Das andere Gesicht der Heiligen

Zwei Berichte fallen mir beinahe gleichzeitig auf: „Das Ende eines Mythos“, Untertitel: Das andere Gesicht des weltweiten Idols für Gewaltfreiheit Mahatma Gandhi, und „Die dunkle Seite von Mutter Teresa“. Tenor: Wir müssen mit dem Mythos des/der Heiligen aufräumen, sie hatten nämlich auch andere, dunkle Seiten.

Es sei also nicht so, sondern ganz anders. Die klassische Falle des europäischen Denkens: Es ist etwas entweder so, oder das Gegenteil ist wahr. Hat einer auch dunkle Seiten, dann kann er kein Heiliger sein. Westliche Logik beharrt darauf, dass von gegensätzlichen Aussagen nur eine wahr sein kann. Ganz anders das asiatische Denken: Es braucht immer beides, um ein Ganzes zu ergeben.

Mahatma Gandhi

Arundhati Roy, die bekannteste Schriftstellerin, Intellektuelle und Aktivistin Indiens, behauptet, Mahatma Gandhi sei nicht der friedliebende Held der Gewaltlosigkeit gewesen, sondern ein „bedingungsloser Verfechter einer der gewalttätigsten Gesellschaftsformen der Welt“, dem Kastensystem. Er sei damit kein Heiliger, sondern einer, der die Unterdrückung durch das Kastensystem unterstützt hat – oder gar ein Rassist, weil er sich z.B. abfällig über Schwarze geäußert habe (was ja ohnehin bekannt ist).

Sie macht damit denselben Fehler, den die meisten „Kritiker“ – auch etwa die Kirchenkritiker – begehen: Sie gehen von einem (illusorischen) Ideal aus, das es nicht geben kann, und werfen der Person oder dem System vor, diesem Ideal nicht zu entsprechen. Wäre Gandhi ein Heiliger gewesen, dann hätte er Indien nicht nur vom Kolonialismus, sondern auch vom Kastensystem befreit. Geht es nach Frau Roy, dann hätte Gandhi wohl gar nichts erreicht, denn gegen beides zu kämpfen wäre sicher unmöglich gewesen. War es doch schon schwer genug, die Engländer loszuwerden.

Roy: „Wie lange noch sollen wir auf diese Idee von absoluter Güte, auf diese Moralinstanz bauen? Es ist eine Lüge!“ Ist es nicht! Ihm seinen Status abzusprechen, weil er nicht auch das andere angestrebt hat, ist reiner Zynismus. Zu fordern, dass ein Mensch alles erreichen muss, sonst zählt das, was er erreicht hat auch nicht, ist naiv oder einfach dumm.

Ab in die Hölle mit Gandhi, dafür hebt Frau Roy einen anderen in den Himmel: B.R. Ambedkar, den im Westen relativ unbekannten Sozialreformer, der Indien nicht nur von den Briten, sondern auch vom Kastensystem befreien wollte. Dabei übersieht sie, dass der zwar das andere wollte, aber das eine nicht erreicht hat. Bei uns unvollkommenen Menschen gilt eben die Arbeitsteilung.

Roy kritisiert an Gandhi, dass er, obwohl er allem Luxus entsagte, die Nähe der Mächtigen suchte. Seine Ashrams und Projekte wären finanziert worden von Großindustriellen aus den hohen Kasten, denen auch Gandhi entstammte. Aber ohne diese Nähe hätte er wohl gar nichts erreicht, das vergisst Frau Roy geflissentlich.

Mutter Theresa

Mutter Teresa widmete sich ihr gesamtes Leben lang den Armen und Kranken in den Slums von Kalkutta. Das sollte ihr doch einmal jemand nachmachen. Zu7m Beispiel die drei laut „Die Welt“ angesehenen kanadischen Wissenschaftler der (ebenso anerkannten) Universitäten von Montreal und Ottowa, die nun an dem positiven Bild von Mutter Theresa kratzen. Deren obskure Gedankengänge kann man mit dem wiederholten „angesehen“ und „anerkannt“ aber kaum tarnen. Trotzdem dürfte laut „Die Welt“ die Veröffentlichung dieser „Fakten“ weltweit für Aufsehen sorgen.

Mutter Teresa habe sich am Ende ihrer Lebens in den USA behandeln lassen und ihr eigenes Leiden sogar mit palliativen Methoden gelindert. Das wird wahrlich für Aufsehen sorgen. Als ob ihr das nach diesem Leben für die Armen nicht irgendwie zugestanden wäre.

Die insgesamt 517 Armen- und Krankenhäuser in mehr als hundert Ländern, die Mutter Theresa gegründet hatte, seien Häuser für die Sterbende gewesen, die ihre letzten Tage unter schlimmsten und unhygienischen Zuständen zugebracht hätten. Dass die von der Straße aufgelesen wurden, wo es noch viel schlimmer und unhygienischer zugegangen wäre, muss man ja nicht extra erwähnen. Es geht da um die Slums von Kalkutta und nicht um Nobelkliniken irgendwo im Westen.

Dass den Schwerkranken und Todgeweihten in den Häusern von Mutter Teresa sogar Schmerzmittel und andere wichtige Medikamente verweigert wurden, wäre zu hinterfragen. Das kann aber verschiedenste Gründe haben, bis hin zu Neid und Missgunst der für die Studie Interviewten. Dass die angesehenen Forscher das Management der weltweiten Missionen von Mutter Teresa besonders kritisieren, mag schon stimmen. Managerin war sie sicher nicht.

Sie hätte, so „Die Welt“, „ Millionen Dollar von großzügigen Spendern für ihre Arbeit eingesammelt und auf geheimen Bankkonten aufbewahrt. Dabei soll sie auch dubiose politische Kontakte genutzt haben. So hatte sie zum Beispiel keine Scheu, auch Geld von Haitis Diktator François Duvalier (Papa Doc) anzunehmen. Als sie dafür kritisiert wurde, sprang ihr zur Verteidigung der Vatikan bei.“ Das ist eben Robin Hood-Manier, die doch sonst recht gut ankommt. Wenn es um die Armen ging, hatte sie eben keine Skrupel. Muss man ihr das vorwerfen? Und geheime Bankkonten? Dass sie nichts für sich verwendet hat, steht so ziemlich außer Zweifel, wird ihr auch nicht vorgeworfen. Und wer da aller mitgeschnitten hat, möglicherweise an Mutter Theresa vorbei – das kennen wir vom Spendenwesen zur Genüge. Wahrscheinlich kann man ihr vorwerfen, dass sie mit Geld nicht umgehen konnte. Aber wer kann das heutzutage?

Aber die drei Wissenschaftler kommen nicht darum herum, den positiven Effekt, den Mutter Teresa auf die Hilfsbereitschaft der Menschen hatte, zu loben. „Sie hat mit ihrer Arbeit und ihrem Werk viele Leute inspiriert“, schreibt Larivée. „Und sie hat auch viel getan im Kampf gegen die Armut.“ Sie hätte viel bewirkt, sei aber keine Heilige geworden.

Heilige sind auch nur Menschen

Womit wir beim Wesentlichen wären. Heilige sind auch Menschen, sind nicht vollkommen. Das weiß sogar „Die Welt“: „Tutti i santi hanno i loro difetti“, weiß der italienische Volksmund deshalb schon lange: „Alle Heilige haben auch Fehler“. Nur um dann die Kirche (die das auch weiß) zu kritisieren, weil sie angeblich nur das Positive sehe. Dass beim Heiligsprechungsprozess auch ein „advocatus diavoli“ auftritt, weiß man in der Redaktion nicht. Aber das nur so nebenbei.

Niemand hat je behauptet, dass Heilige vollkommen wären. Auch jeder Heilige hat seine Schwachstellen, seine dunklen Seiten. Eigenartigerweise ist die Kirche da viel realistischer als die Allgemeinheit oder solche angesehenen Wissenschaftler. Nur so nebenbei ein Zitat aus einer Predigt in einer Wiener Kirche: „Ein Mensch, der nicht weiß, dass er zu einem Mord fähig ist, kann nicht Priester werden!“ Wie gesagt, in manchen Belangen ist die Kirche weit realistischer als ihre Kritiker.

Lustig auch, dass Serge Larivée Papst Johannes Paul II. rügt, weil er die Regel, dass man erst fünf Jahre nach dem Tod des Kandidaten eine Seligsprechung einleiten darf, übergangen hat. Normalerweise wirft man der Kirche ja vor, dass sie sich übertrieben an ihre Regeln halte. Da tut sie es einmal nicht, und wieder ist es falsch!

Pater Pio und „Die Welt“

Völlig abstrus wird es, wenn in demselben Artikel über ein Buch berichtet wird, in dem behauptet wurde, „dass er (Padre Pio) sich Jahrzehnte lang Tag für Tag und jeden Morgen beide Hände, Füße und seine Brust mit Säure verätzt haben soll, um damit vor den Menschen, die seine Zelle und seinen Beichtstuhl zu Tausenden bestürmten, nur ja in den Ruf der Heiligkeit zu gelangen“.

Nun, ich habe mich jahrelang mit Padre Pio beschäftigt (in meiner Yoga-Zeit, war also damals nicht katholisch!), und wage zu sagen, dass das mit Sicherheit Unsinn ist. Der spätere Heilige wurde immer wieder von Ärzten untersucht, auch solchen, die ihn widerlegen wollten. Ich nehme an, dass diese Ärzte durchaus Wundmale von Verätzungen unterscheiden konnten. Und Padre Pio hätte das bei Gott (und auch in San Giovanni Rotondo) wahrlich nicht nötig gehabt.

Weiters heißt es in dem Artikel: „Inzwischen verstaubt das Buch Sergio Luzzattis, das die ‚Entdeckung‘ vor sechs Jahren verbreitete, wieder gemächlich vor sich hin, während das Grab Pater Pios in San Giovanni Rotondo in Süditalien mehr Pilger anzieht als je zuvor.“ Dass der Autor dieses Werkes nicht das Prädikat „angesehen“ beigestellt bekommt, ist den Redakteuren immerhin zugute zu halten.

Dass der Pomp und das Theater, das heute in San Giovanni aufgeführt wird, nicht im Sinne Padre Pios ist, kann nicht übersehen werden. Ich nehme an, dass sich der Heilige da vehement querlegen würde, aber er kann sich heute nicht mehr dagegen wehren.

Advertisements

Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
Dieser Beitrag wurde unter Spiritualität abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s