Apfelphilosophie

Äpfel sind gesund, das wissen wir. In ihren Kernen lauert eine Substanz, die im Körper zu Blausäure umgewandelt wird. Dass die nicht gesund ist, wissen wir auch. Als ethische Frage formuliert: Wie kann etwas, das im Kern böse ist, gut sein?

“One apple a day keeps the doctor away!” Wem ist das nicht geläufig? Wie kann aber etwas beinahe ein Heilmittel sein, das im Kern Gift enthält? Da zeigt uns doch die Natur, dass unser (westliches) Entweder-Oder-Denken unnatürlich und lebensfremd ist. Lernen könnten wir, dass es nichts Gutes gibt, das nicht auch etwas Böses enthält, und nichts Böses, das nicht auch Gutes enthält. Wenn wir auch die Zeit in unser Bild einbauen, wird es noch spannender. Dann müssten wir sehen, dass der (gesunde) Apfel am Ende einer Entwicklung steht, die im (giftigen) Kern seinen Anfang genommen hat.

Ich China wusste man das seit Jahrtausenden und drückte es im Symbol der Monade (Ying-Yang) aus: Ein Kreis mit einem schwarzen und einem hellen Feld, im schwarzen ist ein weißer, im weißen ein schwarzer Punkt. Alles in der Natur enthält sein Gegenteil in sich. Natürlich ist das nicht nur östliches Wissen. Für Hegel ist Leben etwas, das seinen Widerspruch in sich trägt. Und Goethes Mephisto erklärt sich gleich selbst: „Ich bin die Kraft, die stets verneint, ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“

In die Apfelsprache übersetzt hieße das, dass das Gute stets aus dem giftigen Anfang erwächst. Wen wundert es, dass die Bibel da auch mitreden kann. Aus einem völligen Fehlschlag (Adam und Eva) entwickelt sich die Menschheit, und in der Mitte aller Zeiten eine vollkommene Frucht in Jesus Christus. Wobei Adam nicht „der erste Mensch“ war, sondern die Menschheit (als Samen), wie in Christus wieder die Menschheit (als Frucht) ist. Ob die verkrüppelte Menschheit sich zur Frucht hin weiterentwickelt oder vollends verkrüppelt, ist trotzdem offen. Derzeit sieht es eher schlecht bestellt aus.

Der heutige Zustand der Menschheit ist am ehesten mit Polarisierung zu umschreiben. Der Sinn für Zeit ist abhandengekommen, wenn er überhaupt einmal da war. Damit auch der Sinn für den Zusammenhang von Samen/Kern und Apfel/Frucht. Es gibt – und Hollywood war ja immer ein Bild der realen Verhältnisse – nur mehr den Kampf des Guten gegen das Böse. „Ich gut – du böse“ ist das Motto unserer Zeit, vom christlichen Fundamentalismus bis zum Islamischen Staat. Und die Atheisten sind da auch keine Ausnahme.

Es gibt nur Licht und Dunkelheit, weißes Licht und gar kein Licht. Dass es Dunkelheit ohne Licht gar nicht gibt, dass weißes Licht alle Spektralfarben in sich enthält, überfordert das Schwarz-Weiß-Denken, ist viel zu komplex, um in allzu simpel denkende Rationalität zu passen. So gibt es eben nur Gute und Böse, rechtschaffene Bürger und die Mafia, Atheisten und Spinner, Christen und Heiden, Moslems und Ungläubige. Das naive Denken ist überall das Gleiche. Und wenn zwei streiten, freut sich nicht der Dritte, sondern einer ist der Böse, und zwar immer der andere.

Was man nicht alles von einem simplen Apfel lernen kann oder könnte. Und es ginge ja noch einen Schritt weiter: Durch einfaches Hinschauen, was denn so ein Apfel ist (phänomenologische Methode), lernt man mehr als durch die wissenschaftliche Methode, den Apfel zu zerlegen bis in seine Moleküle und Atome – wodurch man ungeheuer viel über den Aufbau der Materie, aber nichts mehr über den Apfel weiß. Die Naturwissenschaft untersucht ja nicht die Natur, sondern analysiert sie, d.h. zerlegt sie in Einzelteilchen und verliert den Blick für das Ganze. Allerdings bewegt sie sich doch auch innerhalb des Rahmens der Natur, die dann auch prompt zurückschlägt. Auf der Suche nach den kleinsten Teilchen oder „Bausteinen“ der Natur stieß man auf Elementarteilchen, die gar keine Teilchen und damit auch keine (dinglich gedachten) Bausteine sind, und gelangt an der Grenze in einen Bereich, der wieder auf das untrennbare Ganze verweist, das aufzugeben ursprünglich den Erfolg der Naturwissenschaft ausgemacht hat.

Also wieder das Apfelprinzip: Vom Apfel drang man bis zum Kern vor, um im Kern das (potenzielle) Ganze wiederzufinden. Aber so weit sind wir im realen Leben leider noch nicht. Wir haben immer noch Krieg: zwischen uns und den Nachbarn, den Eingeborenen und den Fremden mit Migrationshintergrund, den Katholiken und anderen Konfessionen, den Christen und Heiden, den Moslems und Nichtgläubigen, den Atheisten und Spinnern. Jeder gegen jeden und keiner merkt, dass alle im gleichen Muster denken. Alle viel zu weit weg vom Apfel…

Ausgangspunkt der Überlegungen: „Sind Äpfel im Kern böse?

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Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
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