturalisten geben heute immer vor, nur an Naturwissenschaft zu glauben. Leider spielt diese da so gar nicht mit.

Wir leben in einer säkularen Zeit, wir berufen uns auf die Aufklärung – auch wenn da viele Köpfe gerollt sind, und bei genauerem Hinsehen die Aufklärung nicht hinter uns, sondern vor uns liegt – und selbstverständlich auf die Naturwissenschaft. In deren Namen lassen sich alle, die nicht so recht an die Reduktion auf Naturwissenschaft glauben wollen, verächtlich machen. Da hilft es auch nichts, ihnen zu erklären, dass Naturwissenschaft eine Methode ist, die Materie zu erforschen, und nicht „die Welt“ zu erklären. Denn die ist für diese „Realisten“ eben nur das, was die Physik erklären kann.

Der Hintergrund des Problems liegt – wie bei vielen Problemen – nicht in der Physik, sondern in der Philosophie, nämlich in der Idee des Atoms bei Demokrit. Dieser meinte, dass alles Seiende aus Atomen, das sind unzerschneidbare, unzusammengesetzte „Teilchen“, bestehen müsse. Die wären das eigentlich Wirkliche, und deren Bewegungen können vorausberechnet werden. Diese Vorausberechenbarkeit führte dann bei Descartes und vollends bei Lamettrie zum Begriff der Determiniertheit allen Seins. Wenn ich von einem Planetensystem Masse, Ort und Geschwindigkeit kenne, dann kann ich für jeden vergangenen oder zukünftigen Zeitpunkt den genauen Standort berechnen. Und wenn alles aus kleinsten Bausteinen aufgebaut ist, dann gilt das auch für diese und damit für alles, was aus diesen Bausteinen aufgebaut ist.

Das heißt, alles ist mechanisch determiniert. Descartes hat das auch auf die Tierwelt ausgedehnt, auch Tiere seien biologische Maschinen. Lamettrie dehnte das folgerichtig auch auf den Menschen aus. Auch der Mensch ist nichts als eine Maschine, und wenn ich nicht sagen kann, was er im nächsten Augenblick tun wird, dann nur, weil er so kompliziert ist, dass ich nicht alles über ihn weiß. Aber prinzipiell wäre es – laut materialistischer Naturphilosophie – möglich. Der freie Wille wird damit zur Illusion, und in diesen Bahnen denken die „modernen“ Hirnforscher immer noch.

Damit wird alles ausgeschlossen, was darüber hinaus jemals über den Menschen gesagt wurde, und das legitimiert diese materialistischen Naturphilosophen dazu, sich über alles lächerlich zu machen, was über diese Grundannahme hinausgeht. Nur haben sie damit die Rechnung ohne die Physik gemacht, auf die sie sich berufen.

Es wurde nämlich das Atom entdeckt, auch wenn es nicht das Atom des Demokrit, sondern weiter teilbar war. Man wusste aber auch bald, woraus das Atom aufgebaut ist, Atomkern und Elektronenhülle, Proton, Neutron und Elektron. Und es gibt wirklich so etwas wie unzusammengesetzte Teilchen. Nur ist das nicht mehr Teilbare eben kein Teilchen mehr im herkömmlichen Sinne. Was aber entscheidend ist, man hat ein völlig neues Gebiet der Wirklichkeit erschlossen, das der Mikrophysik. Und das Erstaunlichste: Hier herrschen völlig andere Naturgesetze als die bisher bekannten.

Wenn im makroskopischen Bereich deterministische Gesetze herrschen, dann im Mikrobereich statistische Gesetze. Hier gibt es keine determinierenden Gesetze, sondern nur mehr statistische. Haben wir beispielsweise einen Haufen Radiumatome, dann kann jeder Physiker berechnen, wie viele davon zu einem bestimmten Zeitpunkt zerfallen sind. Nehmen wir ein einzelnes Radiumatom, können wir davon gar nichts sagen. Es kann in der nächsten Sekunde zerfallen oder nach 100 Jahren noch immer bestehen. Das erfolgt nicht kausal, sondern völlig spontan.

Naturwissenschaftliche Theorien werden daran gemessen, dass sie gültige Voraussagen machen können. Für das Kollektiv der Radiumatome geht das auch, für das einzelne Atom aber ist es prinzipiell unmöglich. Dessen Zerfall geschieht spontan, und es gibt und wird nie eine Regel dafür geben. Angesichts dieser Spontaneität im Mikrobereich sagte Werner Heisenberg: „Die Quantenphysik hat die definitive Widerlegung des Kausalitätsprinzips erbracht.“

Das ist deshalb so schwer zu glauben, nicht weil wir naturwissenschaftlich denken, sondern weil das einer mehr als zweitausend Jahre alten Denktradition, beginnend mit Demokrit, widerspricht. Wir haben es hier mit einem ursachelosen Geschehen zu tun, das nicht zum Gegenstand von Voraussagen gemacht werden kann. Es gibt im Mikrobereich keine Determinierung des Einzelgeschehens. Die Vorstellung von uhrwerksmäßigen Maschinen ist damit ein für alle Mal widerlegt.

Wenn Descartes die Determiniertheit auf die Tierwelt ausgedehnt und Lamettrie folgerichtig den Menschen einbezogen hat, dann kann und muss man das heute abschmettern mit der Tatsache, dass es sogar im physikalischen Bereich schon Spontaneität und prinzipielle Nicht-Vorausberechenbarkeit gibt. Also nichts da mit Uhrwerk und Maschine. Das heißt nichts anderes als dass das mechanistisches Weltbild durch die Physik widerlegt ist. Niemand, der ein mechanistisches, naturalistisches Weltbild vertritt, kann sich auf die Physik berufen. Wir können nicht mehr von einer mechanischen physikalischen auf eine mechanische organische Welt schließen, sondern die im mikrophysikalischen Bereich erwiesene Spontaneität muss im Organischen in gesteigerter Form angenommen werden.

Die alte Behauptung, der Mensch sei bloß eine Maschine, ist naturwissenschaftlich falsch. Eine materialistische Naturphilosophie steht nicht im Einklang, sondern im Widerspruch zur heutigen naturwissenschaftlichen Erkenntnis.

Quelle:
Pascual Jordan: „Die weltanschauliche Bedeutung der modernen Physik“, in Physik & Transzendenz“, hrsg. v. Hans-Peter Dürr, mit Beiträgen von David Bohm, Niels Bohr, Max Born, Albert Einstein, Werner Heisenberg, Pascual Jordan, Wolfgang Pauli, Max Planck, erwin Schrödinger, Carl Friedrich v. Weizsäcker.

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Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
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Eine Antwort zu Wie die moderne Physik den Physikalismus widerlegt

  1. Phil Eidos schreibt:

    Schöne Zusammenfassung über die Grenzen des kausalen Determinismus. Vielen Dank.

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