Virtuose des Gehirns – Oliver Sacks

Cover_Sacks_das_innere_auge„Der weise Riese“, „Entschlüsseler der Menschlichkeit“, „exzentrisch, menschenfreundlichster Arzt seit Sigmund Freud“ (warum gerade Sigmund Freud?), „voll Interesse und Neugier“, um nur einige Beschreibungen des kürzlich verstorbenen Neurologen und Bestsellerautors Oliver Sacks. Er experimentierte mit Drogen, war Gewichtheber und kurvte mit den Hell‘s Angels herum. In seinem Element war er aber, wenn er sich mit dem menschlichen Gehirn beschäftigte, mit Extremfällen und Ausnahmesituationen.

Als Hans-Peter Dürr starb, konnte ich nicht anders als eine Art Nachruf zu schreiben. Von ihm lernte ich, was ganzheitliches Denken wirklich ist: Man kann Ganzheit nicht aus den Teilen zusammensetzen, sondern in „Wirklichkeit“ gibt es nur das Ganze, die Teile sind bloß in unserem Hirn. Womit wir beim Arbeitsfeld von Oliver Sacks wären. Nur, Hans-Peter Dürr kannte ich persönlich, Oliver Sacks nur aus seinen Büchern. Doch die sind faszinierend. Von ihm lernte ich, dass wir am meisten über das menschliche Hirn erfahren an sogenannten „kranken“ Hirnen. Das „normale“ Hirn ist eine pragmatische Einschränkung seiner Möglichkeiten. „Behinderungen sorgen oft dafür, dass andere Fähigkeiten überdurchschnittlich entwickelt werden.“ Und daraus können wir erahnen, wozu das Hirn, der Mensch, wirklich fähig ist.

Etwa bei Autisten mit Inselbegabung, deren soziales Verhalten auf ein Minimum eingeschränkt ist, die aber eine 100%-Begabung haben, die bei „normalen“ Menschen in dieser Höchstform nicht vorkommt. Die aber zeigt, wozu Menschen fähig wären. Besonders oft sind es extreme musische Fähigkeiten, mit absolutem Gehör, der Fähigkeit, eine zum ersten Mal gehörte Symphonie sofort und komplett nachspielen zu können, oder mit einer Hand eine Melodie, mit der anderen Hand eine andere Melodie zu spielen, und gleichzeitig eine dritte zu singen. Oder nach einer dreiviertel Stunde Hubschrauberflug über Rom innerhalb von drei Tagen an einer riesigen Leinwand ganz Rom nachzuzeichnen, mit allen Fenstern und Säulen, mit allen Details.

In besonderer Erinnerung ist mir auch der Fall eines Patienten, der nach einer Party gegen Mitternacht bei aufziehendem Gewitter seine Mutter anrief, aus einer Telefonzelle, Handys gab’s damals noch nicht. In dem Augenblick, in dem er auflegen wollte, schlug ein Blitz in die Telefonzelle ein, der sich seinen Weg über den Hörer durch ihn hindurch in die Erde bahnte. Eine hinter ihm wartende Ärztin konnte ihn wiederbeleben, und nach drei Wochen hatte er keinerlei Nachwirkungen oder Schädigungen. Bis auf eine frappierende Tatsache: Er war plötzlich von einem unbändigen Drang nach Musik besessen. Er, der sich nie etwas aus Musik gemacht hatte, bisher völlig unmusikalisch war. Er begann sich das Klavierspiel selber beizubringen, wurde Konzertpianist und komponierte. Sein ganzes weiteres Leben drehte sich nur mehr um die Musik.

Oliver Sacks hat eine ganze Reihe von Büchern mit derartigen Fallbeispielen geschrieben. Er wurde von Mainstream-Wissenschaftlern angefeindet, weil das Einzelepisoden sind, die sich der wissenschaftlichen „Reproduzierbarkeit“ entziehen. Als würde es im Leben darum gehen. In der Wirklichkeit ist nichts reproduzierbar. Es gibt keine zwei gleichen Schneeflocken. Die Kategorisierung ist ein Hilfskonstrukt des (wissenschaftlichen) Gehirns. Aber aus diesen Fallbeispielen kann man mehr über das Hirn erfahren als in allen reproduzierbaren neurologischen Messungen und Forschungen zusammen.

Oliver Sacks hat damit einiges Wesentliches zur alles entscheidenden Frage „Was ist der Mensch?“ beigetragen. Und er tat es mit einer Faszination und einer Manier, die ihn zum Bestsellerautor machten.

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Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
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