Wir leben im Zeitalter der Angst

Unsere Zeit hat viele Bezeichnungen, z.B. Wissenszeitalter, Informationszeitalter. Allerdings sind wir vom Wissen ziemlich weit weg und mit Information können wir sowieso nicht umgehen. Und langsam wird immer offensichtlicher: Wir leben im Zeitalter der Angst.

Mit ihren Ängsten zu spielen, ist die einfachste und wirkungsvollste Methode um Menschen zu manipulieren. Politiker wissen das und spielen auf dieser Klaviatur. Besonders die rechten Parteien, die sonst eher dem mittelalterlichen Denken verhaftet sind, beherrschen das großartig. Mit nichts kann man Menschen besser einen als mit einem gemeinsamen Feindbild, selbst wenn das in der Realität gar nicht existiert. Auch die Islamisten sind in sich selbst so zersplittert, dass die Religion sie nie einen könnte. Das Gemeinsame ist das Feindbild. Dazu brauchen sie den Dschihad, nicht weil das eine religiöse Forderung wäre.

Als erwünschte Nebenwirkung nehmen sie gerne in Kauf, dass in Folge auch Christen ihnen auf den Leim gehen und damit ihrerseits ein gemeinsames Feindbild bekommen. In einer Welt der Feindbilder gedeiht – als Ursache wie als Folge – Fundamentalismus jeglicher Richtung. Wir müssen daher nicht über den Koran diskutieren, den Islamisten meist gar nicht kennen, auch nicht über das Christentum, das wiederum hier kaum mehr ernst genommen wird. Am wenigsten von denen, die sich als Christen im Besitz der Wahrheit wähnen. Was die islamistische Gegenseite ja auch tut.

Im Westen kommt erschwerend hinzu, dass die Kirche lange Zeit selbst auf dieser Klaviatur der Angst meisterhaft gespielt hat. Und da die Menschen nachtragend sind und sich auch von gewohnten Vorstellungen nur sehr schwer trennen, tut sich eine Kirche im Wandel unglaublich schwer glaubwürdig zu wirken. Der Rückfall nach dem Konzil war deutlicher als das Konzil selbst, und die unzähligen Reformströmungen gehen unter im Geplärr der Medien, weil sich die alten Missstände natürlich viel besser verkaufen. Die Medien haben nämlich auch Angst, nicht wahrgenommen zu werden, schreiben immer mehr, was sie glauben, dass die Leute lesen wollen (und was ja bis jetzt immer funktioniert hat). Genau deshalb gehen ihnen – was ja als gutes Zeichen gewertet werden kann – eben diese Leser zunehmend verloren.

Auch (die imaginäre) Religion ist zu einem großen Teil ein Medienspektakel. Was wir über Religion und Kirche wissen, erfahren wir aus dem Boulevard und nicht von den Mitgliedern der Kirchen. Wir bezahlen die bad news und werden von den good news, die es sowohl im Christentum wie im Islam auch gäbe, verschont. Nachbeten statt beten. Wiederkauen statt denken. Was bleibt ist eine diffuse Angst.

Auf Facebook- und sonstigen Foren kann man sich von den Schattierungen der Ängste überzeugen: Weltverschwörungstheorien haben Hochkultur: Angst vor der Weltherrschaft, Angst vor der Reduzierung der Bevölkerung (durch Impfungen, Ebola usw.), Angst vor Chemtrails, Angst vor dem 3. Weltkrieg, usw. Immer beginnen diese Berichte mit „Es ist bewiesen, dass…“, „Fakt ist…“ und enden mit dem flehentlichen Aufruf zum endlichen Aufwachen – aber es folgen weder Beweise noch Fakten, sondern nur die Bestätigung von Meinungen und Ängsten. Und Aufwachen heißt hier nichts anderes als diesen Unsinn zu glauben. Jeder, der auch nur eine differenzierte Diskussion sucht, geschweige denn dagegen ist, der ist eben noch nicht aufgewacht…

Warum und wozu brauchen wir diese Ängste?

Früher sorgten die Institutionen, allen voran die Kirchen, für Geborgenheit und Sicherheit. Menschen, die nicht selbst denken wollten oder konnten, verfielen dem Aberglauben – verbunden mit vielfältigen Ängsten. Heute können die Kirchen diese Funktion nicht mehr erfüllen. Und wer nichts mehr glaubt, glaubt jeden Unsinn – siehe die vielfältigen Formen der (degenerierten) Esoterik.

Wir leben aber doch in der Zeit nach der Aufklärung. Doch die Aufklärung war nicht nur ein Segen, indem sie den Aberglauben hinweggefegt hat, sie hat andererseits das Weltbild eingeengt auf eine materialistische und reduzierte Sicht der Welt. Und sie war selbst eine blutige Revolution, in ihren Methoden durchaus vergleichbar mit dem IS. Nur dass das Köpfen maschinell erfolgte. Und das nicht vor allzu langer Zeit.

Sie hat aber auch den Weg frei gemacht für die Naturwissenschaft. Die wurde aber inzwischen zur Ideologie. Wahr ist nur mehr, was die Naturwissenschaft erforschen kann. Das war zwar nie die Absicht der Naturwissenschaft, die ist ja nur ein Methode, Materie in Raum und Zeit, also einen Ausschnitt der Wirklichkeit, zu erforschen. Sie war darin ungeheuer erfolgreich, aber nie dazu da, ein Weltbild zu kreieren. Da aber Religion ein Grundbedürfnis der Menschheit ist – wage ich einmal zu behaupten – ist die Wissenschaftsgläubigkeit die Religion unserer Zeit. Und so wie sich die Kirchen der Zeit, für die sie da sein sollten, verweigern, so wird auch die moderne Naturwissenschaft von den Wissenschaftsgläubigen ignoriert.

So wie Naturwissenschaft gar nicht zuständig ist, wenn es um Lebendiges geht, und in der Quantenmechanik heute klar geworden ist, dass Physik nicht einmal sagen kann, was Materie ist, wird sie doch dazu missbraucht, die (reduzierte) Welt zu erklären. Genauso wird Religion dazu missbraucht, für Erklärungen herzuhalten und von der Eigenverantwortung abzulenken. Dabei wäre Religion dazu da, aus Abhängigkeiten (von Eltern, Schule, Arbeitswelt und Kirche) zur Eigenständigkeit und Weiterentwicklung zu kommen. Aber selbst zu denken ist auch nach der Aufklärung eine Utopie geblieben.

Durch den Wegfall der Sicherheit, die Institutionen immer gegeben haben, sind die Menschen heute auf sich selbst zurückverwiesen, und das ist eine Aufgabe, der die meisten nicht gewachsen sind. An die Stelle der Institutionen treten dann Feindbilder jeglicher Art, die eine Pseudoidentität schaffen, aber sich aus diffusen Ängsten nähren. Wer sich selbst nicht sicher ist, wird sich selber fremd, projiziert die Ängste vor dem eigenen Fremdsein in irreale Feindbilder, die von sich ablenken. Man sieht überall nur mehr das Böse – Politik und Medien helfen dabei – und definiert die innere Leere über das äußere Negative. Dann wird auch noch die Zivilgesellschaft, deren Erstarken heute unbedingt notwendig wäre, instrumentalisiert von denen, die nur mehr gegen Feinde kämpfen, die in den meisten Fällen nur Feindbilder sind. Die Medien fokussieren auf das Schreckliche, Terroristen beherrschen die neuen Medien und instrumentalisieren für ihre Zwecke, und die Konsumenten saugen willfährig alles auf. Ein Teufelskreis der Angst…

Weltverschwörungstheoretiker nehmen jedes manipulierte Video auf Youtube für bare Münze. Dabei wäre nur ein Blick auf die Herkunft dieser Machwerke (sehr oft aus der rechten Szene) ausreichend, um deren dubiosen Ursprung zu durchschauen. Doch das kritische Denken setzt hier aus, Aufklärung hin oder her, was die eigenen Ängste bestätigt, muss wahr sein. Die eigene Angst und Leere wird entlastet, indem sie im Außen benennbar wird. Die Weltpolitik wird auf dem Niveau eines Fußballspiels heruntergebrochen, die einen halten zu Obama, die anderen zu Putin, die Komplexität der Politik, der Wirtschaft, der Geschichte wird ignoriert.

An allen Ecken und Enden macht sich bemerkbar, dass wir noch nicht gelernt haben, mit Komplexität umzugehen. Während die Chaostheorie die erste wissenschaftliche Theorie ist, die mit Komplexität rechnet, während die klassische Physik nur mit einfachsten Systemen zu tun hatte, und die Quantentheorie eine völlig neue Logik erfordern würde, fällt das „moderne“ Denken zurück in primitivstes Schwarz-Weiß-Denken, mit dem nichts mehr durchschaubar ist und das diffusen Ängsten Tür und Tor öffnet.

Die Realität wird irrelevant, wir leben in einer virtuellen Welt, in der alles für bare Münze gehalten wird, das unseren Ängsten entgegenkommt, indem es sie externalisiert. PEGIDA demonstriert in Dresden, wo es kaum Moslems gibt, gegen den imaginären Feind. Man weiß nicht einmal, an wen diese Botschaft gerichtet ist. Es geht nur darum, der eigenen (unverstandenen) Wut und der eigenen Angst Raum zu geben. Das ist nicht einmal „Fremdenfeindlichkeit“, sondern die wachsende Unsicherheit und Angst in der Bevölkerung, die den Politikern noch entgegenkommt, weil diese Wut dann nicht gegen sie gerichtet ist.

Der imaginäre Feind hat eine (schlechte) therapeutische Wirkung. Schwarz-Weiß-Maler brauchen die Projektionsfläche des imaginären Feindes, um sich nicht dem eigenen Schatten stellen zu müssen. Das funktioniert dort am besten, wo es diesen Feind in der Realität gar nicht gibt. In Sachsen gibt es kaum Moslems, daher funktioniert das Feindbild dort am besten. Im Westteil von Berlin wäre das kaum in dieser Form möglich, weil dort die Muslime bereits eine Realität darstellen, von der keine wirkliche Bedrohung ausgeht. Auch die Schweizer Anti-Minarett-Abstimmung hatte ihren Erfolg in den Regionen, wo es keine gibt. Wer Moslems als reale Menschen wahrnehmen kann, hat meist keine Probleme mit ihnen.

Mangels Institutionen und mangels positiver Vorbilder ist es heute ungemein schwer, seine eigene Identität zu finden. Wir haben nicht nur eine Wirtschaftskrise, sondern auch und vor allem eine Identitätskrise. Und Feindbilder führen wenigstens zu einer Pseudoidentität, wenn auch bloß über ein imaginäres Gegenüber.

Und wer Feindbilder, Weltverschwörungen, Juden oder Moslems hat, der braucht sich um die wirklich realen Probleme nicht zu kümmern.

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Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
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