Fakten und Bedeutung

Seit Albert Einstein wissen wir, dass Materie und Energie dasselbe sind. Nicht erst seit Sigmund Freud wissen wir, dass Träume eine Bedeutung haben. Seit C.G. Jung wissen wir, dass Ereignisse eine Bedeutung haben, dass es Synchronizität gibt, Ereignisse, die nicht kausal aber von der Bedeutung her zusammenhängen. Aber immer noch glauben wir, dass ausschließlich Fakten real sind.

Ein Grund ist, dass die Wissenschaftsgläubigkeit zunimmt, aber die Beschäftigung mit Wissenschaft ausbleibt. Die Naturwissenschaft bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert hat unser Weltbild bestimmt und das ist bis heute so geblieben. Mit der modernen Naturwissenschaft und deren Konsequenzen für ein wirklich modernes Weltbild beschäftigt sich kaum jemand, denn das passt nicht mehr zum heutigen Weltbild, das immer noch der Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts verhaftet ist.

So glauben wir an Fakten, an Materie, an die Realität (von res = Ding) und dass alles, was man nicht angreifen und messen kann, nicht wirklich ist. Das ist aber Glaube und Ideologie, denn die Naturwissenschaft selbst hat das längst widerlegt. Materie ist äquivalent Energie und die eigentliche Wirklichkeit ist etwas dahinter, das uns einmal als Materieteilchen und ein anderes Mal als Welle/Energie erscheint. Dieses Dahinter entzieht sich unserer Vorstellung, lässt sich auch nicht messen, denn erst durch Messung entsteht das, was wir Teilchen nennen.

Objektivität ist eine Fiktion, die im 20. Jahrhundert entlarvt wurde. „Materie ist nicht materiell“, sagt Hans-Peter Dürr, also nicht das, was wir uns als Materie immer vorgestellt haben und noch immer vorstellen. In der Welt der Elementarteilchen gibt es keine Teilchen, sondern nur Beziehung, nicht Beziehung von etwas, sondern nur Beziehung. Auch das ist unvorstellbar. Und wir werden die Welt nicht immer genauer kennen, wir werden sie nie genau kennen, weil wir nicht Ort und Bewegung von Teilchen vorhersagen können, sondern nur entweder den Ort oder die Bewegung (Heisenberg‘sche Unschärferelation). Voraussagen können wir in der Quantenmechanik nicht mehr Ort und Bewegung eines Teilchens, sondern nur mehr Wahrscheinlichkeiten.

Das ist in unserer Welt nur scheinbar anders. Je exakter wir etwas definieren (eingrenzen), desto weniger hat es mit der Natur zu tun. Analog zum Teilchen- und Wellenbild der Physik gibt es die Begriffs- und die Symbolsprache. Begriffe sind wie ein Vergrößerungsglas, mit dem man immer kleinere Ausschnitte der Wirklichkeit immer exakter definieren kann, und die immer weniger über die Wirklichkeit als Ganze aussagen können. Symbole sind nicht exakt, sondern dunkel, erfassen aber das Ganze eines Phänomens,. Es geht nicht beides: entweder Exaktheit oder ein Bild des Ganzen. Wir haben uns für das exakte Teilchenbild entschieden, daher sehen wir immer mehr Details, aber verstehen das Ganze nicht mehr. Genau das steht hinter der Säkularisierung, dass die Fragen nach dem Ganzen nicht mehr gestellt werden (können).

Begriffe sind eindeutig, sagen aber wenig aus. Symbole sind vieldeutig und daher nicht exakt. Begriffe sind objektiv, weil wir von uns selbst abstrahieren. Symbole trennen nicht zwischen objektiv und subjektiv. Es gibt eine (objektive) Symbolbedeutung (Träume, Archetypen, Ereignisse), aber mit einer je subjektiven Interpretation, die für jeden eine andere Färbung hat. Naturwissenschaftlich-begrifflich ist 2 x 2 = 4; psychologisch-symbolisch kann 2 x 2 entweder 4 oder 3,8 oder 4,3 oder 3,78 oder 4,45 sein, und alles kann richtig sein.

Wir brauchen neben der begrifflichen Logik eine andere, wellenartige Logik, die weniger exakt, mehrdeutig, aber umfassender ist. Und dabei ist zu beachten, dass die dahinterstehende Wirklichkeit (wie beim Teilchen- und Wellenbild der Physik) weder das eine, noch das andere ist, sondern nur einmal so und einmal anders erscheint.
Da die moderne Physik (im Gegensatz zum „modernen“ Weltbild) bereits mit beiden Bildern arbeitet, ist hier bereits klar, dass auch die Wissenschaft nicht mehr nur in exakten Begriffen zu begreifen ist (Hans-Peter Dürr: „Auch die Wissenschaft spricht nur in Gleichnissen“). Das rationale Begreifen scheint nur exakt und kann nur einen reduzierten Ausschnitt der Wirklichkeit erfassen. Und der Mensch besteht nicht nur aus der analysierenden Ratio, sein Fühlen und Erleben geht weit darüber hinaus (Hans-Peter Dürr: „Wir erleben mehr als wir begreifen“). Für Physiker ist das heute völlig klar, aber unser Weltbild ist das des 19. Jahrhunderts geblieben, das nur in Teilchen, Objekten, Begriffen denken kann.

Was unser Leben betrifft: (Objektive) Fakten sind nicht alles, sie haben auch eine (objektiv-subjektive) Bedeutung. So wie Teilchen sozusagen Materiepunkte sind und Wellen etwas im Raum Ausgebreitetes, so scheinen Fakten isolierte Tatsachen zu sein, und Bedeutung hat mit etwas zu tun, das nicht isoliert mit allem zusammenhängt. Dinge und Ereignisse hängen kausal zusammen, hier Ursache, da Wirkung. Das eine lässt sich auf das andere zurückführen. Aber selbst in der Physik gibt es bereits Wechselwirkungen, die nicht lokal sind, wie die berühmten Experimente mit verschränkten Teilchen zeigen. Etwas, das hier passiert, hat im selben Moment Auswirkung auf das Zwillingsteilchen, auch wenn es sich am anderen Ende des Universums befindet. Zusammenhänge müssen nicht kausal sein, nicht einmal in der Physik.

In der Psychologie gibt es das auch, C. G. Jung nannte das Synchronizität, Ereignisse die (in ihrer Bedeutung) zusammenhängen, ohne dass es einen kausalen Zusammenhang gibt. Etwa wenn ein Paar, das sich trennt und aus den Augen verliert, bei einem späteren Treffen feststellt, dass sie beide im selben Jahr geheiratet und im selben Jahr ihre zwei Kinder bekommen haben, und das in einem sehr ungewöhnlichen Abstand. Oder ein anderes Paar, das sich auch aus den Augen verlor, als er nach Jahren erfuhr, dass sie sich endgültig umgebracht hatte, er das verdrängte und weiterlebte. Und als er nach vielen Jahren bemerkte, dass er das noch nicht verarbeitet hatte und in einem Fotobuch unter ihrem Bild ihren Todestag las. Es war ein Tag vor seiner Hochzeit.

Wie schön wäre es, könnten wir lernen, nicht nur die Fakten, sondern auch die Bedeutungen zu sehen und zu lesen. Die Zeichen der Zeit…

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Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
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