Sich im Leben sterbend finden und verlieren

Mein Eintritt ins Leben hätte mir beinahe das Leben gekostet. Und so ambivalent ging es auch weiter. Etwas zu gewinnen und gleichzeitig zu verlieren war mir Lebensmotiv geworden.
Doch daraus lässt sich einiges lernen. Das Leben ist nicht rational. Es ist immer so und gleichzeitig ganz anders. Es ist immer dies und auch das Gegenteil. Das ist nicht irrational, sondern arational. Und das ist seit Kant und Hegel die Vernunft. Während sich für den Verstand Gegensätze ausschließen, bleiben sie für die Vernunft bestehen. Das Leben ist vernünftig, also arational.
Das Gewonnene gleichzeitig zu verlieren – man könnte sich dagegen auflehnen, doch das würde nichts ändern. Man kann im Haften loslassen – und unabhängig werden vom Gewinnen und Verlieren.
Leben ist Umgang mit dem Tod.
Leben ist Umgang mit der Ewigkeit. Die kommt nicht nach dem Tod. Zum Leben erwachen heißt gewahr werden, und im Gewahr Werden erstarrt die Zeit wie das Meer beim Auszug aus Ägypten. Wird Zeit zur Ewigkeit. Leben ist Ekstase, ist Herausstehen aus der Zeitlichkeit. Leben ist Ewigkeit.
Im Leben soll ich zu mir selbst finden. Ich werden. Und mich verlieren. Verlöschen. Nirwana.
Nach der Geburt machte ich mich auf den Weg, Ich zu werden. Ich sagte Ich und bemerkte, das war nicht Du und auch nicht alles andere. Als ich später bemerkte, dass ich als In-dividuum einmalig und unteilbar bin, da hatte ich schon viel von diesem Ich aufgegeben.
Ich kann Ich nur werden am Du. Zuerst die Erfahrung, die Mutter ist nicht (mehr) Ich, sondern Du. Es gibt andere, Vater, Geschwister, Freunde. Der Kreis weitet sich. Immer mehr Du’s, ich muss mich als Ich behaupten. Mich abgrenzen und gleichzeitig die Grenzen überschreiten. Wieder taucht die Ambivalenz auf. Die Spannung des Lebens wird langsam bewusst. Ich bin Ich, und kann nicht immer darauf pochen. Muss Erfahrung sammeln. Mich zurücknehmen, um „größer“ zu werden.
Im Eigensinn meinen Eigen-Sinn finden. Ein Kampf im Ich, der die Grenzen dieses Ich durchbrechen muss wie das Küken die Schale des Eis. Wieder eine Geburt. Mich gegen alle und alles stellen – um dann die Kraft der Anziehung zu erleben, die wieder alles durcheinander bringt. Wo bleibe Ich, wenn sich plötzlich alles um einen anderen dreht? Kann ich mich so weit verlieren, dass ich gewinne? Wo lande ich, wenn ich mich fallen lasse? Wie kann ich jemand gewinnen, den ich immer auch verlieren muss? Will ich ihn binden, verliere ich ihn. Eine zu lose Bindung löst sich selbst auf.
Ich kann nicht frei werden, ohne mich zu binden. Die Isolation des Ich ist Leben im eigenen Gefängnis. Doch muss ich frei bleiben und frei lassen, will ich (mich) binden. Bindung ohne Freiheit erstickt das Leben.
Das Leben ist und bleibt paradox.
Leben heißt sterben lernen. Sterben heißt leben lernen.
Beides beginnt spätestens bei der Geburt. Beides ist ein Hineingeworfen Sein in etwas ganz Anderes.
Dieses Leben und Sterben, Empfangen und Verlieren, Umarmen und Loslassen – geschieht. Nicht bewusst, nennt man es Schicksal. Nicht bewusst, wechseln sich die Situationen ab, man gewinnt, um es wieder zu verlieren – und hadert mit dem Schicksal.
Die Erkenntnis, dass Leben und Sterben, Empfangen und Verlieren, Umarmen und Loslassen einander bedingen, immer Eins sind und im Augenblick zur Ewigkeit kollabieren, lässt ahnen, was Liebe ist. Liebe ist Verbindung, ist die Kraft des Dazwischen, denn um Eins zu werden, müssen sich die zwei verlieren.
Wer das begreift, ist schon nahe dem Tod, dem Verlöschen des Etwas oder Jemand. Was bleibt, ist die Liebe, die Kraft der Verbindung, die das Verbundene auflöst im Nirwana der Beziehung. Dieses Verschwinden des Jemand ist auch der Grund für die Ausschließlichkeit. Wenn es diesen Jemand nicht mehr gibt, dann kann es auch niemand daneben geben.
Und doch ist das Du nicht aufgelöst. Im Nirwana der Liebe verlöschen Ich und Du, aber das Du wird zum ALLES. Alles in einer Person, die mir nun vertrauter ist als ich es mir selbst je war, und die mir zur Erkenntnis des Ich verhilft, das nicht Ego ist, sondern grenzenlos.
Ich und Du sind zum Wir geworden, das alles geworden ist.
So haben sich Ich und Du gefunden und verloren, sich ausgelöscht, um alles sichtbar zu machen. Das Fenster ist Glas, und das macht erst dann sichtbar, wenn es selbst nicht mehr sichtbar ist. Es ist völlig durchlässig, klar und transparent. Reine Achtsamkeit. Es erfüllt seinen Zweck, wenn sein Eigen-Sein nicht mehr bemerkbar ist.
Leben heißt sterben lernen. Sterben heißt leben lernen.
Tot sein heißt, nicht lebendig zu sein. Tot ist man im Leben. Im Leben ist man tot oder lebendig.
Der Tod ist nicht das Gegenteil von Leben, sondern der Tod steht der Geburt gegenüber. Wer geboren wird, ist für das Leben in der Einheit mit der Mutter gestorben. Muss leben und sterben lernen.
Wer stirbt, ist für das Leben außerhalb des Mutterleibs gestorben. Muss sterben und leben lernen. Leben vielleicht in einem größeren Kontext.

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Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
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