„Quantenfeminismus“

Leider wird die Quantentheorie heutzutage dazu missbraucht, alles Unerklärliche zu „erklären“. Quantenmatrix, Quantenmedizin, Quantenheilung – wo Quanten draufsteht, ist meist nichts Vernünftiges drin. So sei es mir erlaubt, eine weitere Wortschöpfung hinzuzufügen, die aber weit sinnvoller als all der Quantenunsinn ist.

2011-07-30 18.55.42Als man begann, in die subatomare Welt einzudringen, stürzte das Weltbild der klassischen Physik in sich zusammen. Was Max Planck 1900 als „mathematischen Kunstgriff“, geboren aus einem „Akt der Verzweiflung“, bezeichnete, nach dem elektromagnetische Strahlung in kleinsten Energiepaketen, genannt Quanten, erfolgt, erklärte fünf Jahre später Albert Einstein dies als grundlegende Eigenschaft der elektromagnetischen Strahlung.

Dasselbe Quantenobjekt, das in einer Versuchsanordnung als Welle erscheint, taucht in einem anderen Experiment als Teilchen auf (Welle-Teilchen-Dualismus). Nach bisheriger Auffassung gibt es kaum einen größeren Gegensatz. Ein Teilchen ist etwas Materielles, eine Welle ist nichts als ein sich ausbreitendes Schwingungsmuster in einem Medium. Unser Quantenobjekt ist beides, oder nichts von beidem, sondern was anderes, das aber einmal so, einmal anders erscheint. Im berühmten Doppelspalt-Experiment muss man sogar im selben Experiment beide Modelle bemühen.

Ein Teilchen ist in der klassischen Physik durch Ort und Geschwindigkeit definiert. Bei Quantenobjekten kann man nur Ort oder Geschwindigkeit angeben, nie beides. Die Nicht-Lokalität musste in die Physik eingeführt werden, die Veränderung eines Teilchens kann von einem anderen Teilchen – und sei es am Ende der Welt – augenblicklich übernommen werden. Ein Teilchen kann an zwei Orten gleichzeitig sein. Ein Teilchen wird erst zum Teilchen durch Messung. Vorher ist es sozusagen die Überlagerung aller möglichen Erscheinungsweisen, mathematisch ausgedrückt als Wahrscheinlichkeitswelle.

Nun ist hier nicht der Ort, um Quantenphysik zu erklären, sondern nur darauf hinzuweisen, wie „absurd“ die Mikrowelt ist. Einige, die daran mitgewirkt hatten, beschreiben die Situation unisono so, als wäre ihnen „der Boden unter den Füßen weggezogen“. Max Born bezeichnete die Quanten als „hoffnungslose Schweinerei“. Begriffe wie Materie, Raum, Zeit, Kausalität verloren plötzlich ihre Bedeutung, der Zufall wurde zur physikalischen Größe. Der heute als „modern“ geltende naive Materialismus ist durch die Physik längst widerlegt, was kaum jemand bemerkt hat. Im Mikrobereich gibt es nichts, das unserer Vorstellung von „Materie“ entspricht. Da gibt es nur mehr Beziehung, aber nicht Beziehung von etwas (Hans-Peter Dürr).

Die auf Aristoteles zurückgehende europäische Logik war gesprengt. Gegensätze schließen einander nicht mehr unbedingt aus. Niels Bohr prägte dafür den Begriff der Komplementarität und illustrierte das so: „Das Gegenteil einer richtigen Behauptung ist eine falsche Behauptung; aber das Gegenteil einer tiefen Wahrheit kann wieder eine tiefe Wahrheit sein.“

Niels Bohr hatte den Begriff der Komplementarität aus Asien entlehnt. In derselben Zeit beschäftigten sich auch C.G. Jung, Richard Wilhelm und viele andere mit östlichen Weltbildern. Jetzt wurde erst bewusst, dass das westliche Denken nicht das einzig richtige war, dass es andere Weltbilder, andere Logiken gab, die anders, aber genauso stimmig waren und sind. Wenn wir hier im Westen von zwei gegensätzlichen Aussagen eine eliminieren müssen (es kann ja nur eine richtig sein), dann ist das für uns stimmig. aber für Japaner nur mehr die halbe Wahrheit.

Rational-fragmentierend und emotional-ganzheitlich
Damit nähere ich mich langsam dem eigentlichen Thema. Verschiedenste Weltbilder sind mir geläufig, hatte ich doch zeitweilig in der Welt des Yoga, des Sufismus, der Indianer, des tibetischen Buddhismus gelebt, und damit nicht nur andere Kulturen, sondern durch die Außensicht auch die westliche Kultur besser verstehen gelernt. Auch hatte ich mich seit meiner philosophischen Dissertation mit moderner Physik beschäftigt.

Als sich mir die Welt des Facebook erschloss und ich naturgemäß gerne diskutiere, versuchte ich auch, über Quantenphysik zu diskutieren. Ich traf auf einige Männer, die das gerne täten, aber wenig Ahnung davon hatten. Aber dann begegneten mir Frauen, drei davon noch dazu etwa im Alter meines älteren Sohnes, mit denen konnte man wunderbar über Quantentheorie philosophieren, ebenso über C.G. Jung. Beides, Quantentheorie und Tiefenpsychologie sind ja nicht in unser ach so „modernes“ Weltbild eingegangen, das genau genommen um 1900 steckengeblieben ist. Da hätten wir bereits mehr als 100 Jahre nachzuholen.

Und wie allgemein bekannt ist, tun sich Asiaten mit der Quantentheorie anscheinend leichter als Europäer, was wohl daran liegt, dass Asiaten ganzheitlicher denken und Europäer alles fragmentieren müssen. Der Umgang mit Widersprüchen ist ein ganz anderer, denken wir nur an die Zen-Koans, die mit einer Paradoxie das rationale Denken aushebeln. Psychologisch wäre das rationale ein eher rechtshirniges Denken, während die linke Hemisphäre emotionaler und ganzheitlicher funktioniert.

Diesen gar nicht so kleinen Unterschied gibt es auch zwischen Männern und Frauen, den man als rational und emotional oder ganzheitlich beschreiben könnte. Was nicht heißt, dass Frauen nicht rational und Männer nicht emotional und ganzheitlich sein können und auch sollen. Aber kann es sein, dass sich Frauen mit einer Theorie, die über die in zweieinhalb Jahrtausenden verfestigte und starre Logik hinausgeht, besser zurechtfinden als Männer? Dass es mehr Physiker gibt, liegt vielleicht nur daran, dass Frauen die Universitäten bis vor nicht allzu langer Zeit verschlossen waren. Aber es gibt berühmte Physikerinnen, wie etwa Ilse Meitner, und es gibt inzwischen immer mehr Frauen, die Physik studieren. Da könnte uns noch einiges bevorstehen. Selbst auf Facebook sind auf diesem Gebiet bewanderte Frauen leichter zu finden als Männer.

Eine Bestätigung dieser Theorie ist das Buch „Skurrile Quantenwelt“. Es ist nicht nur von einer Frau, Silvia Arroyo Camejo, geschrieben, die äußerst präzise „mit großer Lust und Leidenschaft die Grundlagen der modernen Quantenphysik“ (Reinhold Bertlmann) beschreibt, sondern die dieses Buch noch dazu mit 17 Jahren – neben ihren schulischen Verpflichtungen – geschrieben hat!

Es ist auch, wie gesagt, gar nicht so selten, dass sich Frauen mit Physik beschäftigen, die Liste ist ellenlang. Zwei haben es bis zu Nobelpreis-Ehren gebracht, Marie Curie – sie gehört außerdem zu den wenigen Menschen, die mit zwei Nobelpreisen in unterschiedlichen Disziplinen ausgezeichnet wurden – und Maria Goeppert-Mayer „für ihre Entdeckung der nuklearen Schalenstruktur“. Ilse Meitner und auch einige andere Frauen, die sich den Nobelpreis verdient hätten, wurden übergangen.

„Männlich“ und „weiblich“
Was man dem Feminismus zum Teil unterstellen kann ist, dass da sehr oft verschiedenste Ebenen einfach durcheinandergemixt oder nicht unterschieden werden. Es gibt typisch weibliche und typisch männliche Eigenschaften, aber da ist nicht von Mann und Frau, sondern von Psychologie die Rede. Es geht nicht darum, dass Frauen in Männerdomänen eindringen – das geht meistens schief, wie man in Wirtschaft und Politik sehen kann. Es geht eher darum, dass sich Frauen auch „männliche“ Eigenschaften aneignen sollten – und umgekehrt. Dadurch werden Frauen nicht „vermännlicht“ und Männer nicht „verweiblicht“, sondern sie würden beide komplette Menschen werden. Warum sollten Männer (und Frauen) nicht rational UND emotional sein? Dass das als Vermännlichung oder Verweiblichung gesehen wird, liegt aber auch daran, dass die Tiefenpsychologie, ebenso wie die Quantentheorie, noch nicht in ein gesellschaftliches Weltbild eingegangen ist.

Das liegt auch daran, dass das allseits so beliebte Schwarz-Weiß-Denken in der Psychologie völlig unsinnig ist, da ist alles komplex. Natürlich ist die Welt an sich komplex, aber davon haben die Naturwissenschaften erfolgreich abgelenkt, ist doch ihre Methode die der Vereinfachung – oder vornehmer ausgedrückt: der Analyse. Wird diese in der Wissenschaft so erfolgreiche Methode zur Ideologie gemacht, dann haben wir das heutige – ebenso moderne wie rückständige – Weltbild. Dieses orientiert sich an der männlich dominierten westlichen, rationalen Logik. Deren „Gegenteil“ oder Ergänzung wäre kein irrationales, sondern ein a-rationales, ganzheitliches Weltbild. Und genau mit dieser komplementären, ganzheitlichen Logik scheinen Frauen besser umgehen zu können als Männer. Natürlich ist das kulturell bedingt – auch Asiaten können damit besser umgehen als Europäer.

Weil aber die Quantentheorie nicht nur den Zugang zum Mikrokosmos, sondern auch zu einer Logik eröffnet hat, die über die aristotelische hinausgeht, ist sie so schwer mit einem rechtslastigen Hirn zu verstehen. Die andere Hemisphäre ist nicht nur emotionaler, sondern vor allem ganzheitlicher. Daher ist es naheliegend, dass wir in Zukunft nicht nur mehr von Frauen in der Wissenschaft, sondern besonders in der Quantenphysik hören werden. Und sehr wahrscheinlich haben Frauen auch weit mehr zu einem zeitgemäßen und zukünftigen Weltbild beizutragen.

Der Feminismus müsste dann viel mehr betonen, dass Frauen als Frauen ernst genommen werden. Durchaus möglich, dass sie dann den Männern überlegen sind. Emanzipation müsste dann nicht mehr auf Kosten der Kinder gehen, und nicht bloß zum Ziel haben, in die Vorstandsetagen und in die Politik einzuziehen und dort die Fehler der Männer auch machen zu dürfen. Die „Schwäche“ der Frauen, das a-rationale Denken, stellte sich dann als ihre ganz große Stärke heraus. Hundert Jahre Stillstand in Sachen Weltbild könnten dann leicht aufgeholt werden.

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Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
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