Hans-Peter Dürr: Das Lebende lebendiger werden lassen

Hans-Peter Dürr © RH

Hans-Peter Dürr
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Vortrag von Hans-Peter Dürr                          beim 8. Paracelsus-Symposium,                        2006 in Villach

In einer Diskussion mit Paul Watzlawik vor sieben Jahren in Klagenfurt ging es mehr um philosophische Fragen. Was können wir wirklich wissen? Was ist Wirklichkeit? Auch für unser heutiges Thema werde ich mit etwas Allgemeinem beginnen, das ich für wichtig halte, weil es die Grundlage unseres Denkens ist, auf deren Basis wir dann handeln müssen.
Ich bin nicht Theologe, sondern Naturwissenschaftler, und nicht nur Naturwissenschaftler, sondern einer von jenen Naturwissenschaftlern, die man Atomphysiker, Kernphysiker oder Elementarteilchenphysiker nennt. Der Atomkern ist für uns etwas ganz Großes – und wir sprechen vom wirklich Kleinen, noch dazu in einer ganz anderen Sprache als der gewohnten. Aber ich will selbstverständlich jetzt nicht in dieser Sprache sprechen, die nicht verständlich wäre, sondern die Erkenntnisse der Physik immer voraussetzen.
Drewermann hat mit dem Unbegreiflichen angefangen, das den Religionen zugrunde liegt. Ich fange mit dem Greifbaren an, das für uns noch verständlich ist. Aber auch ich werde nicht lange bei der Materie bleiben, die mein Ausgangspunkt ist, die wir greifen und begreifen, und uns so in dieser Welt orientieren.

Es gibt keine Materie!

Ich habe als Physiker 50 Jahre lang – mein ganzes Forscherleben – damit verbracht, zu fragen was eigentlich hinter der Materie steckt. Das Endergebnis ist ganz einfach: Es gibt keine Materie! Ich habe somit 50 Jahre an etwas gearbeitet, das es gar nicht gibt. Das war eine erstaunliche Erfahrung: Zu lernen, dass es das, von dessen Wirklichkeit alle überzeugt sind, am Ende gar nicht gibt. Immerhin hat es sich gelohnt, diesen langen Weg zu gehen. Aber Sie müssen diesen Weg jetzt nicht nachvollziehen, sondern ich will ihnen eine Abkürzung zeigen. Was fühlt ein Naturwissenschaftler, wenn er plötzlich erkennt, dass es das, was er für die Grundlage der Naturwissenschaft hält – nämlich Materie, die wir alle greifen können – gar nicht gibt? Wir sind trotzdem nicht deprimiert, denn das ermöglicht Einsichten, die für uns alle, für unser Weltbild und unsere Überzeugungen wichtig sind.
Wir werden dann aber nicht an diesen allgemeinen Grundlagen hängen bleiben, so aufregend sie sein mögen, sondern auch die Frage stellen, was für uns daraus folgt, welche Konsequenzen wir daraus für die jetzige Situation ziehen können, die so voller Krisen ist. Denn diese Krisen hängen alle damit zusammen, dass wir eine völlig falsche Vorstellung von der Welt haben. Wir haben uns in ein enges Weltbild herein drängen lassen, in dem es keine Lösungen gibt. Das liegt daran, dass wir uns selbst gefesselt haben.
Aus diesen Fesseln eines engen Weltbildes müssen wir herauskommen. Das passt auch zum Thema dieses Symposiums. Wir brauchen Lebensimpulse, wir brauchen die Bereitschaft, wieder Leben in eine verknöcherte Welt hineinzubringen, aus der es scheinbar keinen Ausweg mehr gibt. Viele haben den Eindruck, wir gehen unserem Untergang entgegen und können nichts dagegen machen. Aber wir können sehr wohl aus dieser Enge heraus kommen, wenn wir wirklich verstehen, dass wir gar nicht in einer Sackgasse sind. Wir müssen nur ein paar Zäune überspringen und dann sind wir in der freien Natur und können uns wieder bewegen. Viele glauben, es sind unüberwindliche Mauern und sehen gar nicht, dass es bloß Zäune sind, die man nur überspringen muss. Der Weg zu diesen Lösungen heißt Entkrampfung, Lockerung, Öffnungen, Befreiung von diesen Fesseln. Unserem Leben wieder die Lebendigkeit zurückzugewinnen, die wir brauchen, um aus dieser Enge herauszukommen.
Das heißt aber letztlich auch, dass wir wieder die spirituelle Dimension unserer Existenz erkennen müssen, die wir verdrängt haben. Wir brauchen dazu keine Esoteriker zu werden, sondern Spiritualität ist etwas ganz Solides, zu dem wir alle Zugang haben. In diese Richtung führen auch die naturwissenschaftlichen Überlegungen, dass nicht die Materie das Fundament unserer Wirklichkeit ist.
Das kann ich jetzt schon vorwegnehmen: Das Fundament unserer Wirklichkeit ist nicht die Materie, sondern etwas Spirituelles, das gar nicht begreifbar ist. Schon der Ausdruck Fundament ist falsch, denn „Fundament“ ist an die Vorstellung von „Substanz“ gebunden. Besser sollte man sagen: Im Grunde unserer Wirklichkeit ist kein Fundament, sondern eine Quelle, etwas Lebendiges. Deshalb ist es unsere Aufgabe, diese Lebendigkeit zu erkennen, um wieder den Freiraum zu gewinnen, in dem wir unsere Probleme suchen und lösen können. Mit dieser Orientierung kann ich mich sogar als Physiker an das Leitthema „Lebensimpulse“ anschließen. Durch Lebensimpulse sollten wir uns aus dieser weltanschaulichen Enge, aus diesem selbst auferlegten Zwang hinausbegeben.

Neuorientierung und Zukunftsfähigkeit

Was uns alle täglich bedrängt, unsere zentrale Aufgabe, ist die Frage der Zukunftsfähigkeit, eine Frage des Überlebens der Menschheit. Das ist auch, was man Nachhaltigkeit nennt, die gesellschaftliche Herausforderung unserer Zeit. Es geht um Zukunftsfähigkeit, die dann vorhanden ist, wenn wir die Fesseln unseres zu engen Weltbildes abstreifen. Wir brauchen dazu eine neue Orientierung und auch die Fähigkeit zu handeln und zu gestalten. Diese Fähigkeit, Dinge verändern zu können, haben wir tatsächlich. Allerdings nicht mehr im Rahmen der alten Weltvorstellung, in der wir uns wie ein Rädchen in einer Maschine verstehen müssen, sondern wir haben wirklich schöpferische Fähigkeiten, und wir sollten sie auch gebrauchen.
Wenn wir diese Fähigkeiten besitzen und diese Veränderung unserer Gesellschaft wollen, dann stellt sich die Frage: Wer sind die Akteure, die das bewirken können? Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten. Viele haben ganz gute Vorstellungen davon, was man machen müsste, aber wer macht es wirklich? Wie setzt man das durch? Welche Art von Menschen brauchen wir dazu? Die Lösung ist aber gar kein großes Geheimnis: Es sind wir alle, die es tun müssen. Wir dürfen uns nicht darauf verlassen, dass da irgendwelche Kräfte von außen kommen, etwa aus der Regierung oder der Wirtschaft. Die sind uns eher dabei im Wege. Aber wir können vielleicht einige davon überzeugen, dass sie dort mitmachen, wo der Mensch im Mittelpunkt steht und nicht die Technik. Wenn wir der Technik hinterherlaufen, dann vergessen wir dabei zu leben.
Die gesellschaftlichen Herausforderungen teilen sich in äußere und innere. Die äußeren zeigen sich dadurch, dass das Wirtschaftsgeschehen zu einer Destabilisierung führt. Das wird nicht absichtlich herbeigeführt, aber unabsichtlich kommen wir in einen Teufelskreis, aus dem wir kaum mehr herauskommen. Es ist wirklich ein Teufelskreis, der sich dadurch auszeichnet, dass es die Werkzeuge, mit dem man aus dem Kreis aussteigen könnte, nicht mehr gibt. Daher muss uns etwas genial Neues einfallen, um aus diesem Kreis auszusteigen.
Ein offenes Problem ist, dass wir dabei sind, unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu zerstören. Viele glauben noch immer, dass die Menschheit gewissermaßen über der Natur schwebt, und dass wir machen können, was wir wollen. Sie sehen nicht, dass wir als Menschheit in ein größeres Ganzes eingebettet sind. Wenn wir dieses größere Ganze zerstören, sind wir die Ersten, die abstürzen werden. Das müssen wir sehen.
Ein anderes Problem ist, dass Gerechtigkeit und Frieden heute weiter entfernt sind als je zuvor, und wir wissen nicht recht, wie wir da heraus kommen. Die meisten halten Gerechtigkeit und Frieden für eine ganz irreale Vision. Sie glauben, dass die Wirklichkeit so ist, wie sie ist, und dass es am Schluss immer ungerecht und friedlos zugeht. Eine Natur, in der am Ende immer nur der Mächtigste überlebt, und die anderen einfach zugrunde gehen. Das sind aber grundfalsche Vorstellungen, die mit unserem falschen Menschenbild und Weltbild zusammenhängen.
Schwer wiegt auch der Verlust der geistigen Dimension. Viele wissen gar nicht mehr, was die geistige Dimension ist. Aber wir können auch heute in dieser Welt gar nicht von dem leben, was greifbar ist. Viele behaupten, sie wären ganz rational, sie glauben nur, was sie beweisen können. Aber es ist gar nicht möglich, auch nur eine Sekunde so zu leben! Viele glauben, sie hätten alles verstanden. Sie haben aber nichts verstanden – und trotzdem leben sie weiter, weil im Hintergrund doch etwas ist, das uns immer noch den Weg zeigt. Das Herz schlägt weiter, auch wenn man nicht daran glaubt, dass es schlägt. Das dürfen wir nicht als geistige Dimension betrachten, aber es ist etwas im Hintergrund, eine Beziehungsstruktur, die diese Funktionen in Gang hält.

Neue Technologie – altes Denken

Das nächste Problem ist eine Inkonsistenz zwischen Denkweise, Technologie und zukünftigen Erfordernissen. Wir haben eine Denkweise, die immer noch die alte ist – nämlich die des 19. Jahrhunderts – in der wir die Welt als eine materielle, mechanistische Maschine betrachten, ein mechanistisches und materialistisches Weltbild. Aber unsere heutige Technik ist auf einer ganz anderen Vorstellung aufgebaut, eben auf den Errungenschaften dieser neuen Betrachtung, die Physiker vor etwa hundert Jahren herausgefunden haben. Daraus folgt ein ganz anderes Weltbild. Diese neuen Vorstellungen haben wir uns aber nicht zu eigen gemacht, wir denken noch immer genauso wie die Menschen im 19. Jahrhundert gedacht haben.
Sowohl der Marxismus als auch der Kapitalismus sind Denkmuster des 19. Jahrhunderts. Als der Marxismus untergegangen ist, hätte man eigentlich erwartet, dass 14 Tage später auch der Kapitalismus verschwindet, weil er die Welt in ganz derselben primitiven Weise versteht. Das ist nicht geschehen, und die Kapitalisten glauben nun, weil sie übrig geblieben sind, sie hätten die wirklich richtige Sicht der Dinge. Dem ist aber ganz und gar nicht so.
Die wirklich neue Denkweise hat zwar noch nicht Fuß gefasst, aber sie hat unsere Technik neu geformt. Wir haben heute nicht mehr Technik, sondern Technologie. Was ist der Unterschied zwischen Technik und Technologie? „Logie“ heißt, dass es eine Lehre ist, dass man irgendetwas verstehen muss, bevor man sie betreiben kann. Man braucht eine Lehre, aber es gibt noch keine Lehrer dafür. Das ist der Grund, warum wir uns nicht entschieden haben, darüber nachzudenken, wie diese neue Technologie eigentlich funktioniert.
Glauben Sie nur nicht, dass Sie verstehen, was da im Hintergrund passiert, wenn Sie ihren Computer benützen. Sie haben eine Vorstellung davon, aber eigentlich wissen sie es nicht, denn Sie können es mit der alten Sprache nicht mehr benennen. Das heißt, wir haben heute eine neue Technologie, dazu gehört die moderne Chemie, die Mikroelektronik, und dazu gehört selbstverständlich auch die Entwicklung der Atombomben. Das ist alles Technologie, die nur mit dem neuen Denken funktioniert. Das ist uns aber nicht bewusst. Und jetzt wollen wir das 21. Jahrhundert gestalten – mit der modernen Technologie und der falschen Denkweise. Dies kann nur in den Graben gehen.
Diese Diskrepanz ist auch ein Grund für unsere Frustration, die nicht nur wir fühlen, die wir nicht viel ändern können, sondern auch maßgebliche Menschen wie beispielsweise Margret Thatcher und andere, die sagen: Es gibt keine Alternative zu der Welt, in der wir jetzt leben, wir müssen sie einfach so akzeptieren, wie sie eben ist. Frau Thatcher meint selbstverständlich die neoliberale Wirtschaftstheorie, zu der es keine Alternative geben soll. Das ist reiner Fatalismus. Wir müssen dem entgegenstreben. Fatalismus bedeutet Fantasielosigkeit, und nicht nur Fantasielosigkeit, sondern Unverständnis dessen, was eigentlich hinter dieser Welt steht.

Hängen an der Materie

Warum hängen wir so an diesem alten materialistischen, mechanistischen Weltbild?
Weil es mit Händen greifbar, begreifbar ist. Materie ist etwas, das ich greifen kann. Materie ist etwas, das eine Oberfläche hat. Ich kann es in der Hand halten und sagen, es ist meines. Jetzt kann ich endlich anfangen mit dem anderen zu streiten: Wem gehört es? Wem gehört es nicht? Selbstverständlich ist Wasser auch Materie, aber wenn wir uns Materie vorstellen, ist es immer die feste Materie. Wenn wir ins Wasser greifen, haben wir schon ein bisschen Schwierigkeiten zu sagen, dies ist mein Wasser.
Aber was ich sozusagen in Händen halte, das kann ich besitzen. Es ist letztlich diese Materie, die uns in der industriellen Entwicklung dazu geführt hat, Dinge in dieser Welt nicht nur manipulieren, sondern auch besitzen zu können und damit zu einer verschiedenen Eigentumssituation zu gelangen. Das ist auch die Grundlage für Tauschwert, dass etwas aus meiner Hand in die andere Hand gehen kann, wenn ich damit einverstanden bin.
Dies alles hängt mit dem alten Weltbild zusammen. Wir haben als Grundprinzip für unsere Entwicklung die Wettbewerbsfähigkeit. Das ist heute das Leitmotiv. Was heißt das aber? Wettbewerbsfähigkeit ist doch nur ein Mittel. Zu welchem Zweck? Wettbewerb heißt, ich muss schneller sein als der andere. Aber in welche Richtung? Das ist es eben, was unsere Situation charakterisiert: Ein Wettrennen, bei dem einer ganz schnell läuft und der andere ihn überholen muss. Aber niemand achtet darauf, in welche Richtung es geht. Wenn man ihm sagt: „Du läufst in die falsche Richtung, du kommst ja zum Abgrund!“ Dann sagt er: „Augenblick, störe mich nicht, ich muss den erst überholen. Ich kann nur die Richtung ändern, wenn ich vorne bin.“ Und wenn er dann vorne ist, blickt er nur zurück, weil er Angst hat, nun seinerseits überholt zu werden. Das ist doch die augenblickliche Situation.
Wir müssen uns wieder Ziele aussuchen, zu welchem Zweck wir das eigentlich machen. Das kann nur ein Mensch bestimmen, auch durch die Einsicht in seine Orientierung, in der er eingebettet ist. Das ist die Schwierigkeit, in der wir im Augenblick stehen.

Naturvergessenheit

Es liegt an überholten Weltbildern, die dazu führen, dass wir Menschen uns außerhalb der Natur empfinden, als etwas von der Natur Verschiedenes. Naturvergessenheit könnte man das nennen. Damit haben auch die Religionen zu tun. In der Art und Weise, wie der Mensch über die Natur erhoben und Gott gleich gemacht wird, haben wir die Natur erniedrigt. Und der Mensch betrachtet die Natur nur noch als Werkzeug oder als Bausteine und als nichts anderes – obwohl wir wissen, dass wir selbst in die Natur eingebettet sind. Diese Vorstellung der Trennung müssen wir überwinden.
Das führt dazu, dass wir einerseits überschätzen, was wir alles machen können, und andererseits unterschätzen, was wir wirklich an Möglichkeiten haben. Die neuen Naturwissenschaften haben aufgezeigt, dass es nicht die strenge Naturgesetzlichkeit gibt, wie wir uns das früher vorgestellt haben. Hinter den Dingen steht eine Verbundenheit, die nicht streng ist, sondern eine gewisse Offenheit aufweist. Diese gibt uns die Möglichkeit, Lebensformen entwickeln zu önnen, bei denen auch das Kreative eine Rolle spielt. Das gilt nicht nur für uns Menschen. Kreativität ist eine Eigenschaft, die wir mit allem in der Welt teilen.

Offenheit

Wir haben somit eine Situation, die für uns viel günstiger ist als wir uns bisher vorstellen. Wir haben zwar einerseits Gesetzlichkeiten, aber andererseits eine Offenheit, die wir nützen können, um auch selbst Einfluss zu nehmen. Aber diese Offenheit ist gar nicht so einfach erlebbar. Sie hängt damit zusammen, dass wir, wenn wir handeln und agieren, immer von einem Hintergrund her handeln, der mit irgendeinem vagen Wissen zu tun hat, mit Ahnungen, aus denen heraus neue Ideen entstehen. Die Ahnung selbst ist in einer anderen Welt als die Welt es ist, in der wir Dinge im wörtlichen Sinne begreifen und sagen können: „Das habe ich verstanden, ich halte es hier in der Hand.“
In dieser anderen Welt erfahren wir diese Offenheit. Die neuen Einsichten zeigen uns, dass wir doch kreative Fähigkeiten haben. Aber ist das nur eine Eigenschaft des Menschen? Es ist eine allgemeine Eigenschaft, und wir können darauf vertrauen, dass es notwendig und wichtig ist, diese Eigenschaft des Kreativen auch zu benutzen. Dann sehen wir auch, dass es auch in unserer Hand liegt, wie die Zukunft gestaltet wird. Zukunft ist nicht sozusagen fixiert durch Naturgesetzlichkeit.
In diesem Zusammenhang können wir auch fragen: Welche Zukunft wollen wir? Das ist keine sinnlose Frage, wir können die Zukunft wirklich gestalten, selbstverständlich nicht generell, aber als prinzipielle Möglichkeit. Es hat keinen Sinn zu warten, was die Zukunft bringt. Nein, wir müssen nicht warten, wir müssen uns überlegen, welche Zukunft wir wollen. Welche Vision haben wir von der Zukunft? Wenn wir diese Vision haben, dann wissen wir auch, dass wir uns dieser Zukunft als einer Möglichkeit annähern können. Nicht allein, aber mit anderen zusammen.

Menschsein

Es ist ganz klar, dass wir alle eine Zukunft wollen. Es lohnt sich. Es gibt so viele prächtige Menschen, und wegen ein paar Verrückter werden wir doch die anderen nicht opfern. Es sind selbstverständlich viele, die unsinnige Dinge nachmachen, aber sie wissen eigentlich selber, dass auch eine andere Welt möglich ist. Nur sehen sie die konkrete Möglichkeit dazu überhaupt nicht.
Wir alle haben die Veranlagung zum Homo sapiens sapiens – der weise Mensch – und der ist nicht nur auf einige Menschen begrenzt. Aber wir geben uns überhaupt nicht die Mühe, den Menschen dorthin zu bringen. Wer spricht heute schon von Menschen? Wir sprechen von Arbeitsplätzen, aber nie von dem Menschen, der handeln will, der sein Leben gestalten will. Davon ist nicht die Rede.
Nur von Arbeitsplätzen zu reden, das ist eine sterile Sprache, bei der man den Menschen, den eigentlichen Menschen, gar nicht mehr sieht. Statt dass die Technik dafür da ist, diesem Menschen zur Entfaltung zu helfen, laufen wir hinter der Technik her, damit wir den Anforderungen gerecht werden, die diese neue Technik an uns stellt. Das geht völlig am wirklichen Leben vorbei. Wir alle sind dieser Homo sapiens sapiens. Jeder von uns ist einmalig und kann einen Beitrag in diese Richtung leisten.

Nachhaltigkeit

Wir müssen uns auch die Frage stellen: Wer kümmert sich denn wirklich um die Zukunft? Wie stellen wir es an, damit wir auch dorthin kommen, wo wir eigentlich alle hin wollen?
Es geht um Zukunftsfähigkeit, um Nachhaltigkeit. Ich war selber daran beteiligt, dass dieser Begriff verwendet wurde. 1989 – eben war die Mauer gefallen – saßen wir in Auerbachs Keller, zusammen mit Leuten aus der damaligen DDR, darunter sehr viele Volkswirte. Wir diskutierten ein Programm, das mit Ökologie zu tun hatte. Wir sprachen von „sustainability“ und hatten noch kein gutes Wort dafür. Da kam der Vorschlag, warum nehmen wir nicht „Nachhaltigkeit“? Ein Begriff, der in der Forstwirtschaft verwendet wird: Man soll nicht mehr Holz schlägern, als nachwächst. Darauf haben wir uns dann geeinigt, obwohl mir das Wort gar mir nicht so sehr gefällt.
Nachhaltigkeit ist ein so langweiliger Begriff, bei dem man gar nicht merkt, dass es sich dabei um etwas ganz Aufregendes handelt. Da ist „sustainability“ schon etwas besser, denn da ist ein „ability“, eine Fähigkeit drin. Aber „nach“ und „halten“? Meine Abneigung gegen diesen Begriff liegt auch daran, dass damit nicht herauskommt, was gemeint ist. Es bedeutet eben nicht, dass wir diese Welt, so erhalten wollen, wie sie jetzt ist, sondern in dieser Welt ist Dynamik, Vitalität und Produktivität. Die Robustheit und Elastizität wollen wir schon beibehalten, aber nicht den augenblicklichen Zustand. Es soll in dieser Richtung, mit dieser Lebendigkeit weiter gehen.
Ich erinnere mich an eine Aussage von Albert Schweizer, als er in Afrika einmal in Bedrängnis mit Nilpferden kam und mit seinem Kanu nicht mehr herauskam. Da sagte er sich: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, was leben will.“ Das kommt nahe an das heran, was ich mir vorstelle. Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will. Die eigene Lebendigkeit zu sehen in der Lebendigkeit in all dem, was um uns herum ist. Deshalb würde ich Nachhaltigkeit am liebsten nennen: „das Lebende lebendiger werden lassen“, um den Prozess, die Dynamik klar zu machen.
Das ist es eigentlich, was wir wollen. Was immer wir tun, es nicht nur bei dem zu belassen, sondern am Schluss noch lebendiger zu sein, als wir angefangen haben. Aber auch nicht unsere Lebendigkeit auf Kosten der Lebendigkeit um uns herum zu behaupten.

Drei Ebenen

Das bedeutet aber, dass wir nie nur den Menschen allein in diese Nachhaltigkeit hineinnehmen können. Nachhaltigkeit bezeichnet die Lebendigkeit des ganzen Biosystems, in dem wir eingebettet sind. Dabei können wir drei Ebenen unterscheiden: Wir wollen die natürlichen Lebensgrundlagen nicht zerstören, wir wollen auch, dass die Menschen friedlich und in Gerechtigkeit zusammenleben und wir wollen auch ein gutes und lebenswertes Leben haben.
Das imitiert ein bisschen die 3-Säulen-Theorie: Nachhaltigkeit/Ökologie, Gesellschaft und Ökonomie. Nur dass Ökonomie nicht die Entfaltung des Menschen charakterisiert, sondern nur die materiellen Grundlagen. Es geht aber nicht nur um das physische Überleben des Menschen, sondern auch darum, dass er sich entwickeln kann – in seiner Emotionalität, in seinem geistigen und spirituellen Reichtum. Das steht dabei im Hintergrund. Jeder hat die Gabe, und jeder kann die Forderung stellen, dass er sich in seiner Eigenart entwickeln kann, jeder in einer verschiedenen Art. Das ist das Wesentliche, das wir als Menschen brauchen, und das durch Ökonomie nicht abgedeckt werden kann.
Völlig verkehrt ist es, wenn man zwar von diesen drei Säulen ausgeht, aber die Ökonomie an die erste Stelle setzt und meint, wir müssen zunächst für optimale Wettbewerbsverhältnisse sorgen. Wenn dann die Kräfte noch reichen, dann werden wir auch schauen, dass die Gesellschaften sich entwickeln können. Und wenn wir noch mehr Kraft haben, dann können wir uns auch um die Natur kümmern.
Nein, es ist aber genau umgekehrt. Die Natur, die natürliche Lebensgrundlage ist das Fundament, in dem die Menschheit als Spezies eingebettet ist. Wir müssen dafür sorgen, dass die natürlichen Lebensgrundlagen nicht zerstört werden, und dann auch, dass sich die Menschheit in dieser Welt mit gesunden Lebensgrundlagen entwickeln kann, und dass sich der Mensch in der Gesellschaft nicht nur als ein Rädchen, sondern in seiner Eigenart entwickeln kann.
Das heißt, die System-Hierarchie, wie sie üblicherweise immer aufgezeigt wird – Ökonomie an erster, Gesellschaft an zweiter und Ökologie an dritter Stelle – muss genau umgedreht werden. Der Mensch ist der sensibelste Teil des Ökosystems. Wenn etwas schief läuft, ist er der erste, der abstürzt. Es ist nicht so, das wir Ökologie betreiben, weil wir einfach die Schönheit der Natur lieben, sondern es hat auch etwas damit zu tun, dass unsere Existenz auf ihrer Existenz beruht.

Naturgesetzlichkeit

Nach der alten Weltsicht ist die Welt etwas Äußeres. Ich schaue die Welt da draußen an, und was ich wahrnehme, ist hauptsächlich Materie. Deshalb nennen wir diese Welt „Realität“, vom lateinischen „res“, das Ding. Die Welt besteht aus Materie und ist etwas, das ich begreifen kann. Wenn ich sage, die Welt ist „Realität“, sage ich gleichzeitig: Die Welt kann begreifbar sein. Ich kann etwas in die Hand nehmen und sagen, ich habe ein Stück dieser Welt in der Hand.
Die Anordnung der Materie in der Zeit geschieht mit einer gewissen Regelmäßigkeit. Wir haben festgestellt, es gibt die streng geltenden Naturgesetze. Daher können wir von der jetzigen Konfiguration ausgehend sagen, wie die Anordnung im nächsten Augenblick sein wird, und so weiter. Mit dieser Naturgesetzlichkeit kann gewissermaßen gezeigt werden, was in Zukunft passiert oder was in der Vergangenheit passiert ist. Das ist auch tatsächlich möglich, und daher haben wir den Eindruck, wir bekommen die Welt in den Griff.
Wir wissen nur nicht so recht, was wir mit uns selbst machen sollen. Wenn wir nämlich Teil dieser Maschine sind, dann nützt uns unser Tun gar nichts, weil alles, was wir verändern, dann auch innerhalb dieser Maschine ist. Das hat dazu geführt, dass wir den Menschen aus der Natur herausgehoben haben, dass wir auch den Schöpfer aus der Schöpfung herausgenommen haben und uns mit dem Schöpfergott identifizieren. Dieser hätte den Menschen hinterlassen, der das unvollendete Werk weiter führt – und so führen wir uns auch auf! Von daher kommt unsere Überheblichkeit. Wir fühlen uns nicht nur als die Krönung der Schöpfung, sondern auch als Herr der Schöpfung und vergessen, dass wir selbst noch irgendwie eingebettet sind in dem Rest.

Abschied vom endgültigen Verstehen

Wir sind die Kreativen, die etwas ändern können an der Maschine, die zügig laufen muss. Aus dieser Arroganz heraus meinen wir, die Welt sei begreifbar. Wenn wir nur weitermachen mit unserer Forschung, dann bekommen wir irgendwann die Welt in den Griff. Derzeit sind wir sogar so weit, dass wir nicht nur die unbelebte Welt in den Griff zu bekommen glauben, sondern auch das Lebendige. Die Biologen gehen heute davon aus, dass letztlich auch das Lebendige für uns verständlich, begreifbar sei. Es müsse nur die Naturgesetzlichkeit gefunden werden.
Deshalb hat ein amerikanischer Soziologe über die Einheit des Wissens geschrieben: „Ohne Instrumente sind Menschen in ein kognitives Gefängnis eingesperrt. Sie sind wie intelligente Fische, die sich über die äußere Welt wundern. Sie erfinden geniale Spekulationen und Mythen über den Ursprung, den sie in dem Wasser einschließen, über die Sonne, über den Himmel, die Sterne über ihm und über den Sinn ihrer Existenz. Aber alles ist falsch, sie irren sich immer wieder, weil die Welt zu weit weg ist von ihrer täglichen Erfahrung, um bildlich einfach erfasst zu werden.“
Der Mann hat Recht. Aber er hat nicht Recht mit seinem ersten Satz. Ohne Instrumente wären Menschen nichts. Er glaubt, weil er alle diese mit Instrumenten erfassten Details hat, könnte er die Welt besser verstehen. Aber die moderne Naturwissenschaft hat gezeigt, dass er sich mit seiner neuen Betrachtungsweise irrt. In Wirklichkeit versteht er die Welt damit noch weniger. Das ist mir auch in den Sinn gekommen, als Drewermann in den chemischen Teil seines Vortrags eingestiegen ist und über die verschiedenen Funktionsweisen dieser Drogen gesprochen hat, diese verschiedenen chemischen Stoffe, die in unserem Hirn wirken. Die Neurowissenschaft macht jetzt also Fortschritte. Aber es ist ein Spiel, das nicht zum Ende führt. Es setzt am Falschen an, es bleibt am Materiellen hängen. Wir wissen seit über 80 Jahren, dass es so gar nicht sein kann. Ich kann wohl sehen, was da im Gehirn passiert, aber die eigentliche Ursache ist eine ganz andere.
Die moderne Physik hat gezeigt, dass es im Hintergrund ganz anders ist. Heisenberg drückt das in seinem Buch „Der Teil und das Ganze“ so aus: „Die Quantentheorie ist ein wunderbares Beispiel dafür, das man einen Sachverhalt in völliger Klarheit verstanden haben kann, und gleichzeitig auch weiß, dass man nur in Bildern und Gleichnissen von ihm reden kann.“ Das heißt, die Naturwissenschaft ist zu einem Punkt gekommen, an dem sie die Vorstellung aufgeben muss, dass sie alles genau weiß, und dass sie eine Sprache verwenden muss, die für uns nicht mehr zugänglich ist.
An dieser Stelle kommen wir zu einem Punkt, wo wir Physiker uns mit den Theologen treffen. Drewermann hat mit Religion begonnen; ich habe mit der Materie angefangen, und ich verliere sie genau an diesem Punkt, wenn ich plötzlich sehe, dass es auf diese Weise gar nicht weiter geht.

Elemente des neuen Denkens

Die neue Wirklichkeit ist ganz anders, als wir sie uns bisher vorgestellt haben.

Materie ist im Grunde nicht Materie. Deshalb habe ich eingangs erwähnt, ich habe 50 Jahre über Materie gearbeitet, die es gar nicht gibt. Wir können uns das nicht vorstellen. Es ist, als ob man sagt, am Anfang gibt es nur Software und gar keine Hardware. Eine Software, die man nicht begreifen kann, die nur eine Gestalt, aber keine Existenz in dem Sinne hat. Es gibt nur eine Beziehungsstruktur, es gibt keine Objekte. Die Frage, was ist und was existiert, kann nicht mehr gestellt werden.
Wenn wir anfangen, über etwas zu reden, dann fangen wir gewöhnlich damit an, was ist, was existiert. Das ist das erste, was wir fragen. Wenn diese Frage keinen Sinn mehr hat, dann bleibt uns auch die Sprache weg. Es bleibt nur die Frage, was passiert und was bindet – und nicht was Teile verbindet. Das ist für uns ganz ungewohnt. Es gibt Fragen, die keine Antwort haben, nicht aus Ignoranz, sondern weil es keine Antwort gibt.
Ein Beispiel: Welche Farbe hat ein Kreis? Rot, grün, blau, farblos? Nein, die Qualität Farbe gibt es für den Kreis gar nicht. Wenn ich einen Stift nehme und einen Kreis auf ein Papier male, dann ist dieser Kreis zum Beispiel blau. Der gemalte Kreis ist blau, aber die blaue Farbe ist nicht Eigenschaft des Kreises, sondern kommt vom Stift. Was hinter dem Kreis ist, ist nicht der gemalte Kreis, sondern der Kreis, bei dem ich davon abstrahiere, dass ich ihn gemalt habe. Die Frage, welche Farbe hat der Kreis, kann ich daher gar nicht stellen. Deshalb ist der Kreis, wie man sagt, achrom. Die Frage nach der Farbe (chrom) darf nicht gestellt werden. Die Welt ist nicht immateriell, sondern amateriell. Die Frage nach der Materie ist sinnlos geworden, so wie die Frage nach der Farbe des Kreises.

Es gibt nur noch Form und Gestalt. Das ist für die Alltagsvorstellung unverständlich. Für uns ist die Gestalt eine Form irgendeiner Substanz. Aber alle erleben wir heute eine Welt, bei der wir von Gestalt ohne Substanz reden können. Wie erklären Sie jemanden, was da vor sich geht, wenn Sie mit dem Mobiltelefon mit Freunden in Paris telefonieren? „Ich habe da so eine Antenne dran, und irgendwie kitzelt diese Antenne da so ein Feld im Hintergrund, und das gibt dann eine Welle im Äther. Diese Welle im Äther kann mein Freund in Paris empfangen und das ist das Gespräch.“
Das wäre fast richtig, nur – es gibt den Äther nicht. Das heißt, die Welle ist es nicht. Du hast das Nichts gekitzelt, und damit eine „Delle“ in diesem Nichts erzeugt. Diese Delle ist eine reine Form des Nichts. Dein Freund in Paris empfindet diese Delle und sagt, da kommt mein Gespräch. Dabei ist aber nichts Materielles passiert. Und das ist der Grund, warum Sie ihr Handy an jedem Ort benützen können. Sie können das Nichts kitzeln, wo sie wollen, das spielt gar keine Rolle. Ihr Freund in Paris kann sein, wo er will, er kann die Delle überall wahrnehmen.
Mit diesem Beispiel bekommen Sie schon ein Gefühl, dass die Lokalisierung über das Materielle überhaupt keine Rolle spielt. Wir arbeiten mit einer reinen Gestaltstruktur. Das macht es natürlich nicht unbedingt anschaulicher, sondern eher kompliziert.

Diese Gestalt hat keinen Ort, an dem sie sich befindet. Die Gestalt ist sozusagen über die ganze Welt ausgebreitet. Es gibt überhaupt keine Auflösung in Teile. Das heißt, in der Physik ist die Wirklichkeit nicht Realität, sondern Potenzialität. Sie ist nur die „Möglichkeit“, die sich energetisch und materiell manifestieren „kann“, sozusagen etwas noch nicht Entschiedenes, Schwebendes. Und diese Potenzialität ist räumlich nicht lokalisiert.

Die Welt ist das Eine und Ganze. Das führt dazu, dass die ganze Welt überhaupt keine Ränder hat. Es gibt nur das Eine, und wir könnten sagen, es ist das Ganze. Das „Ganze“ ist aber auch nicht das richtige Wort. Das Ganze ist ja etwas, dem kein Teil fehlt. Aber wenn es gar keine Teile gibt, dann können wir es auch nicht das Ganze nennen.
Aber stellen Sie sich etwas vor, das man überhaupt nicht zerlegen kann. Das hat selbstverständlich fantastische Konsequenzen. Das heißt zum Beispiel, wenn wir uns wirklich in diese Welt einbeziehen, dass wir alle, die wir hier im Raum sitzen, zwar unterschiedlich, aber nicht getrennt sind. Wir befinden uns alle sozusagen in dieser Gemeinsamkeit, und das ist eine wesentliche Voraussetzung, dass wir überhaupt miteinander kommunizieren können. Darauf kommen wir noch zurück.
Die Welt ist das Eine und Ganze. Im Sanskrit nennt man das „Advaita“. Das bedeutet: etwas, das man überhaupt nicht aufteilen kann, wo die Zerstückelung erst gar nicht möglich ist. Wie die Farbe des Kreises.

Die Offenheit der Zukunft. Die Zukunft ist nicht eindeutig determiniert. Sie ist nicht völlig beliebig, sondern offen, aber die Tendenz ist in einer gewissen Weise festgelegt. Vom Vorhergehenden beeinflusst, wird die Ausrichtung in gewisser Weise vorgegeben, so dass die Evolution wie ein Lichtkegel nur in eine gewisse Richtung weitergeht. Es gibt aber echte Kreativität. Aus Nichts kann auch etwas entstehen, und wenn etwas da ist, kann es auch wieder in das Nichts verschwinden.
Die Begriffe von Entfaltung und Entwicklung sind nicht mehr zutreffend. Wir haben eine kreativitätsfeindliche Sprache, das höchste der Gefühle ist Entfaltung und Entwicklung. Das hieße nichts anderes, als dass alles schon da ist und nur entfaltet wird, Kreatives wäre nicht dabei. In Wirklichkeit kommt aber etwas neu dazu. Dieses neue Weltbild ist sehr spannend, und es beunruhigt. Trotzdem: Wenn Sie nach dem Einkaufen ihr Auto suchen, werden Sie es auch finden, obwohl die Zukunft offen ist.

Auch die Wissenschaft spricht nur in Gleichnissen. Die Wissenschaft hat ihre Vorrangstellung eingebüßt. Wir haben immer gemeint, wir Wissenschaftler können sagen, was ist und was nicht ist. .Jetzt müssen wir aber einsehen, dass auch wir in Gleichnissen reden müssen.
Der entscheidende Schritt, wo wir festgestellt haben, dass die Materie verschwindet und die Form bleibt, hat mit der Struktur des Atoms zu tun. Warum haben wir die Atome erforscht? Wir wollten die Welt in den Griff bekommen, und wir wussten, dass uns das gelingt, wenn wir die Materie abtrennen von der Form. Aber wie ist das möglich? Ich muss die Form beseitigen und nehme dazu einfach ein Beil, zerhaue beispielsweise diesen Tisch hier, dann ist seine Form kaputt. Aber es entstehen daraus zwei Teile, die wieder eine Form haben. Daher muss ich das Beil wieder und wieder nehmen, und dann hoffe ich, dass eines Tages die Form wegbleibt. Wenn man das immer weiter so macht, wird man zum Atomphysiker.
Beim Atom angekommen, meinten wir endlich am Ziel zu sein. Jetzt haben wir das „Atomos“, jetzt haben wir das gefunden, was sich nicht mehr spalten lässt. Es ist Materie und keine Form mehr. Doch dann kam Lord Rutherford und zeigte, dass auch dieses Atom eine Struktur hat. Wieder mussten wir das Beil nehmen und nachsehen, wie es im Inneren des Atoms ausschaut. Dann fanden wir dieses subatomare System und versuchten es zu verstehen. Und jetzt ist es passiert: Es widerspricht den Naturgesetzen, so wie wir sie kennen!
Die Naturgesetze der Mechanik sind so einfach, dass es keine Ausrede gibt, dass wir das System noch nicht ganz verstanden haben und schon irgendwann eine Lösung finden werden. Die Naturgesetzte sind falsch und wir müssen feststellen, es gibt die Materie nicht mehr. Es gibt letzten Endes nur noch eine Art Schwingung. Es gibt keine Elektronen, es gibt keinen Atomkern, es ist eigentlich nur eine Schwingungsfigur. Eine Schwingungsfigur wie Ihr Gespräch im elektrischen Feld, nichts Materielles im eigentlichen Sinne. An diesem Punkt haben wir die Masse verloren.

Fischen und Naturwissenschaft

Ein anderes Gleichnis, das noch die alte Physik betrifft: Wir wussten selbstverständlich schon, dass die alte Physik und die alte Vorstellung falsch ist. Ich nehme dazu immer das Gleichnis von einem Ichthyologen, einem Fischkundigen, der das Leben im Meer erforschen will und nach jahrelangem Fischen und Forschen zu den beiden Grundgesetzen der Ichthyologie kommt:
1. Alle Fische sind größer als fünf Zentimeter.
2. Alle Fische haben Kiemen.
Bei jedem Fang stellt er fest, die beiden Gesetze sind gültig. Am Nachhauseweg trifft der Ichthyologe seinen Freund, den Metaphysiker und Philosophen, dem er ganz erregt erzählt: „Ich habe die zwei Grundgesetze der Ichthyologie entdeckt!“ Der Philosoph hört sich das an und sagt: „Augenblick mal, das zweite Grundgesetz kann auch nur damit zusammenhängen, dass du noch nicht genügend gefischt hast. Da könnten vielleicht auch andere Lebewesen im Ozean sein.“ Wir wissen, es gibt auch Krebse und so fort. „Du musst weiter fischen. Es ist nur eine Regel, dass diese Fische die häufigsten ist. Aber dein erstes Grundgesetz ist gar kein Grundgesetz. Hättest du die Maschenweite deines Netzes gemessene, hättest du festgestellt, das sind genau fünf Zentimeter.“
Darauf der Ichthyologe: „Entschuldige, Herr Philosoph. Der Ichthyologe definiert einen Fisch als etwas, das man fangen kann. Was ich nicht fangen kann, ist einfach kein Fisch.“ Er war ganz entrüstet darüber, wie man überhaupt solche Fragen stellen kann. Was ich nicht fischen kann, ist kein Fisch. Das Gleichnis des Netzes bedeutet, dass auch ein Wissenschaftler seine Aussagen nicht in luftleeren Raum macht, sondern wir müssen zum Beispiel genau wissen, was eine gute Messmethode ist. Vor allem spielt die Art und Weise, wie wir Denken, eine entscheidende Rolle. So wie wir denken, analytisch denken, ist es immer eine Art zerlegen. Wenn aber etwas durch dieses Zerlegen kaputt geht, dann kann ich wissenschaftlich gar nicht feststellen, was dabei kaputt geht.
Der Philosoph sagt: „Wenn du das Netz ins Wasser wirfst, siehst du doch diese kleinen Fische, wie sie durch das Netz durch gehen. Du siehst doch, es sind auch kleine Fische da.“ Darauf der Ichthyologe: „Ja, ich sehe das, aber das kann eine optische Täuschung sein. Ich glaube nur die Dinge, die ich wirklich messen kann. Aber im Übrigen, Herr Philosoph, ich bin ja letzten Endes nicht ein Ichthyologe, sondern ich bin eigentlich ein Fischer. Ich trage meine Fische jeden Morgen zum Markt, und ich habe dort noch nie jemanden getroffen, der einen Fisch haben wollte, den man nicht fangen kann.“
Wenn wir die Maßstäbe der Wirtschaft nehmen, was dafür wichtig und was unwichtig ist, dann reden wir immer nur von Fischen, die wir fangen können. Das ist selbstverständlich nicht ausreichend, wenn wir uns für diese Welt interessieren, in der wir leben.
Noch etwas ist wichtig zu sehen: Das eine ist, was hat der Ichthyologe denn mit Naturgesetz gemeint, wenn er diese Größe von fünf Zentimeter festgestellt hat? Warum kommt da eine Zahl ins Spiel?
Es handelt sich dabei um eine wissenschaftliche Aussage. Wenn Sie einen Nobelpreis bekommen möchten und in Ihrer Arbeit keine Zahlen vorkommen, kann das nie ein Nobelpreis werden. Es genügt nicht, einfach zu sagen, es könnte so oder so sein. Da muss eine Zahl dabei sein. Eine Zahl ist etwas Festes. Der Ichthyologe hat keine Ahnung, was ein Fisch ist, er hat auch keine Ahnung, was ein Stück Holz als Maßstab ist. Aber er stellt zwischen dem Maßstab und dem Fisch eine Beziehung her, und die ist fünf. Sie sehen, die Mathematik ist eine ganz andere Sprache, als die, die wir als Umgangssprache benützen. In unserem Umgang haben wir eine Sprache, die mit Substantiven arbeitet, mit Fischen oder Dingen. Die Mathematik bezeichnet nur Beziehungen.

Erkennen verändert die Welt

Um aber die neue Physik zu erklären, fehlt dem Gleichnis noch ein weiterer Aspekt. Mit dem Experimentieren verändern wir die Welt. Das kann das Bild des Ichthyologen nicht wiedergeben. Ein Naturwissenschaftler ist nicht nur jemand, der ein Netz hat, das etwas aus der Wirklichkeit herauszieht, was auch vorher schon drinnen ist – und wenn er alle möglichen Netze verwendet, dann kann er doch die ganze Wirklichkeit wieder zusammensetzen – sondern wir müssen ihn viel mehr vergleichen mit jemanden, der einen Fleischwolf hat, die Welt oben hinein steckt und mit den Drehen die ganze Struktur zerstört, die in dem Fleisch war. Vorne kommen die Würstchen heraus und er sagt: „Aha, die Welt ist aus Würstchen zusammengesetzt.“
Das heißt, es hängt von der Art und Weise und von den Instrumenten ab, wie ich die Wirklichkeit zugerichtet habe. Der andere hat nämlich vorne ein anderes Blatt, so dass nicht Würstchen, sondern Nudeln herauskommen. Und er sagt: „Nein, ich habe gesehen, die Welt ist aus Nudeln zusammengesetzt.“ Er hat nur eine andere Form, und jetzt streiten die beiden. Aber die Form, die sie verwenden, hat mit der Struktur der Welt gar nichts zu tun.
Genauso verhält es sich in der neuen Naturwissenschaft. Wir haben verschiedene Aussagen, die im Widerspruch zueinander stehen. Aber diese Aussagen haben nichts damit zu tun, was die Wirklichkeit ist. Die Struktur der Wirklichkeit können wir mit unserer Sprache gar nicht erkennen, sondern wir richten sie zurecht, so dass sie in diese Sprache hineinpasst.
Wenn wir von der Welt sprechen, in die Welt hineinsehen, dann vergleichen wir die Bilder miteinander und sind oft verschiedener Meinung. Wir machen den Fehler zu glauben, das was wir in dieser Welt sehen, ist dasselbe, das auch ein anderer sieht. Aber es ist durch unsere Wahrnehmung gefiltert. Denn dort, wo wir sehr empfindlich sind, nehmen wir mehr wahr und dort wo wir unempfindlich sind, nehmen wir überhaupt nichts wahr. Das heißt, die wahrgenommene Welt ist eine ganz andere, als die Welt da draußen. Ein Hauptstreit, den wir untereinander führen, kommt daher, dass wir nie vergleichen, dass wir verschiedene Dinge sehen, weil wir auf verschiedene Weise sensibilisiert sind. Es ist uns gar nicht bewusst, was wir weglassen und was wir echt sehen. Keiner von uns merkt, dass wir in unserem Auge einen schwarzen Fleck haben.
Wir sind gewöhnt daran, diesen schwarzen Fleck sofort mit Erinnerungen zuzukleistern, mit dem, was da eigentlich herein gehört. Wer wirklich einen schwarzen Fleck sieht, geht besser zum Augenarzt, denn da ist etwas falsch. Wir haben alle diesen falschen Fleck, aber niemand spricht davon, weil wir diesen Filter gemeinsam haben und diesen schwarzen Fleck zukleistern.

Welche Konsequenz hat das?

Jetzt können Sie sich natürlich die Frage stellen: Hat das überhaupt eine Konsequenz für uns? Das ist doch etwas. das nur im Mikroskopischen stattfindet. Es gibt selbstverständlich viele Wissenschaftler, die sich im Mikroskopischen auskennen und meinen, sie könnten die ganze Welt erklären. Der entscheidende Punkt ist nun der folgende. Wenn ich in unsere Welt aufsteige, in der Billionen mal Billionen Atome in einem Gramm Materie sind, dann rede ich nicht mehr von einem einzelnen Atom. Ich sollte eigentlich überhaupt nicht vom Atom sprechen, das gibt es ja gar nicht mehr. Ich kann auch nicht von einem Mikroteilchen sprechen. Ich nenne es daher ein Passierchen – etwas, das passiert, etwas Prozesshaftes – oder ein Wirks, eine kleine Wirkung. Das deutsche Wort „Wirkung“ für die Wirklichkeit ist ja viel besser als das der „Realität“.
Ich nehme also einen Sack von Billionen mal Billionen Passierchen, schüttle ihn durch und frage: Wie verhält sich dieser Sack insgesamt? Was dabei herauskommt, ist genau die alte Physik: die Naturgesetze, die Kausalität, die Welt, Ihr Auto. Alles ist auf einmal mit großer Bestimmtheit da, nicht absolut scharf, sondern mit einer kleinen Abweichung. Wenn ich Billionen mal Billionen Atome habe, ist die Abweichung plus/minus ein Billionstel. Das interessiert Sie selbstverständlich nicht.
Warum erzähle ich Ihnen dann diese anderen Dinge von einer mikroskopischen Welt, die doch für uns überhaupt nicht relevant ist? Aber jetzt kommt eben ein wichtiger Punkt. Könnte es sein, dass diese Passierchen sich nicht ausmitteln, gewissermaßen total ungeordnet durcheinander gewürfelt sind? Oder dass diese kleinen Prozesse ausgemittelt sind? Könnte es sein, das sie eine gewisse Ordnungsstruktur hervorbringen, so dass das, was im Mikroskopischen angelegt ist, doch nach oben kommt?
Betonen möchte ich auch, dass wir etwas, das fundamental kreativ und indeterminiert ist, eigentlich nicht mit dem Materiellen vergleichen sollten. Denn es hat die wesentlichen Ingredienzen dessen, was wir lebendig nennen. Denn in gewisser Weise können wir sagen: Im Urgrund oder an der Urquelle ist etwas, das dem Lebendigen viel ähnlicher ist als der Materie. Es ist nämlich alles im ewigen Wandel, und es ist nur der Wandel, der sozusagen das Bauelement ist und nicht das, was verwandelt wird. Das gibt es gar nicht.
Die Materie kommt auf einer Ebene zustande, wo sich alles wandelt, überlagert, wie ein Ameisenhaufen im Wald. Dieser Ameisenhaufen steht einfach als Kegel da, obwohl die Ameisen alle durcheinander laufen. Obwohl alles in Bewegung ist, bleibt etwas im Mittel stehen wie ein Granitkegel – aber nur in der Vergröberung. Könnte es sein, dass dieses Gewusel sich auf einmal anders anordnet, so dass es zu dem führt, was wir Leben nennen? Dann muss das sozusagen verstärkt werden. Wie wenn ich den Kegel mit einem Vergrößerungsglas betrachte und bemerke, das sind ja eigentlich Ameisen.

Das „lebendige“ Pendel

Das kann ich Ihnen auch mit einem Pendel vorführen, das genau nach den Naturgesetzen abläuft. Wir können ganz genau ausrechnen, wie es pendelt. Am Ende hängt es aufgrund der Reibung nach unten, die Bewegungsenergie wird in Wärme umgewandelt und am Schluss wird es still. Das lässt sich einfach und genau ausrechnen. Aber dieses Pendel hat einen Punkt, an dem keine Aussage möglich ist: nämlich wenn ich es auf den Kopf stelle. Wenn ich das Pendel ganz nach oben gebe, weiß ich im Augenblick nicht, ob es nach links oder rechts fällt. An dieser Stelle der Instabilität versagt die Prognose.
Sie könnten sagen, ich muss ganz genau hinsehen, ob es links oder rechts von genau oben ist. Dazu brauche ich sozusagen ein Vergrößerungsglas, um zu wissen, ob der Schwerpunkt dieser Linie im Inneren über die Drehachse geht, und ob das Pendel minimal links oder rechts davon steht. Aber wenn ich noch weiter, ganz in die Mitte gehe, dann passiert plötzlich etwas völlig anderes. Dann hängt es davon ab, dass dieses Pendel nicht einfach isoliert im Raum steht, sondern dass noch andere Dinge um es herum sind. Zum Beispiel ich, der ich jetzt hier auf dieser Seite des Pendels stehe. Wenn ich hier stehe, ziehe ich das Pendel zu mir, weil ich es wie die Sonne einen Planeten anziehe. Wenn ich auf die andere Seite gehe, dann geht es auf die andere Seite. Es hängt von meiner Stellung ab, in welcher Weise das Pendel herunterfällt.
Aber nicht nur von mir, auch von Ihnen allen. Jemand greift nach der Nase und schon ist meine Rechnung im Eimer. Oder ein Auto fährt vorbei, oder der Zug fährt am Hauptbahnhof ein, oder der Andromedanebel sendet ein Lichtquant ab und es erreicht dieses Pendel und entscheidet, in welche Richtung es fällt.
Das Pendel ist in dieser Stellung ganz oben nicht nur instabil. Das ist besser ausgedrückt ein Punkt der höchsten Sensibilität. Die kleinste Änderung im Umfeld gibt den Ausschlag, ob das Pendel nach links oder rechts fällt. Sie kennen die Geschichte von dem Flügelschlag des Schmetterlings, der einen Taifun auslöst. Keiner sagt dazu, dass man dazu eine Wetterlage braucht, die genau an der Kippe ist. Voraussetzung ist die Instabilitätslage. Statt von Instabilität zu reden, könnte ich auch sagen: höchste Sensibilität. An dem Punkt höchster Sensibilität „spürt“ das Pendel, was in der ganzen Welt los ist. An dieser Stelle „sieht“ es nicht die alte Welt, sondern die neue Welt. Es „sieht“ jetzt dieses Hintergrundfeld, in dem alles mit allem zusammenhängt. Wir könnten auch sagen, das Pendel wird an diesem Punkt „lebendig“. Es erkennt auf einmal den Hintergrund. Es ist in Kontakt mit diesem Informationsfeld im Hintergrund.
Aber doch nur an einem Punkt. Einmal nur lebendig sein, und es kommt nie mehr nach oben. Das reicht noch nicht aus für ein Leben, so wie wir es verstehen. Wir möchten sagen, einmal wirklich gelebt zu haben reicht, aber andere sagen, ein paar Mal wäre schon besser.
In diesem Pendel haben wir zwei Arretierungen. Nehme ich die weg, wird das einfache Pendel jetzt zu einem Trippelpendel. Dieses Trippelpendel hat nun drei Möglichkeiten der Instabilität, und damit größere Chancen das Leben zu erleben. Nicht nur dreimal so viel, sondern unendlich viel mehr. Wenn ich dieses Pendel anstoße, dann geht es immer wieder über diese Punkte hinweg. Man nennt das ein Chaos-Pendel. Man kann die Bewegung dieses Pendels nicht prognostizieren, weil es immer wieder in die Instabilitätslage kommt, an der ich die ganze Welt mit beobachten muss, oder, in meiner Sprache, dieses Hintergrundfeld einbeziehen muss. Am Schluss steht es selbstverständlich still, aber es ist unserem Leben ein bisschen ähnlicher, wenigstens einige Male lebendig. Dann hat es keine Energie mehr und stirbt mir am Schluss dann doch weg.
Ein paar Minuten lebendig zu sein, reicht für uns aber auch nicht aus. Wie können wir erreichen, dass dieses Pendel nicht abstirbt? Wie kann man erreichen, dass die Instabilität, die Sensibilität bedeutet, nicht verloren geht, sondern erhalten bleibt? Ich muss sie – die Instabilität – stabilisieren. Ergibt das nicht einen Widerspruch, wenn ich sage das Instabile wird stabilisiert? Nein. Und wir wissen das längst. Haben Sie sich schon einmal überlegt, warum wir auf zwei Beinen laufen? Wenn wir auf einem Bein stehen, ist das eigentlich nur instabil. Es wäre doch viel besser, auf vier Beinen zu stehen, immer in Sicherheit. Ein Bein gibt uns aber das Erlebnis, frei zu sein. Ich kann in jede Richtung fallen, ein Glücksgefühl sozusagen. Ein zweites Bein hat auch dieses Glücksgefühl, aber jedes nur einmal. Wenn die beiden Beine sich zusammentun und hintereinander diesen Punkt erreichen, dann geht das andere Bein genau dann nach vorne, wenn ich auf dem ersten falle – und umgekehrt.
Zwei instabile Systeme, die sozusagen das Entgegengesetzte machen, sind eigentlich Gegner. Aber zusammen können sie ein Spiel machen, das zu einer Bewegung führt, mit der ich kilometerweit durch die Gegend laufen kann, ohne zu fallen. Jetzt erst wird das Leben lebenswert, weil ich es so lange aufrechterhalten kann. Das ist es, wie das Lebendige wirklich entsteht.

Das Paradigma des Lebendigen

Aber ich habe in diesem Beispiel etwas unterdrückt, das muss ich noch hinzufügen. Es ist nicht ein ewiges Fallen, sondern bei jedem Schritt nach vorne muss das Bein, das nach vorne geht, etwas in die Knie gehen und sich wieder strecken. Ich muss ihm Energie zuführen, sonst hängt es mir nämlich am Schluss herunter. Leben muss gefüttert werden. Das ist der Grund, warum wir essen müssen.
Und da haben Sie nun einen Hinweis auf die Sensibilität, mit der sich auf einmal die Welt eröffnet. Wo Sie auf einmal alles wahrnehmen. Ich will das einen Zustand der Inspiration nennen. Ich bin sensibilisiert, das hat nichts mit Energie zu tun. Ich brauche die Energie, um in diese Richtung zu kommen, um in diese sensible Stellung zu kommen. Es ist aber nicht die Energie selber, die ich brauche. Die Energie, die wir als Lebewesen hier an der Erdoberfläche aufnehmen, die wir brauchen, um immer wieder diese Instabilität zu erreichen, liefert uns die Sonne. Aber das ist nicht etwas, das automatisch geschieht, sondern das wir auch immer wieder wollen müssen.
Die Schwierigkeit, die wir hier haben, ist genau der Punkt, der für manche von uns der unangenehmste ist. Nämlich in den Zustand der größten Instabilität zu kommen, an dem überhaupt nichts mehr sicher ist. Das ist genau der Punkt, von dem die Sensibilität herkommt, an dem wir plötzlich diesen Hintergrund wahrnehmen und auf ihn reagieren können. Das sind Erlebnisse, die wir in gewisser Weise mit unserer Innenwahrnehmung in Verbindung bringen. Ich muss aber auf Sicherheit verzichten, alles loslassen und mich öffnen, um diese Empfindlichkeit zu bekommen.
Die dynamische Stabilisierung ermöglicht eine Entwicklung. Die Sonne gibt uns gewissermaßen die Energie, alle lebenden Systeme in der Welt werden vom Sonnenlicht genährt. Es ist aber auch nicht ganz richtig zu sagen, es ist die Energie der Sonne, die eine Rolle spielt. Die von der Sonne eingestrahlte Energie wird ja wieder in den Weltenraum zurückgestrahlt, sonst würden wir hier auf der Erde allmählich ins Sieden kommen. Es geht eigentlich nur um eine Ordnungseigenschaft, die dem Sonnenlicht immanent ist. Es ist eine gerichtete, hoch geordnete Struktur der Energie, von der alles Lebendige abhängt.
Wir haben hier im Lebendigen einen interessanten Prozess. Das nenne ich das Paradigma des Lebendigen, das ganz andersartig ist als das Paradigma des Unlebendigen. Letzteres erleben Sie jeden Tag an ihrem Schreibtisch. Wenn Sie den ganzen Tag herumhantieren, wird der Schreibtisch immer nur unordentlicher und nie ordentlicher. Das ist der zweite Hauptsatz der Thermodynamik. Ein geordneter Schreibtisch ist eine unwahrscheinliche Konfiguration. Was in Zukunft wahrscheinlicher ist, das ist der unaufgeräumte Schreibtisch. Wenn er total unordentlich ist, dann können Sie noch ein Stunde daran wühlen, und er wird nicht noch unordentlicher. Das nennt man den thermodynamischen Grundzustand. Dem strebt alles entgegen.
Das ist der natürliche Zustand. Aber wir, die wir am Wochenende den Schreibtisch mit ordnender Hand aufräumen, um wieder erledigt und unerledigt zu trennen und all diese Dinge, brauchen dazu Energie. Dabei ahmen wir gewissermaßen die Sonne nach. Aber wir brauchen auch eine Sensibilität, um erst das anzuschauen, was wir ordnen wollen. Wenn ich das nämlich nicht anschaue, dann bin ich in der Situation, in der ich noch Karten mische, und dabei entsteht die Unordnung noch schneller. Im Lebendigen ist es dieser Prozess der ordnenden Hand, der zu einer echten Differenzierung führt. Das ist der Natur von vornherein eingeprägt, dass alles immer wieder in verschiedenen Formen vorkommt.
Aber diese Differenzierung bedeutet nicht, dass ich getrennte Dinge bekomme, sondern es ist alles immer noch im Ganzen mit da. Es ist so wie in einer Familie, wo sich jeder innerhalb eines Hauses verschiedene Zimmer sucht, aber immer noch im selben Haus. Das heißt, für die Differenzierung brauche ich Kreation, Kreativität. Dann kommt ein Prozess zustande, bei dem das, was differenziert ist, ein Spiel miteinander anfängt.

Differenzierung und Zusammenspiel

Wie können wir miteinander leben und zu einem neuen Ganzen finden? Ein Plussummenspiel, wo man die Eigenart nicht aufgibt, sondern jeder seine Eigenart behalten kann, aber in einem Konzert, bei dem verschiedene Instrumente zusammenspielen, und das Ganze mehr wird als die Summe der Teile. Das ist das Paradigma des Lebendigen. Der erste Prozess ist die Individualisierung des Menschen, und die müssen wir unterstützten. Wir wollen, dass die Menschen verschiedenartig sind. Denn wenn ich nur ein Bein habe, das an das andere geschnürt ist, falle ich genauso schnell wie mit einem Bein. Wir müssen zunehmend verschieden werden, damit wir immer mehr Stützfunktionen haben, immer mehr Stabilisierungen. Erst dann können wir auf verrückte Weise durch die Welt gehen, ohne zu fallen.
Denken Sie an ein Kind, das Rad fahren lernt. Ich muss das Kind nur drei oder viermal halten, dann fällt es hin, aber so fängt es an. Ein Fahrrad ist doch das Instabilste, das man sich vorstellen kann, aber schon beim vierten Mal ist es so, das ein Kind auf einmal fährt, dass es lernt, sich mit dieser Instabilität eine neue Dimensionen in der Welt zu erschließen. Das ist genau der Prozess der Evolution. Aber dieses Einüben einer neuen Instabilität braucht Zeit. Das Kreative, die Entfaltung, dass wir verschieden werden, ist wichtig. Aber irgendwie müssen wir auch das Zusammenspiel lernen. Aber das ist gar nicht so unmöglich, wie wir glauben, weil wir ja alle miteinander verbunden sind. Wir sind nicht wirklich getrennt. Wir haben bereits eine gemeinsame Entwicklung hinter uns, auf der wir aufbauen können.
Sie können sich deshalb dieses Biosystem wie ein großes Kartenhaus vorstellen, auf dessen Spitze wir sozusagen herumtanzen, als ob wir nicht wüssten, dass wir auf einen Kartenhaus herumtanzen. Das Kartenhaus soll hier symbolisieren, dass alles Lebendige auf Instabilität aufgebaut ist. Das Kartenhaus ist kein gutes Gleichnis, weil die Stabilität des Kartenhauses von der Reibung der Karten an der Oberfläche abhängt.
In unserem Biosystem kommt die Stabilisierung daher, dass die Sonne 450 Milliarden Energiesklaven, wie ich das nenne, beschäftigt, um die Karten immer wieder neu zu justieren, damit das Kartenhaus nicht zusammenfällt. Ein Energiesklave ist eine viertel Pferdestärke, die zwölf Stunden am Tag ununterbrochen arbeitet. Das erinnert mich an die Zeit nach dem Krieg, als wir keine Pferde hatten. Vier Erwachsene müssen einen Zug ziehen, um ein Pferd zu ersetzen. Vier Menschenstärken sind eine Pferdestärke, das ist die Umrechnung. Aber das zwölf Stunden lang. Wir können den Zug nur zehn Minuten ziehen, dann müssten wir uns wieder ausruhen. Ein Energiesklave ist sozusagen jemand, der das zwölf Stunden hindurch kann. Die Sonne hat 450 Milliarden Energiesklaven, um das ganze Biosystem zu stabilisieren. Und wir tanzen oben herum. Das ist ein ganz wesentlicher Punkt, den wir in Betracht ziehen müssen, wenn wir fragen, was können wir tun?
Wir haben nicht nur sechseinhalb Milliarden Menschen auf dieser Erde, sondern diese Menschen ersetzen ihre Körperkräfte durch Maschinen. Und dazu brauchen wir Energie, nicht nur die Energie, die wir selbst aufnehmen, sonder auch die, die wir in den Maschinen unterbringen. Wenn wir die Primärenergie, die wir brauchen, umrechnen, dann beschäftigen diese sechseinhalb Milliarden Menschen 130 Milliarden Energiesklaven. Das ist ungefähr ein Viertel der Energiesklaven, die die Sonne zur Stabilisierung des ganzen Biosystems benötigt.
Das ist eine Überlebensfrage. Nicht die sechseinhalb Milliarden Menschen, sondern diejenigen, die ihre Arbeit durch andere Energiesklaven machen lassen, die an unserer Stelle da oben herumtanzen. Die Rechnung zeigt, dass wir eigentlich nur 100 Milliarden Energiesklaven tanzen lassen können, bevor das System zusammenbricht. Wir sind eigentlich schon darüber. Das sehen wir auch daran, dass wir heute die ganze Artenvielfalt abstürzen sehen.
Noch etwas möchte ich Ihnen zeigen. Diese Höherentwicklung durch Differenzierung und das kooperative Zusammenspiel von Verschiedenartigem ergibt ein neues Holon. Der Mensch ist so ein Ganzes, das eine gewisse Abgeschlossenheit hat. Aber wenn Sie sehen, wie viel Gegensätzliches wir im Hintergrund haben, auf wie vielen Ebenen wir immer wieder dieses Gleichgewicht herstellen müssen, dann ist das ein globales System. Die Globalisierung ist an sich nichts Schlechts, aber es bedeutet, dass die Verschiedenartigkeiten ein Spiel finden müssen, das miteinander verträglich ist. Es kann nicht eine Klasse von Menschen sagen, diese Eigenschaft wollen wir sozusagen global machen und alles Übrige lassen wir. Sie müssen dafür sorgen, dass alle Kulturen dieser Welt auch bestehen bleiben und in diese große Kultur hereingenommen werden. Denn nur die Summe aller dieser Kulturen kann in diesem Zusammenspiel eine Weltkultur schaffen. Es ergibt überhaupt keinen Sinn, wenn eine Kultur sagt, wir sind die Kultur. Das würde bedeuten, dass wir alle diese Beine zusammenbinden und dann alle gemeinsam stolpern. Das ist sozusagen das Irrtümliche.

Vielfalt und Bedeutung

Wie höhere Strukturen funktionieren, das zeigt auch die DNA. Die Information, die in dieser DNA steckt, hat eine gewisse Ähnlichkeit mit einen Gedicht. Auch in einem Gedicht von Goethe sehen Sie einzelne Buchstaben, die nebeneinander stehen, aber in gewissen Ordnungsstrukturen an verschiedenen Ebenen. Es sind gewisse Buchstabenfolgen, die man selbstverständlich genau untersuchen kann. Da sind die Buchstaben zu lesen, die als Worte einen Sinn ergeben, der diesen Buchstaben nicht anhaftet. Das heißt, ich komme auf einen neuen Wert, eine neue Information. Wenn ich die Worte hintereinander setze, bekomme ich einen Satz, der einen Sinn ergibt, und die Sätze ergeben eine Strophe. Insgesamt hängen der Anfang und das Ende des Gedichtes unmittelbar zusammen. Ich kann das nicht einfach zerreißen, indem ich hier gewisse Sätze herausnehme oder aus einem anderen gescheiten Buch hereinnehme. Aber so machen wir das mit der Genmanipulation. Das ist ein Ganzes, und diese Ordnung ist ganz subtil aufeinander abgestimmt.
Es nützt mir auch nichts, wenn ich dieses Gedicht hier hinschreibe und sage, es ist ein wertvolles Gedicht. Es braucht auch mich, der ich Deutsch verstehe und auch weiß, dass Goethe ein berühmter Dichter ist. Dass es wert ist, hier einen Sinn dahinter zu sehen und mich auch darum bemühe. Aber wenn jemand diese Sprache nicht kennt, dann sieht er nur das, was in diesem Goethe Gedicht objektiv enthalten ist, nämlich die Aufeinanderfolge der Buchstaben, die eine gewisse Regelmäßigkeit aufweisen. Die Ordnung der Buchstaben kann ich in ihrer Wahrscheinlichkeit und Unwahrscheinlichkeit ausrechnen und das Gedicht auch mit Zahlen belegen, wie unwahrscheinlich es ist, diese Buchstaben genau so anzuordnen. Es ergibt keinen Sinn mehr, wenn ich mit den Buchstaben in diesem Gedicht so verfahre, dass ich am Alphabet spiele und A mit Z vertausche und B mit Y und so weiter. Jetzt lesen Sie das Gedicht, als ob sie nicht Deutsch können. Auch wenn es objektiv dieselbe Anordnungsstruktur, dieselbe Wahrscheinlichkeit und Unwahrscheinlichkeit aufweist.
Das heißt, ich kann jetzt wissenschaftlich den Wert messen, so wie ich auch Wertschöpfung in der Wirtschaft behandle. Für mich ist dieses Goethe-Gedicht immer ein Beispiel dafür, wie wir die Welt sehen. Wir nehmen da schon einige Dinge wahr, die Vielfalt zum Beispiel. Viele Buchstaben; der liebe Gott muss also Freude gehabt haben, alle diese verschiedenen Tiere und Pflanzen zu machen. Aber warum genau die und einige mehr und andere weniger? Und doppelte Buchstaben kommen nur ganz wenige vor und auch nur bei ganz bestimmten. Ich sehe Regelmäßigkeiten und erfinde große Theorien darüber. Genauso sehen wir die Welt, die Vielfalt. Wir wissen, die Vielfalt ist wichtig, aber wir verstehen den Zusammenhalt in diesem Fall nicht.
Das ist der Grund, warum wir sagen, der Mensch ist analytisch und er muss jetzt die Welt umordnen. Eine Welt, die sozusagen effizienter ist als die geschaffene, denn wir wissen ja, was wichtig und was unwichtig ist. Dann schreiben wir dieses Gedicht auf diese Art und Weise, fein sortiert nach den Buchstaben des Alphabets. Damit wird es für uns sozusagen handhabbar. Jetzt muss ich nicht alle „N“ heraussuchen, sondern habe sie alle in einer Reihe geschrieben und bilde mir ein, der Mensch kann mehr als die Natur.
Wie viele Buchstaben bringe ich da hintereinander unter, und hier haben wir nur mickrige zwei. Ein paar Buchstaben kommen nur einmal vor. Warum schmeiße ich die nicht raus? Die sind ganz unwichtig. Das ist die Situation, in der wir uns heute befinden, in der von Menschen gemachten Welt, die wir dann auch technisch erforschen. Da können wir auch die Zeilen noch ein bisschen miteinander vertauschen. Es gibt noch viele Möglichkeiten es anders zu machen. Aber die Bedeutung, der Sinn ist weg. Das ist der Grund, warum wir nicht zu viel herumtun sollten.

Nachhaltigkeit

Warum spielt die Nachhaltigkeit für uns jetzt eine so große Rolle? Wenn wir diesen tieferen Einblick in den Zusammenhang der Welt haben, dann sind insbesondere drei Dinge für uns wichtig:

1. Wir müssen feststellen, es gibt doch gewisse Dinge, die sich im Großen nicht verändern, die wir auch gar nicht verändern können. Die Materie können wir nicht verändern, mit der müssen wir auskommen.

2. Ganz wichtig ist die Metastabilität des Biosystems, die wir in unserer heutigen Diskussion eben nie betrachten. Wir sprechen von den Grenzen der Ressourcen, von unserem Öl, das uns ausgeht, wie wir das Öl ersetzen durch eine andere Energieform und so fort. Aber niemand spricht darüber, wie stark können wir eigentlich herumtanzen in dieser Welt. Wie viele Menschen können auf dieser Erde leben, oder besser: Wie viele Energiesklaven dürfen auf dieser Erde leben?
Die sechseinhalb Milliarden Menschen sind nämlich gar nicht ausschlaggebend, es sind vielmehr die 130 Milliarden Energiesklaven. Wir brauchen eine Geburtenkontrolle von Energiesklaven, es dürfen nicht mehr als 100 Milliarden sein. Das sind Geburtenkontrollen von Autos, von Maschinen etc. Die paar Menschen, die sechseinhalb Milliarden Menschen, die spielen überhaupt keine Rolle unter diesen 130 Milliarden Energiesklaven.

3. Ganz wichtig ist, dass die Zukunft wirklich offen ist. Wir haben die Möglichkeit, die Zukunft zu gestalten; der Fatalismus (es gibt keine Alternative) ist nicht mehr erlaubt. Es gibt unendlich viele Alternativen oder sehr viele Alternativen, das sehen Sie schon an der Natur. Es gibt nicht nur die Spezies Mensch, es gibt Hunderte von Millionen verschiedener Arten da draußen. Die sind genauso alt wie wir. Das sind alles erfolgreiche Konzepte. Sie haben den langen Weg über dreieinhalb Milliarden Jahre genauso gut geschafft wie wir – mit anderen Lösungen. In dieser Weise ist die Welt offen. Es ist nicht nur der Mensch übrig geblieben als der einzige, es sind auch andere übrig geblieben. Aber alle sind außerdem irgendwie aufeinander angewiesen. Keiner kann so ganz von dem anderen getrennt leben.

Was die Welt zusammenhält

Wie stellen sich die Wissenschaftler den Anfang der Welt vor? Da war am Anfang ein Big Bang, und in diesen Punkt musste man die ganze Weisheit hinein geben, alles was die Forscher in den nächsten zwanzig Milliarden Jahren drin haben wollten. Nur nichts vergessen, und dann geht es einfach nur um die Entfaltung dessen was schon da ist. Nein, die Schöpfung ist nicht abgebrochen, sondern sie findet statt in jedem Augenblick, und wir sind alle Teile davon.
Es gibt eigentlich in dem Sinne auch nicht den Schöpfungsgott. Wenn die Leute mich fragen, was bist du denn? Bist du noch Christ, bis du ein Monotheist oder ein Pantheist oder was? Dann sage ich: Ich bin ein „Atheist“, aber im Sanskritsinne. Mein Gott ist etwas, das man nicht sehen kann, weil es nur das Eine gibt. Das heißt, die Frage, wie viele Götter gibt es, ist eine unerlaubte Frage. Nur in dem Sinne bin ich ein Atheist. Aber ich bin nicht ein Atheist in dem Sinne, dass ich an einem Zusammenhang zweifle, ich bin ein liebender Atheist. Die Liebe ist das, was ich zum Ausdruck bringe. Dass alles miteinander zusammenhängt. Was wir in unserer Sprache Empathie nennen, ist eine Grundvoraussetzung für diesen Kosmos, den man als einen geistigen, lebendigen Kosmos bezeichnen kann.
In dem Namen „Kosmos“ steckt nämlich nicht die Materie drinnen, sondern nur, dass er eine Beziehungsstruktur hat. Es ist ganz wichtig, dass wir unsere Aufgabe sehen und dass es auf uns alle ankommt. Wir sind Mitschöpfer. Es hängt von uns ab. Wir können selbstverständlich die Welt nicht beliebig ändern, aber wir wissen auch, dass wenn wir entscheiden, wir auch zum Gesamten beitragen, und dass diese Entscheidung immer schon eingebettet ist in etwas, das wir gemeinsam haben. Auf Grund dieser anderen Vorstellungen stellen wir fest, wenn wir die Welt verändern wollen, dann ist es nicht notwendig, dass wir mit sechseinhalb Milliarden Menschen einen Dialog beginnen müssen. Den Dialog brauchen wir nicht, um den anderen zu überzeugen, sondern nur, um ihn daran zu erinnern, was er immer schon weiß.
Denn wir haben dreieinhalb Milliarden Jahre derselbe Entwicklung hinter uns. Diese Entwicklung hat nicht mit unserem Körper zu tun, denn was sozusagen unsere Software ist, das ist nicht in unserem Körper, die ist ja da „draußen“ und wir sind alle angeschlossen. Das ist eine Art Internet-Version, die ich abrufen kann. Ich kann herausbekommen, wo die anderen sind und auch meine eigenen Entscheidungen finden. Wir sind nicht wie ein Materieklumpen allein in der Welt und nur über Wechselwirkungen mit der Umgebung in Verbindung, sondern wir sind eingebettet in das Ganze/Eine, so dass wir schon etwas wissen, dass wir gemeinsam weiter gehen und dass wir gewisse Prozesse verstärken können, die wirklich zukunftsfähig sind.
Diese Erde ist kein abgeschlossenes System, sie ist im doppelten Sinn offen. Die Erde ist ein Planet. Was wir Erde nennen, unsere Lebenswelt, ist nur ein winziger Teil einer dünnen Haut an der Erdoberfläche. Ungefähr zehn Kilometer in den Boden hinein und zehn Kilometer wieder heraus, und nur dort, wo Land ist. Das meiste sind Ozeane und Gebirge. Die Vulkane werfen ab und zu noch etwas vom Inneren an die Oberfläche. Eine ganz schwache Quelle an Schwermetallen haben wir durch die Vulkane, aber sonst sind wir materiell abgeschlossen. Aber wir sind offen im Bezug auf die Energie, die von der Sonne kommt. Jeden Tag kommt uns diese Energie zu, und die können wir verbrauchen. Diese Energie brauchen wir, um das was wir lebendig nennen auch zu befördern. Diese Quelle können wir verwenden.

Energie und Ordnung

Es gibt also im Hintergrund die Möglichkeit eines Wachstums, aber nur aufgrund dieser Energie von der Sonne. Mit dem Material, etwa aus den Bergwerken, müssen wir sorgsam umgehen, sonst geht es uns verloren. Kupfer geht beispielsweise verloren, aber wir könnten es auch wieder einsammeln. Die eingestrahlte Energie wird auch wieder abgestrahlt, deshalb ist es nicht die Energie, auf die es ankommt, sondern nur die Ordnungseigenschaft.
Eine Verletzung der Nachhaltigkeit sehen wir am besten in der Stoffwirtschaft. Wir haben immer weniger Stoffe, es gehen uns Stoffe aus, und da hilft es letztlich nur, sie wieder einzusammeln. Noch offensichtlicher ist es in unserer Energiewirtschaft. Wir verbrauchen dauernd Energie. Dann ist die Frage, was machen wir mit unseren Energien? Und was kommt am Ende heraus? Da ist unser CO2-Problem, aber auch das der abgebrannten Brennstäbe. Aber was machen wir eigentlich mit dieser Energie?
Was sind unsere Energiequellen? In den meisten Zeiten der Vergangenheit haben wir von der Sonne gelebt, indem wir direkt die Sonnenenergie verwendet haben. Wir haben sie auch von Pflanzen, durch Fotosynthese, genommen, als Nahrung, und haben damit auch Tiere gezüchtet, die den Zug ziehen. Aber es wurde zu langweilig, die Sonnenenergie einzusammeln. Dann haben wir Kohle, Erdöl und Erdgas verwendet. Das ist über Millionen von Jahrhunderten gesammelte Sonnenenergie, die wir jetzt verbrauchen. Dann Uran, das von Supernova Explosionen kommt, die vor etwa zwei oder drei Milliarden Jahren im Weltraum stattgefunden haben. Wobei wir das Uran, das mit einer Halbwertszeit von zwei Milliarden Jahren noch da ist, durch Spaltung verwenden können. Das sind also die Quellen die wir zur Verfügung haben.
Indem wir die fossilen Brennstoffe verwenden, machen wir etwas, was irreversibel ist. Wir leben eigentlich in einer Bankräubergesellschaft: Wir stellen mit eigener Kraft ein Schweißgerät her und schweißen einen Naturtresor nach dem anderen auf, nehmen dessen Energie heraus, um neue Schweißgeräte zu machen. Selbstverständlich ist es ein gutes Leben. Es ist eben einfacher, ein Coiffeur der Mafia zu sein als bei einer NGO, weil da viel mehr Geld da ist.
Es ist also nicht nur die Ressource, um die es geht. Derzeit gehen die fossilen Brennstoffe zu Ende. Jetzt heißt es, in Deutschland insbesondere, was machen wir mit der Atomkraft? Wir brauchen sie unbedingt, weil das Öl zu Ende geht. Man führt eine Diskussion, die wir vor 30 Jahren geführt haben. Darauf will ich jetzt nicht eingehen, nur ein Satz: Das ist etwas, das wir überhaupt nicht tun dürfen!
Also zunächst einmal: Wie wird die Sonnenenergie entsorgt? Sonne wird eingestrahlt, und die verbrauchte Sonnenenergie wird als Wärmestrahlung wieder in den Weltraum zurückgenommen. Zum Glück ist der Nachthimmel schwarz und damit sozusagen als Müllkippe geeignet, diese Wärmestrahlung wieder aufzunehmen, sonst würden wir hier auf der Erde ins Kochen kommen. Der Nachthimmel ist schwarz, weil wir in einem Universum leben, das expandiert und auch eine fantastisch gute Müllkippe ist. Also müssen wir uns nicht um den Sonnenenergieabfall kümmern, sondern den nimmt uns der Nachthimmel ab.
Dann haben wir das CO2, und das macht uns eben Sorge. Wir nehmen die Kohle aus der Erde und bringen es in die Atmosphäre. Und nun haben wir festgestellt, obwohl es minimale Mengen, sind, ist es doch für das Klima wichtig. Die Menschheit wird nicht zugrunde gehen, wenn das Klima sich verändert, aber wir werden in große Schwierigkeiten kommen. Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass es nicht nur diese 6,6 Tonnen CO2, sind, die wir in die Atmosphäre schicken. Wir machen durch chemische Düngemittel auch noch den Humus kaputt und damit das Mikroleben. Der Mikroorganismus geht zugrunde, sodass der Grundstoff, der in den Mikroleben vorhanden ist, in die Atmosphäre geht. Damit geht noch einmal so viel CO2 in die Atmosphäre, wie alle Autos auf der Erdoberfläche produzieren. Wir müssen daher darauf achten, dass wir nicht den Humus kaputt machen, auch nicht die Regenwürmer, die die Blätter in die Erde bringen, damit es nicht mit dem Sauerstoff in Verbindung kommt. Es hängt ja alles zusammen.
Nun zur Kernenergie: Der Grund ist zunächst, dass die Kernenergie eine 1 Mio Mal höhere Energiedichte hat. Und es ist nicht die Energie, die von außen kommt, gut. Selbst die Sonnenenergie ist schädlich für die Pflanzen. Die Sonne hat ihre größte Intensität im Grünen. Dort ist das Maximum der Sonnenstrahlung. Das ist der Grund, warum unsere Pflanzen grün sind. Nicht weil sie davon Nutzen haben wollen, sondern dass sie sich schützen müssen gegen dieses grüne Licht. Durch das Grün der Pflanzen wird diese Energie sofort abgestrahlt. Die Pflanzen sind nicht grün, weil die Sonne dort am hellsten ist und sie die Energie brauchen, sondern die Energiedichte ist so groß, dass sie die Photosynthese kaputt macht.
Wenn ich andere Energieträger nehme, die eine so hohe Energiedichte haben, dann ist das genauso gefährlich. Ich habe schon erläutert, dass für mich nicht die Frage der Ressourcen, über die wir heute diskutieren, das Ausschlaggebende ist. – Wenn die fossilen Rohstoffe zu Ende sind, brauchen wir Atomenergie oder so. – Sondern die Frage ist vielmehr, wie viel Energie dürfen wir Menschen überhaupt umsetzen? Wie viele Energiesklaven dürfen wir überhaupt haben? Und ich habe bereits erwähnt, dass 100 Milliarden Energiesklaven die Grenze sind. Das ist immerhin zwischen 22 und 23 Prozent der Stabilisierungsenergie des Biosystems.
Es muss auch betont werden, dass das Biosystem enorm robust ist. Es ist sozusagen eine Firma, die dreieinhalb Milliarden Jahre nicht Pleite gegangen ist. Die stürzt nicht mit dem ersten Tritt vors Schienbein zusammen. Es erträgt noch Unruhestifter von 22 bis 23 Prozent, das wird sozusagen noch abserviert, das hält die Natur noch aus. Ich weiß nicht, wie die menschliche Gesellschaft funktioniert, wenn jeder vierte ein Quertreiber ist, ob wir das noch aushalten, ob unsere menschliche Gesellschaft dann noch so stabil ist. Die Natur ist es. Aber alles, was darüber hinaus geht, ist einfach zuviel. Das ist es, worauf es ankommt.
Ich will jetzt gar nicht debattieren, was passieren wird. Die Folgen haben natürlich mit dem Klima zu tun. Aber wir wissen gar nicht, was wirklich passiert. Wir sehen im Augenblick die größte Gefahr darin, dass der Golfstrom sich umdreht, weil durch das Abschmelzen von Nordpol und Grönland zu viel Süßwasser hereinkommt. Dann würden wir eine neue Eiszeit bekommen. Wir dürfen nicht so weiter machen, wenn wir uns nicht alle auf Reisen begeben wollen nach Afrika, um dort vielleicht einen neuen Platz in den Gegenden zu suchen, die auch schon besetzt sind.

Neue Lebensstile

Es geht einfach um die Stabilitätsfrage, und deshalb ist aus meiner Sicht die größte Herausforderung für uns: Können wir Lebensstile entwickeln, die im Einklang damit stehen, dass wir nicht die Tragfähigkeit des Biosystems destabilisieren, dass wir ihre dynamische Stabilisierung nicht stören und nicht über die 100 Milliarden Energiesklaven hinaus gehen. Bei sechseinhalb Milliarden Menschen auf der Erde heißt das pro Person 15 Energiesklaven und nicht mehr.
Jetzt können Sie sich fragen, wo sind denn diese Energiesklaven? Sie sind jedenfalls sehr ungleich verteilt. Im Schnitt hat (Zahlen aus 1990) ein Amerikaner 110 Energiesklaven, wir in Mitteleuropa haben 60, die Chinesen hatten damals acht Energiesklaven und in Bangladesch hatte jeder nur einen. Im Durchschnitt kommen wir auf die 100 Milliarden Energiesklaven. Heute hat sich die Situation ein bisschen geändert. Die Aufgabe wäre: Wir dürfen nicht mehr als 15 Energiesklaven haben. Wenn wir mehr haben, dann muss irgendwer in der Welt darunter bleiben.
Das ist eine Begrenzung, die nichts mit der Ressource zu tun hat, sondern mit der Stabilisierung des Systems, in dem wir eingebettet sind. Das ist selbstverständlich eine herbe Erfahrung. Aber es ist auch eine gute Erfahrung, denn damit ist es nicht notwendig, dass wir uns auf eine Energiezukunft vorbereiten müssen. Wenn im Jahr 2040 vielleicht 20 Milliarden Menschen auf der Erde leben, und alle zum Ziel haben, so zu leben wie die Amerikaner, dann geht das schlicht und einfach nicht. Damit würden wir auf 700 Energiesklaven kommen und müssten sechs neue Erden aus dem Keller holen. Das können wir schlicht und einfach nicht machen.
Wir müssen daher Lebensstile entwickeln, die innerhalb dieser 15 Energiesklaven möglich sind. Das ist kein Leben in Sack und Asche, sondern das Leben eines Schweizers von 1969. So schlecht war das damals nicht. Hier in Europa auf Faktor vier oder drei herunter zu kommen, ist nicht so unmöglich. Wir können mit wesentlich weniger Energiesklaven auskommen, weil wir sie nämlich gar nicht alle für uns arbeiten lassen. Die hampeln eigentlich nur in der Weltgeschichte herum. Das hat mit Effizienz zu tun. Wir nützen ihre Fähigkeiten gar nicht aus, sondern sind nur dazu da, dass sie Unfug machen, die Welt ernähren und das Umfeld zerstören.
Effizienz ist die eine Sache. Die Konsequenz ist, dass wir mit einer vernünftig großen Logistik arbeiten. Aber es kommt noch ein drittes dazu, und das ist die Suffizienz, die Frage, wie viel ist genug? Wenn ich meine, 15 Energiesklaven, 1,5 Kilowatt, sind genug, dann ist das nicht hart an der Existenzgrenze. Das Minimum ist 50 Watt, das sind 1200 Kilokalorien, die wir täglich brauchen. Die Grenze, die ich gezogen habe, bedeutet immerhin dreißig Mal soviel als wir wirklich brauchen. Da können wir uns noch etliches leisten. 50 Watt wäre ein bisschen wenig. Ich will ja nicht nur einfach vegetieren, ich möchte mich auch ordentlich bewegen können, also noch einmal 50 Watt dazu. Dann habe ich 100 Watt, dann bin ich gerade bei einem Energiesklaven angekommen.
Das heißt, diese Aufgabe ist nicht unmöglich, aber wir brauchen neue Lebensstile. Die Suffizienz kann deshalb eingehalten werden, weil wir erstens gar nicht ausnützen, was die Energiesklaven wirklich liefern, und zweitens ist es die Geschwindigkeit, die ungeheuer viel Energie verbraucht. Wenn Sie mit Ihrem Auto durch die Gegend rasen, brauchen Sie für die Bewegung selber gar keine Energie. Wenn Sie mit dem Auto eine beliebige Tour fahren und wieder zurückkommen zu ihrer Garage, brauchen Sie null Energie. Denn Ihre potentielle Energie hat sich nicht verändert. Was Sie an Benzin verbrannt haben, ist einfach, um die Wärme zu kompensieren, die Sie auf dem Weg an die Luft abgegeben haben, an den Reifen auf der Straße und so fort. Benzin ist einfach nur zur Kompensation für die Wärme notwendig, die ich auf meiner Fahrt erzeuge. Je schneller ich fahre, umso mehr Wärme erzeuge ich, und dann brauche ich auch mehr Energie. Etwas langsamer ist durchaus möglich. Wir müssen einfach all diese Dinge auch berücksichtigen.
Gewisse Dinge fallen uns sehr schwer, zum Beispiel die Mobilität. Ich gehörte einer Energiekommission in Hannover an, wo wir über Mobilität und Suffizienz gesprochen haben. Mobilität ist ein schwieriges Thema, weil wir meinen, wir haben ein echtes Bedürfnis nach Mobilität. Wobei man noch dazu sagen muss: Das was wir unter Mobilität verstehen, ist in Wirklichkeit immobil. Wir sind die meiste Zeit sogar angeschnallt und nennen das mobil. Also auszusteigen und zu laufen ist in der Sprache der Physik viel mehr Mobilität als angeschnallt im Auto zu sitzen. Mobil ist nur das Auto. Aber ich sorge mich ja nicht so sehr um die Mobilität des Autos, als um meine. Wir müssen einfach andere Methoden verwenden. Wie gesagt, das geht.
Die Frage ist nicht, wo nehme ich die Ressourcen her? Nehme ich sie aus der Sonnenenergie, nehme ich sie aus der fossilen Energie, aus der Atomenergie usw.? Sondern was mache ich mit dieser Energie? Und die Energie, die uns erlaubt ist, die wir haben dürfen, können wir kinderleicht aus der Sonne entnehmen. Was die Sonne insgesamt an Energie liefert, ist ein Faktor 10.000 Mal größer, als durch das Biosystem gepumpt wird. Es ist daher nicht wahr, dass diese Ressourcen nicht da wären.
Wir scheitern nicht daran, dass es nicht geht. Warum wir daran scheitern, hat etwas mit Zentralisierung zu tun. Wann immer man eine Energiequelle vorschlägt, die dezentralisiert ist, haben wir den ganzen Widerstand der Mächtigen gegen uns. Deshalb auch die Kernenergie, eine konzentrierte Energie – ganz abgesehen davon, dass man die Kernenergie aus vielen, vielen Gründen nicht nehmen kann. Ich nenne nur einen Grund, der für mich ein Totschlagargument für Kernenergie ist, da ich selber Kernphysiker bin. Die Menschen sollten nie und nimmer Technologien entwickeln, die in einem Störfall zu einem Schaden führen, der nicht mehr akzeptabel ist. Ganz egal, was Sie persönlich ausrechnen, was die Wahrscheinlichkeit für diesen Störfall ist. Warum ist ein Kernkraftwerkunfall inakzeptabel? Nicht weil die Menschheit vollständig draufgeht, sondern weil es Leute trifft, die gar nichts damit zu tun haben.
Viele sagen, der Mensch muss einfach lernen, das Risiko einzugehen. Das sagen Männer, die älter als 60 sind. Die können das Risiko ohne weiteres eingehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sie trifft, ist nicht sehr groß. Aber man muss sich vorstellen, wenn etwas passiert, dann trifft es Leute, die überhaupt nichts mit dem Kernkraftwerk zu tun haben. Es spielt doch eine große Rolle, ob ich Russisches Roulett an meinem eigenen Kopf spiele oder an dem Kopf meines Kindes. Das ist schlicht und einfach verboten. Ich darf kein Risiko auf mich nehmen, bei dem ich nicht selber die Konsequenzen ausbaden muss. Daher darf ich keine Technologie nehmen, die im Störfall so etwas macht. Denn ich habe überhaupt nicht die Kontrolle darüber.
Und ich kann Ihnen sagen, wie einfach so ein Störfall passiert. Ich kenne diese Rechnungen, wie man so etwas ausrechnet. Diese statistischen Berechnungen helfen Ihnen überhaupt nichts. Das merken Sie daran, dass Sie auch nie eine Versicherungsgesellschaft finden werden, die einen Kernreaktor versichern würde. Denn wie sollte sie denn die Wahrscheinlichkeit ausrechnen? Ich habe es doch ausgerechnet, ein Millionstel. Aber was sagt mir diese Zahl, ein Millionstel? Es kann schon morgen passieren oder erst in einer Million Jahre. So etwas lässt sich einfach nicht versichern. Warum soll ich es dann den anderen aufbürden, wenn nicht einmal die Versicherungsgesellschaften es machen?

Fehlertoleranz, Kreativität und Veränderung

Dazu kommt noch ein Anderes: Wenn etwas passiert, dann nicht das, was wir errechnet haben, sondern etwas, an das niemand gedacht hat. Stellen Sie sich einmal vor, an alles zu denken, was passiert. Als Physiker bin ich gewohnt, nach bestem Wissen Apparate zu konstruieren, mit denen ich drei bis vier Jahre arbeite. Ich schalte so einen Apparat ein und selbstverständlich funktioniert er am Anfang nicht, weil ich irgendetwas vergessen habe. Das heißt, Sie können das schlicht und einfach nicht ausrechnen. Je fantasieloser jemand ist, umso sicherer wird er das finden.
Aber es liegt doch auch an dem Menschen, der diese Maschine bearbeitet. Wir sollen doch alles von Robotern bearbeiten lassen. Der Mensch ist eben nicht fehlerfrei. Was heißt, der Mensch – fehlerfrei? Es ist der kreative Mensch, wir sind wieder beim Thema angekommen. Ich möchte eine Welt haben, in der jeder kreativ sein kann und auch Fehler machen kann, und trotzdem nichts passiert, das inakzeptabel wäre. Das ist die Welt, die wir brauchen. Einstein hatte Recht, wenn er sagte, einer Maus wäre es nie eingefallen, eine Atombombe und ein Kernkraftwerk zu bauen. Selbstverständlich nicht. Das heißt, wir brauchen eine Technik, die kompatibel ist mit dem kreativen Menschen, der auch Fehler macht. Denn der Fehler, den er heute macht, ist gleichzeitig die Zukunft von morgen. Das ist das Leben, das wir anstreben. Das ist nicht ein Leben des Verzichts, sondern das ist ein Leben der Öffnung und der Lebendigkeit in der Flexibilität. Das ist der neue Lebensstil, den wir anstreben, und dann haben wir überhaupt keine Probleme.
Jetzt müssen wir nur die Leute finden, die das können. Aber die Leute sind ja alle da, die Leute finde ich überall, wo man hinsieht. Wenn ich mit denen rede, brauche ich sie nicht zu überzeugen, sie sagen alle: „Du hast ja recht, ich sehe das ein, aber die Realität ist doch eine andere!“
Dann entgegne ich: „Das heißt nicht, dass du dich ändern musst – aber dass wir die Realität ändern müssen.“ Sie ist keine Realität, sie ist eine Wirklichkeit, die wir auch verändern können. Wenn wir alle diese neue Welt als Vision vor uns haben, dann werden wir diese Welt auch zustande bringen.

Cover Lebensimpulse

aus: „Lebensimpulse. Wege aus Abhängigkeiten, Hans-Peter Dürr, Eugen Drewermann, Rotraud Perner“, RHVerlag 2006

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Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
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Eine Antwort zu Hans-Peter Dürr: Das Lebende lebendiger werden lassen

  1. Hat dies auf astridschollenberger rebloggt und kommentierte:
    Wir halten immer noch fest an einem veralteten mechanistischen Weltbild aus dem 17ten und 18ten Jahrhundert. Wahrscheinlich, weil das Modell so sehr erfolgreich war. Die Zeit der Industriellen Revolution und die Wende in eine Form des Kapitalismus brachten in ungeahnter Geschwindigkeit ebensolche Fortschritte. Der Auftrag der abendländischen Konfessionen „Macht Euch die Erde untertan“, konnte damit eingelöst werden. Die „Protestantische Wertethik und der Geist des Kapitalismus“, wie Max Weber darstellte, trug ihren entscheidenden Teil dazu bei. Die gegenwärtige Form des Kapitalismus ist meiner Einschätzung nach allerdings darüber bereits weithinaus. Von Ethik im Zusammenhang damit zu sprechen, ist mir nicht mehr möglich. Persönliche Macht und die Handhabe sich gnadenlos zu bereichern und zu bedienen, wurden damit möglich. Die Ökonomie unseres Planeten liegt in der Hand einiger weniger Konzerne und Banken und der Spielsucht der Börsenspekulanten, die zunehmend als Normalität ja sogar Notwendigkeit propagiert wird, um auch noch die letzten Cent in den großen Topf der Gier zu tröpfeln.

    Einseitige Anklagen sind nicht meine Absicht. Natürlich bewundere und genieße ich auch viele der technischen Fortschritte und wende sie selbst an. Mein Anliegen ist es nicht, die Technik zu verteufeln, sondern ein Bewusstmachen der Haltung, die dahinter liegt und den Umgang damit. „Das Gefährliche ist nicht die Technik. Es gibt keine Dämonie der Technik, wohl dagegen das Geheimnis ihres Wesens.“ 1) So sehr ich Martin Heidegger für seine Sprachkreationen in „Sein und Zeit“ in meinem Studium verflucht habe, so sehr hat er Recht behalten. Wenn ich den Rhein nur noch als Transportweg für meine industriellen Güter sehe, und dabei ausschließlich meine wirtschaftlichen Komponenten in Betracht ziehe, interessiert es mich nicht, wieviel Feinstaub die Dieselmotoren der Lastkähne produzieren oder was mit den angrenzenden Infrastrukturen und den Lebewesen, die da zuhause sind passiert. Vor allem bemerke ich aber nicht, was mit meinem Denken passiert, welche Wege ich einschlage. Führen mich diese Wege in Bereiche der Selbsterkenntnis und näher an die Wahrheit oder verbergen Sie diese mit jedem Schritt.

    Die Art und Weise wie wir etwas sehen und damit umgehen, ist der entscheidende Ansatz. Die Einheit mit allem ist Bestandteil vieler religiöser, spiritueller Anschauungen. Der Artikel von Hans-Peter Dürr nimmt erfreulich aus naturwissenschaftlicher Perspektive dieses Thema auf. Es ist der Abgesang auf das materielle Denken, das ein Bewusstsein der Trennung generiert. Hier werden die Grenzen durchlässig.

    1) Martin Heidegger (1954): Vorträge und Aufsätze. Die Frage nach der Technik .Pfullingen: Verlag Günther Neske, S. 13-44.

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