Philosophie(ren)

Wahrscheinlich gibt es so viele Definitionen von Philosophie wie es Philosophen gibt – aber da alle Menschen irgendwie Philosophen sind, so viele Auffassungen davon wie es Menschen gibt. Meine Definition ist: die wirklich wesentlichen Fragen des Menschseins zu stellen. Darüber gibt es allerdings auch keine Einigkeit. Philosophie ist jedenfalls nicht (nur) denken. Wäre sie das, dann wäre Philosophie eine Unterabteilung der Psychologie. Und auch Philosophen sind soziale Wesen.

Irgendwie ist die Philosophie das Gegenteil vom Sport. In vielen Sportarten ist man mit 30, bei manchen schon mit 25, beim Turnen oder Eislaufen schon mit 16 viel zu alt. Als Philosoph kommt man so mit 60 gerade mal in die Pubertät, manche etwas früher. Und es ist nicht verwunderlich, dass viele Philosophen diese nicht mehr erleben. Nicht nur mangels Jahren.

Die Zeit der großen, einsam denkenden „Systemphilosophen“ ist mit Hegel zu Ende gegangen. So hat Kant ein großartiges System geschaffen, aber alleine – und das merkt man an jedem seiner grandiosen Sätze. Der Philosoph lebt aber nicht vom Denken allein. Wäre das so, dann wäre Philosophie ein Teil der Psychologie. Und teils ist es ja auch so. Welche Philosophen waren sich bewusst, dass auch sie aus einem ganz bestimmten Welt- und Menschenbild heraus denken? Dass dieses nicht von irgendeiner Prämisse, sondern von der Geburt, Familie, Kultur usw. abhängig ist? Und die Grenzen dieses Weltbilds bestimmten auch die Grenzen ihres Philosophierens. D.h. die Prämisse bestimmt nicht das Weltbild, sondern umgekehrt: die Prämisse hängt immer vom Weltbild ab.

Mit Philosophieren verbindet man den Elfenbeinturm, das einsame Grübeln, in dem der Turmbau zu Babel (oder sonst wo) entsteht. Der Philosoph denkt, er denkt auch über das Denken, aber meist denkt er nicht, dass das Denken nicht die einzige Weise des Wissenserwerbs ist. Der Philosoph denkt alles, reflektiert alles, nur oft nicht sich selbst. Oder sich selbst schon, aber nicht als soziales Wesen, sondern als abstrakte Person, nicht als ganzen Menschen. Er lebt nicht, er denkt. Er gleicht damit dem Naturwissenschaftler (mit dem er so oft im Clinch liegt), indem er Philosophieren als mentales Experiment lebt, welches das zu Untersuchende aus dem Zusammenhang der Natur löst, um es analysieren zu können. Nur, der Mensch als isoliertes Wesen kommt in der Natur so nicht vor.

Genauso wie physikalische Experimente unmittelbar nichts mit der Natur zu tun haben.
Ich komme immer mehr zu dem Schluss, dass es unbefriedigend ist, so in der Isolation allein zu philosophieren. Zumindest geht es heute nicht mehr. Die Zeit der philosophierenden Singles ist vorbei. Der Philosoph sollte ja auch fragen, was ein gutes, gelingendes, erfülltes Leben ist. Da genügt es nicht (mehr), darüber nur nachzudenken. Der große deutsche Ethiker war im wirklichen Leben ein Schwein, herumgehurt, gesoffen wie ein schwarzes Loch, sehr belesen, aber nicht selten wurde er vollfett im Straßengraben aufgelesen. Und auf einschlägige peinliche Fragen pflegte er zu antworten: Ein Hinweisschild auf der Straße muss den Weg zeigen, nicht selbst gehen. Das mag damals so durchgegangen sein, heute wäre es undenkbar, zumindest für einen seriösen Philosophen.

Der Philosoph hat zu bedenken, was ein gelingendes Leben ist. Und der Mensch ist ein soziales Wesen. Da kann man heute nicht mehr drum herum. Dann heißt aber Philosophieren nicht, über den Menschen als soziales Wesen nachzudenken, sondern als soziales Wesen über den Menschen nachzudenken. Und das ist ein gravierender Unterschied!

Das heißt aber nicht mehr und nicht weniger, als: Philosophieren kannst du gar nicht allein! Was nicht heißt, dass wir im Rudel denken und philosophieren müssen, sondern dass wir immer aus der Perspektive des Sozialen, des nicht Isolierten denken, und nicht nur denken, sondern auch leben müssen. Denn wahrscheinlich ist es die Diskrepanz zwischen denken und leben (und lieben), die einen Philosophen scheitern lässt. Auch mit einem großartigen System.

Das ist aber so etwas wie ein philosophisches Aha-Erlebnis: Ich komme immer mehr zu der Ansicht, dass ich zunehmend vom anderen her denke. Vom anderen (Menschen) her, und vom (prinzipiell) ganz Anderen her. Dieses ganz Andere ist der Ursprung allen Seins, das alles ist und unendlich mehr – so dass es nie begriffen werden kann. Dieses philosophisch zu durchdringen verführt dazu, es abstrakt zu setzen („sehen“ kann man da nicht mehr sagen), womit das Sein in Konflikt zum Seienden (zum konkreten Leben) kommt. Und aus diesem Dualismus haben schon viele nicht mehr herausgefunden, weil es da gar keinen Ausweg gibt. Um zu einem Monismus zu kommen, muss man entweder das Absolute (Idealismus) oder das Konkrete (Materialismus) absolut setzen. Beides geht nur durch Verdrängen oder Verleugnen des jeweils anderen Pols. Ein künstlicher Monismus, der zum Glauben oder zur Ideologie wird.

Die Geschichte der Philosophie ist – sehr verkürzt natürlich – wie das Fuß-, nein Kopfballspiel zwischen jenen, die Einheit denken wollten, und jenen, die in der Vielfalt ihr Heil suchten. Natürlich gab es immer die Größen, die beides zusammen denken konnten, schon an den Anfängen der Philosophie. Und wenn man nur das Höhlengleichnis nimmt, dann zählt schon Platon dazu. Treffend formulierte es Fichte: Es geht nicht um Einheit und Vielfalt, sondern um die Einheit von Einheit und Vielfalt. Das nennen wir heute „ganzheitliches Denken“, haben aber noch nicht wirklich realisiert, was das eigentlich bedeutet.

Jedenfalls wird die Frage „Was ist der Mensch?“ zur Frage „Was sind die Menschen?“ oder „Was ist die Menschheit?“ Die Evolution wird zur Entwicklung, bei der sich kleinere Einheiten zu größeren Einheiten, und die wieder zu größeren Einheiten zusammenschließen (Teilhard de Chardin). Wobei in den größeren Einheiten immer etwas hervorkommt, was in den kleineren Einheiten nicht vorgekommen ist (Emergenz). Die zu erklären (nicht nur zu beschreiben), ist die eigentliche Herausforderung der Evolutionstheorie.

Ursprünglich war „Philosophie“ der Name für Wissenschaft. Die (Einzel-)Wissenschaften sind dann aus ihr herausgetreten, haben sich von ihr „emanzipiert“. Heute gibt es nur mehr Spezialisten, sogar innerhalb der einzelnen Fächer. So weiß ein Herzspezialist (fast) alles vom Herzen und (fast) nichts von der Leber (außer er ist Alkoholiker). Er weiß aber auch nicht, was das Herz symbolisiert – und was damit noch alles für die Gesundheit des Herzens notwendig ist (wäre). Dem Arzt für den (ganzen) Menschen, dem Allgemeinmediziner, der auch für das Psychosoziale zuständig wäre, drehen wir heute die Luft ab, denn den brauchen wir vor lauter Spezialisten nicht mehr. Für den Patienten heißt das, wenn er mit Herzbeschwerden auf eine Herzstation kommt, und er hat wirklich was auf dem Herzen, dann ist das großartig. Hat er aber zufällig was auf der Lunge, dann kann es passieren, dass sein Herz, nicht aber die Lunge therapiert wird. Und das tut weder dem Herzen noch der Lunge gut. Wenn er zwar Herzbeschwerden hat, aber „im übertragenen Sinne“, dann wird ihm die Kardiologie auch nicht helfen können. (Es gibt allerdings auch eine Psychokardiologie, aber nicht überall).

Der Philosoph war ursprünglich der Allgemeinmediziner für das Leben. Die Wissenschaft kann nur fragen, wie etwas funktioniert, nicht aber was es ist. Was Leben ist, kann Wissenschaft nicht beantworten, übrigens auch nicht, was Materie ist. Und im Zeitalter der Wissenschaftsgläubigkeit wird Leben vernachlässigt, weil es in den Wissenschaften nicht vorkommt. Das zu ändern wäre Aufgabe der Philosophen heute. Womit wir wieder bei der Frage sind: Was sind die wirklich wesentlichen Fragen und was ist ein gelingendes, gutes, erfülltes Leben?

Und noch einmal: Der Mensch ist ein soziales Wesen. Der Mensch kann allein nicht leben. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Aus diesen drei Sätzen eine Bach’sche Fuge zu komponieren, wäre Aufgabe der Philosophen. Oder es müsste sich jemand finden, der die Noten Bachs in Sätze umformuliert.

Es geht nicht um isolierte Einzelne (das wäre Tod und nicht Leben), sondern um Einheiten, die zumindest aus zwei bestehen, die zu drei oder mehreren werden, die sich zu größeren Einheiten zusammenschließen, zu Gruppen und Gruppierungen, Zugehörigkeiten, Communities, Vereinen, Berufs- und sonstigen Gruppen, Völkern, Kulturen, Staaten, Staatenbünden – bis hin zur Menschheit. Der Kitt ist Empathie, Mitgefühl und Liebe. Ohne diese strebt alles dem größtmöglichen Chaos zu, zur größtmöglichen Unordnung (Entropie). Liebe ist so etwas wie die Negentropie des Lebens, die Energie, die zugeführt werden muss, wenn Leben am Leben bleiben soll. Nur dass diese Energie nicht aus Kohlekraftwerken, aus Erdöl oder Atomkraftwerken kommt, sondern sozusagen die freie Energie im All ist, die physikalisch seit Tesla in aller Munde ist, aber bisher abgewürgt werden konnte.

Liebe ist so eine freie Energie, wir können sie nicht erzeugen, sie ist da. Aber wenn wir sie fühlen, können wir sie „nutzen“. Sie beflügelt uns einfach, vom Hormonsystem bis zu den hochfliegenden Ideen.

Wer nur über den (isolierten) Menschen nachdenkt, kann diese Energie, die den Menschen ausmacht, auch wenn sie von jenseits seiner Grenzen oder aus seinem ihm sonst unzugänglichen Innersten kommt, nicht berücksichtigen, nicht leben. Sein Denken bleibt abstrakt wie sein Leben. Er wird Erde ohne Himmel, Materie ohne Geist denken. Das ist so unfruchtbar wie Himmel ohne Erde, Geist ohne Materie zu denken, wie das Idealisten aller Schattierungen tun. Sie reden vom Geist und vom Spirituellen – aber ohne Materie, und damit (in dieser Einseitigkeit) auch ohne das Verbindende, ohne Liebe.

Liebe trennt nicht, Liebe verdrängt nicht. Liebe verbindet. Geist und Materie, Seele und Körper, Himmel und Hölle. Erfahren kann man das nur im Experiment. Nur dass dies paradoxerweise nicht ein Experiment ist, das (wie in der Wissenschaft) auf Isolieren angewiesen ist, sondern das sogar die Isolation überwindet. Denn Liebende sind die kleinste und zugleich größte Einheit. Liebe bricht alle Grenzen nieder (oft schmerzlich), sie will alles, und dieses ALLES in EINEM oder EINER Geliebten. Es bleibt dann buchstäblich nichts mehr zu wünschen – auch nichts zu denken – übrig.

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Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
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Eine Antwort zu Philosophie(ren)

  1. Wortwesen-du schreibt:

    … Ich komme immer mehr zu dem Schluss, dass es unbefriedigend ist, so in der Isolation allein zu philosophieren. Zumindest geht es heute nicht mehr. Die Zeit der philosophierenden Singles ist vorbei…

    Das sehe ich genau so. LG

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