Wie die Gehirne (mancher) Wissenschaftler funktionieren

Heute ist selbst die Welt der Wissenschaftler polarisiert. Es gibt die moderne Wissenschaft, die noch kaum verstanden ist, und es gibt die Wissenschaft, die sich auf dem Niveau des 19. Jahrhunderts bewegt. Beispiele für letzteres finden sich in manchen Studien, die zeigen wollen, „Wie die Gehirne von Gläubigen funktionieren“.

Hier haben wir ein Beispiel dafür, wie Wissenschaftler ihrem eigenen Denken aufsitzen können. Die Prämisse in diesen Studien lautet: „Religiosität ist nur…“ Und das Ergebnis ist dann selbstverständlich auch „Religiosität ist nur…“ Dass das als Wissenschaft durchgeht, ist das eigentlich Erstaunliche.

Religiöse Menschen sehen Kausalität, wo nur Zufall ist. Ihre rechte Gehirnhälfte ist aktiver, die linke weniger. Die linke steht für Rationalität, daher seien Religiöse weniger rational. So logisch das klingt, so kurzschlüssig ist es. Denn die rechte Gehirnhälfte steht ja nicht für Irrationalität (wie diese Wissenschaftler anscheinend grundlos annehmen), sondern für den Sinn für Zusammenhänge. Wenn der fehlt, geht auch die rationale linke Hälfte in die Irre. Der Unterschied zwischen irrational und arational ist diesen Wissenschaftlern leider nicht geläufig.

Wissenschaft muss analysieren, reduzieren. Dass dadurch der Blick auf Zusammenhänge verstellt wird, sehen diese Wissenschaftler nicht mehr. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass wissenschaftliche Ergebnisse interpretiert werden und interpretiert werden müssen. Man könnte diesen Befund auch dahingehend interpretieren, dass religiösen Menschen der Sinn für Zusammenhänge noch nicht so sehr abhandengekommen ist wie diesen „rationalen“ Wissenschaftlern.

Menschen sehen Zusammenhänge auch dort, wo es nur Zufall gibt. Das ist die evolutionsbedingte Arbeitsweise des Gehirns, auch des Gehirns der Wissenschaftler. Dass aber eine experimentelle Situation wie diese die Wirklichkeit nie abbilden kann, verdrängen sie. Religiöse Menschen interpretieren Zusammenhänge in die von den Wissenschaftlern konstruierte Zufallssituation. Was hier wirklich nicht berechtigt ist. Was diese Wissenschaftler jedoch übersehen ist, dass Lebenssituationen etwas völlig anderes sind. Die kann das wissenschaftliche Denken nicht als Ganzes erfassen. Und da sind die mit der rechten Hirnhälfte Denkenden vielleicht sogar im Vorteil.

Diese Wissenschaftler scheinen auch die Funktionsweise der wissenschaftlichen Methode nicht verstanden zu haben. Diese kann nur eine künstliche Situation mit wenigen Parametern (Experiment) konstruieren, die so in der Wirklichkeit nicht vorkommt. Denn in der Wirklichkeit existieren keine derart isolierten Situationen. Die experimentellen Ergebnisse müssen daher hinterher wieder mit der Wirklichkeit verglichen und wieder in den realen, komplexen Zusammenhang gestellt und damit interpretiert werden. Und diese Interpretation sollte möglichst unvoreingenommen und nicht schon durch die vorgefasste Meinung limitiert sein. Darüber setzen sich diese Wissenschaftler „elegant“ hinweg. Sie beweisen damit das, was sie beweisen wollten. Das aber ist nicht Wissenschaft.

Das Unhaltbare an diesen Studien beginnt schon damit, dass nicht definiert wird, was das Religiöse an religiösen Menschen ist. Da es hier eine ungeheure Bandbreite des Religiösen und Pseudoreligiösen gibt, bleibt es völlig dem Zufall überlassen, wer oder was hier untersucht wird. Untersucht wird eigentlich nichts anderes als die subjektive Vorstellung der Versuchsleiter.

Dass es auch Zusammenhänge jenseits kausaler Zusammenhänge gibt, wissen wir seit 100 Jahren, C.G. Jung nannte das Synchronizität. Dass es eine Gesetzmäßigkeit des Zufalls gibt, wissen wir auch seit 100 Jahren, seit es die Quantenmechanik gibt. Diese Neurowissenschaftler verwenden den Begriff Zufall in der Sprache des 19. Jahrhunderts. Ein kurzer Blick über den Tellerrand würde ihnen gut tun.

„Wer Übernatürlichem aufgeschlossen ist, bei dem ist die rechte Großhirnhälfte aktiver bei der Verarbeitung von Wörtern, fanden beispielsweise kanadische Forscher heraus.“ Der Sinn für Zusammenhänge wird somit von diesen Wissenschaftlern von vornherein völlig unzulässig abgewertet, weil es genau das ist, was Szientisten aus den Augen verloren haben. Das hat noch gar nichts mit Religiosität zu tun, sondern mit dem Erfassen der Wirklichkeit.

„Die rationalere linke Hirnhälfte wird bei diesen Menschen hingegen seltener als Zensor aktiv.“ Dass das einseitige Vertrauen auf diese „rationalere“ Hirnhälfte den Sinn auch für reale Zusammenhänge verhindert, zu der eher die rechte Hirnhälfte fähig ist, wird von diesen Wissenschaftlern verdrängt. Sie hätten auch wissen können, dass die linke Gehirnhälfte mehr fragmentierend und die rechte mehr ganzheitlich denkt. Und damit bekämen die Studienergebnisse eine völlig andere Bedeutung.

Rationales Denken versucht klar und deutlich die analysierten Details zu sehen – und verliert damit das Ganze völlig aus den Augen. Wer sich mehr für die Zusammenhänge interessiert, sieht vielleicht die Details nicht so genau, bewahrt sich aber das Gefühl für das Ganze. Dass die rationalere linke Hirnhälfte bei diesen Menschen seltener als Zensor aktiv ist, liegt in der Natur der Sache, weil dieser Zensor bloß die Wirklichkeit reduzieren würde – was oft notwendig, aber nicht immer angebracht ist. Dass es diesen Wissenschaftlern nicht auffällt, dass sie ihre ganzen Studien nur unter dem Blickwinkel der linken Hirnhälfte durchführen und ihnen dadurch mindestens die halbe Wahrheit von vornherein entgehen muss, bleibt unverständlich. Man könnte ihnen sogar vorwerfen, dass sie nicht einmal ihr eigenes Fach beherrschen.

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Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
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