Die Moderne als Rückschritt ins Mittelalter

Während Wissenschaft und Technik ungeheure Fortschritte gemacht haben, gerät des Denken der heutigen Zeit in Gefahr, ins Mittelalter – oder was dieses Denken dafür hält – abzugleiten.

Nehmen wir als Ausgangspunkt die Probleme der „christlichen“ mit der „islamischen“ Welt. Erstere hat die Aufklärung hinter sich, ist somit ungeheuer aufgeklärt, letztere hat sie noch nicht mitgemacht, die Aufklärung stehe ihr also noch bevor.

Wenn man die Aufklärung als Befreiung aus selbstverschuldeter Unmündigkeit (Kant) versteht, dann muss man sich wirklich fragen: Wo bitte, sind wir heute aufgeklärt? Die Götter in Weiß wurden gestürzt, aber statt mündigen haben wir nur verwirrte Patienten. Rechte Rattenfänger sind imstande, ein Viertel der Bevölkerung zu blenden. Und weit fundamentaler: Die Errungenschaften der modernen Physik prägen unseren Alltag, das allgemeine Denken hat aber Ende des 19. Jahrhunderts kapituliert und die Logik der modernen Physik oder auch Tiefenpsychologie verweigert.

Der Islam hat in seiner Blütezeit mehr aufklärerisches Denken repräsentiert als das „moderne“ westliche Denken. Pluralismus was selbstverständlich, war lange Zeit die Norm, Austausch mit christlichen und jüdischen Denkern normal, Wissenschaft und Kunst in Blüte. Der heutige Islamismus ist kein Traditionalismus, sondern eine Verweigerung dieser Tradition.

Wir blicken zurück in finstere Zeiten, in denen aber Christen, Juden und Moslems oft friedlich zusammen gelebt und gearbeitet haben, in der das arabische Andalusien als das von allen anerkannte Paradies auf Erden galt, sich die Philosophen und Theologen der drei Religionen gegenseitig befruchteten, in der das Arabische einmal sogar die gemeinsame Sprache und Wissenschaftssprache war und Grenzen noch nicht so starr waren wie heute.

Wir bilden uns so viel auf unsere heutige Mobilität ein. Ja, wir haben Autos, Eisenbahn und Flugzeuge, aber die geistige Mobilität ist längst auf der Strecke geblieben. Wir sind uns selbst so fremd geworden, dass wir vor allem Fremden Angst haben müssen. Multikulturalität wird zum Angstfaktor, so als wäre das etwas ganz Neues und Bedrohliches und nicht etwas in der Geschichte völlig Selbstverständliches. Dabei ist das heutige Wien nahezu eine Monokultur im Vergleich zu Jerusalem vor 2000 Jahren, da war wirklich die ganze damalige Welt vertreten.

In der politischen Welt galt immer die Unterscheidung zwischen Freund und Feind. Diese Schwarz-Weiß-Malerei haben wir nicht überwunden, sondern generalisiert. Ein Blick in die Medien lehrt uns, dass die Fähigkeit zu differenzieren kaum rudimentär vorhanden ist. Es hat nie einen einheitlichen Islam gegeben, nichtsdestotrotz sprechen und schreiben alle von DEM Islam – den es nicht gibt.

Daran leidet sogar die Sicht auf die Aufklärung selbst: Aufklärung ist gut, alles vorher war schlecht, und wer die Aufklärung nicht mitgemacht hat, ist ganz daneben. Die differenziertere und realistischere Sicht: Die Aufklärung hat vieles Unnötige und Abergläubische hinweggefegt, die Menschenrechte (aus christlichen Wurzeln, auch wenn sich die Kirche gesträubt hat) geschaffen usw. Aber sie hat auch ein sehr eingeengtes, materialistisches Weltbild kreiert, in dem viel Menschliches verloren gegangen ist.
Abgesehen davon, dass die Aufklärung in der Französischen Revolution genau das hervorgebracht hat, was heute der IS praktiziert, nur dass eben maschinell geköpft wurde, hat sie den Weg für die Naturwissenschaft gebahnt, die man wieder differenziert betrachten könnte. Alle Annehmlichkeiten der heutigen Zeit gehen direkt oder indirekt auf die Naturwissenschaften zurück, andererseits ist Naturwissenschaft zum allgemeinen Weltbild geworden (obwohl Naturwissenschaft gar kein Weltbild generieren kann) und damit zur Ideologie degeneriert. So wie sich die exakte Naturwissenschaft nur mit Materie in Raum und Zeit beschäftigt (und das ungeheuer erfolgreich), der Mensch aber darin nicht vorkommt, so ist auch in der daraus abgeleiteten Ideologie der Mensch verschwunden. Siehe Medizin, die krampfhaft daran festhält, dass sie Naturwissenschaft ist, womit der Mensch zur Niere auf Zimmer 5 verkommt.

Naturwissenschaft lebt von der Analyse, der Definition, der Abgrenzung. Das macht die Welt durchschaubar und beherrschbar. Als allgemeine Ideologie wird das zum Schrebergartendenken, in dem die Grenzen wichtiger werden als Inhalte. Wir definieren uns über das, was wir nicht sind, und das führt dazu, dass wir uns nicht mehr mit uns selbst beschäftigen müssen. Z.B. sind wir keine Ausländer, und das führt zur Ausländerfeindlichkeit. Zumindest in diesem Schrebergartendenken.

Das genannte Schwarz-Weiß-Denken führt u.a. auch dazu, Tradition völlig misszuverstehen. Die Traditionalisten versteifen sich auf die Vergangenheit, die Progressiven auf die Zukunft. Beides sind naive Illusionen. (Diesen Gegensatz wollte auch das 2. Vatikanische Konzil überwinden, was bis heute kaum jemand begriffen hat). Tradition ist aber die historische Bewegung bis in die Gegenwart, die sich – da eine Bewegung –als Entwicklung in die Zukunft fortsetzen muss. Und progressiv kann man auch nur sein, wenn man das Vergangene völlig neu interpretiert. Diese beiden Bewegungen sind also kein Gegensatz, sondern eher identisch.

Man könnte die Argumente beliebig fortsetzen. Es sollte aber klar geworden sein was gemeint ist: Das heute immer noch gewohnte Schwarz-Weiß-Denken, die Unfähigkeit zur Differenzierung, die Reduktion auf das Materielle, nicht Menschliche, die Verweigerung, das Leben und sich selbst tiefenpsychologisch zu betrachten, die zunehmende Sucht, sich durch Abgrenzung zu definieren, damit von sich selbst abzulenken und Angst vor allem Fremden zu schüren, die Illusion, sich fortschrittlich zu wähnen, weil man die Naturwissenschaft als Ideologie missbraucht, die Analyse bis zur extremen Spezialisierung treibt und zu keiner Synthese mehr fähig ist, keine Zusammenhänge verstehen will, das Trennende über das Gemeinsame stellt, usw. – all das sollte eigentlich klar machen, dass das, was ursprünglich mit der Aufklärung gemeint war, auch der westlichen Welt noch bevorsteht, dass die positiven Effekte der Aufklärung (Wissenschaft und Technik) unser Leben, die negativen (Begrenzung) unser Denken bestimmen.

Und wenn wir uns hochmütig mit früheren Zeiten vergleichen, dann gab es sicher einerseits ungeheure Fortschritte, andererseits aber auch ebenso gravierende Rückschritte. So dass wir bei realistischer Betrachtung eingestehen müssten: Wir leben mit einem Fuß im 21. Jahrhundert, mit dem anderen sind wir Ende des 19. Jahrhunderts stehengeblieben, und mit einem dritten leben wir im finsteren Mittelalter.

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Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
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