KULTUR DER ARBEITSLOSIGKEIT oder DER WEG ZU SINNERFÜLLTER ARBEIT

Auszüge aus meinem (nicht publizierten) Buch aus den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts – passend zum Tag der Arbeit am 1. Mai. Ein Plädoyer für die Arbeitslosigkeit – und für eine sinnerfüllte Arbeit.

Vorwort
… Eine ungeheure geistige Verarmung hat uns hervorgebracht, und wir betrachten alles als primitiv, was wir im Laufe unserer Entwicklung verloren haben. Wir sind geistig genormt, nur zur Erfüllung einer einzigen professionellen Aufgabe fähig und programmiert.
Unser Gott ist die Materie – unser Gottesdienst die Arbeit. Unsere Priester sind die Manager, die uns diesen Gottesdienst ermöglichen. Unsere Seelsorger sind die Werbestrategen, die unsere Bedürfnisse erschaffen, die wie Sterne am nächtlichen Horizont leuchten, unerreicht, weil uns die Arbeit daran hindert, sie zu erfüllen. Oder weil das Licht schon verblasst bevor eine derartige Sternschnuppe die Atmosphäre durchdringt. …

… Doch bei derartigen unnatürlichen Entwicklungen ist auch die Krise vorprogrammiert. Zweidrittelgesellschaft nennt man jenen Zustand, in dem bereits ein Drittel der Bevölkerung von der Religion der Arbeit exkommuniziert ist, keine Arbeit mehr hat. Und dieser Anteil steigt.
Ein derartiger religiöser Tiefpunkt in der Geschichte hat noch immer einen Propheten zum Leben erweckt, der neue Inhalte predigte, oder die alten neu zum Leben erweckte. Jetzt ging es um die unbedingt notwendige Neudefinition der Arbeit. Diskutiert wurde ein arbeitsloses Grundeinkommen für alle, flexiblere Arbeitszeiten und die Einbeziehung einer sozialen, humanisti-schen, ethischen und altruistischen Dimension in die Arbeit, die zumindest zeitweise – ähnlich dem Präsenz- oder Zivildienst – zu leisten wäre. Doch war das alte System so zementiert, dass eine Erneuerung durch Einbeziehung anderer Sinnbezüge nicht möglich war.
Doch dann begann eine Entwicklung, die völlig unbemerkt begann, aber immer mächtiger wurde, die alle Werte auf den Kopf stellte und statt der Arbeit die Arbeitslosigkeit, die bisher verpönt, anrüchig und demoralisierend war, in den Mittelpunkt stellte.
Nur durch diese extreme Polarisierung gelang es, die Arbeit mit einem neuen Sinn zu erfüllen, der am Ende der Entwicklung beide Extreme ganzheitlich in sich vereinigte. Denn erst die Arbeitslosen waren tatsächlich in der Lage, jene innere Arbeit zu leisten, die zuvor als Inbegriff des „Nichtstuns“ ausgegrenzt war: die Arbeit an sich selbst.
Erst am Ende dieser Entwicklung wurde klar, dass ohne diese Beschäftigung mit sich selbst der Mensch wirklich (innerlich) beschäftigungslos ist, dass mit der industriellen Revolution die geistige Arbeitslosigkeit geschaffen wurde, die erst durch die neue Bewegung der Arbeitslosen in sinnvolle Arbeit verwandelt werden konnte. …

Arbeitslosigkeit und Werbung
Die Journalisten erkannten natürlich sehr bald, dass sie ihre Leser mit völlig neuen Schlagzeilen fesseln konnten. Wenn wichtige Positionen in größeren Firmen neu besetzt wurden, war dies ein Ereignis, das allgemein interessierte. Von dem neuen Mann oder der neuen Frau wurden Interviews veröffentlicht und ihr Lebensweg rückblickend dargestellt.
Doch wesentlich interessanter waren Interviews mit denen, die schon seit längerer Zeit arbeitslos waren und diesen Status, aus welchen Gründen auch immer, beibehielten. Mit einigem Geschick konnten sie eine derartige Popularität erlangen, dass sie bald während ihrer Arbeitssuche – und später fast rund um die Uhr – von Journalisten- und Fernsehteams begleitet wurden.
Ihre Meinung war gefragt, sie nahmen an Diskussionen in Rundfunk und Fernsehen teil und sorgten dadurch für eine neue Sparte der Unterhaltungsbranche. Es gab Publikumslieblinge, und man befragte die Leser, Hörer und Seher nach dem beliebtesten Arbeitslosen, der selbstverständlich in einer eigenen Sendung gewürdigt wurde. Die eilig durchgeführten Infratests ergaben für diese Sendungen wesentlich höhere Einschaltziffern als z. B. für den Eurovisions-Songcontest, die Ehrung der Sportler des Jahres, des beliebtesten Kommissar-Darstellers oder Quizmasters.
Verständlich, dass bald weder die solcherart „erfolgreichen“ Arbeitslosen noch die sie ständig begleitenden Journalisten allzu großes Interesse daran hatten, dass der- oder diejenige irgendwann doch Arbeit bekam.
Die Firmenchefs erkannten ihrerseits, dass aus Stellenausschreibungen eine werbewirksame Show zu machen war. Sie spielten eifrig mit, indem sie zwar die Qualitäten des Bewerbers hervorstrichen (um das Publikum für sich zu gewinnen), aber letztlich doch bedauerten, dass eine Einstellung trotz alledem nicht möglich sei.
Das war ganz nach dem Geschmack der „Volksseele“, ergab eine prickelnde Story in Presse, Rundfunk und Fernsehen und machte die sich derart in Szene setzende Firma und deren Produkte bekannt und interessant. Selbstverständlich wurden die Zeitungen mit fingierten Stellenangeboten überschwemmt. Denn schließlich wollte jedes Unternehmen in den Genuss dieser kostenlosen Werbung kommen. Sowohl Journalisten als auch Arbeitslose wurden bestochen, ihre Show in dieser oder jener Firma in Szene zu setzen. Was die Angelegenheit zwar wieder verteuerte, aber in keiner Relation zum erzielbaren Werbeeffekt stand.
Diese Entwicklung traf vor allem die Sportler und am empfindlichsten die Fußballer, die bis dahin mit Vorliebe von Banken und Firmen gesponsert wurden, ohne dass sie sich dadurch einem größeren Leistungszwang aussetzen mussten. Ihre Darbietungen erwiesen sich denn auch als immer weniger werbewirksam. Die Arbeitslosen wurden daher von den Firmen mit offenen Armen aufgenommen – als neue Werbeträger. Unternehmer rissen sich darum, die bekanntesten Arbeitslosen mit ihren Produkten auszustatten, wie sie es vorher nur mit Weltklassesportlern gehalten hatten. Dies ermöglichte z. B. der Bekleidungsindustrie, die bis zu dieser Zeit – sofern es sich nicht um ausgesprochen sportliche Bekleidung handelte – davon ausgeschlossen war, nun ebenfalls in dieser Form zu werben.
Was die Arbeitslosen bei den Agenturen so begehrt machte, war die Tatsache, dass sie ihnen keinerlei Beschränkungen auferlegten, während die Spitzensportler doch nur für bestimmte Pro-dukte in Frage kam. Den bekanntesten Arbeitslosen wurde auf dies Weise ein Leben ermöglicht, das ihren früheren Lebensstandard als Berufstätige bei weitem übertraf. Sie waren daher bestens gekleidet und wurden in allen Restaurants und Kaffeehäusern bevorzugt bedient, ohne dass sie je bezahlen mussten. Sie hatten meist ihre Stammlokale, wo man ihnen am liebsten jeden Wunsch vom Mund ablesen wollte, denn selbst ein leeres Lokal war binnen einer Viertelstunde voll besetzt, sobald sich ein bekannter Arbeitsloser darin häuslich niedergelassen hatte.
Es gab zu dieser Zeit Industriebranchen, die durch die Bewegung der Arbeitslosen völlig neue Impulse erhielten, die plötzlich einen nicht vorhersehbaren Aufschwung erlebten, oder die durch sie allein vor dem schon drohenden Ruin bewahrt wurden. So wurden die Hersteller von Spezialschlüsseln und -schlössern, von Alarmanlagen sowie die Bewachungsdienste und Privatdetektive von den Firmen, die Arbeitsplätze zu vergeben hatten, mit Aufträgen überschüttet. Schließlich fanden die Arbeitslosen, zumindest die besten unter ihnen, immer einen Weg zum Schreibtisch des Personalchefs, selbst wenn sie dabei Alarmanlagen, Spezialschlösser, Bewachungspersonal und Wachhunde überwinden mussten. Und welche Firma hat es schon gerne, wenn sich ihr Sicherheitssystem doch nicht als hundertprozentig erweist, und sei es auch nur durch einen arbeitslosen Stellenwerber.
Die maßgeblichsten Impulsgeber für die Wirtschaft waren natürlich die Arbeitslosen selbst. Betroffen waren da zunächst alle Branchen, die unmittelbar mit den dringendsten Bedürfnissen des Lebens zu tun hatten. Lebensmittelgeschäfte, Bäckereien, Kaffeehäuser oder Restaurants, in denen bekannte Arbeitslose Gäste oder Kunden waren, brauchten sich über mangelnden Umsatz nicht mehr zu beklagen.
Ebenso erging es z. B. der Bekleidungsindustrie oder den bei Arbeitslosen beliebten Urlaubsorten. Autofirmen stellten ihnen ihre Fabrikate zur Verfügung und konnten dadurch ihre Marktanteile erheblich steigern. Denn schließlich wollte jeder mit der Automarke seines arbeitslosen Idols repräsentieren.
Die Zahl der Schulen für asiatische Kampfsportarten, die bisher ein eher bescheidenes Dasein gefristet hatten, stieg nun derart schnell wie einige Zeit zuvor die der chinesischen Restaurants. Denn der Arbeitslose musste lernen, Wachhunde, Detektive und Bewachungspersonal auszuschalten, ohne sie dabei erheblich zu verletzen. Denn schließlich macht es keinen guten Eindruck, wenn der Stellenwerber die halbe Belegschaft spitalsreif schlägt, bevor er ergebenst um eine Anstellung bittet. Während daher die westlichen Methoden einfach hinzudreschen als unhöflich gelten mussten, waren die sanften asiatischen Praktiken die geeignetsten.

Die Show am Montag
Eine bekannte Firma hatte in der Samstagausgabe der meistgelesenen Tageszeitung eine Stelle ausgeschrieben. Es ist eigentlich ganz belanglos welche, denn interessant würde einzig und allein die Show am Montag sein, für die das Fernsehen bereits die Filmrechte eingekauft und einen Übertragungswagen bereitgestellt hatte. Die Journalisten waren für ein besonders „heißes“ Wochenende gerüstet.
Die Bewachung des Unternehmens war optimal: Detektive, Bluthunde, Polizeibeamte standen bereit, und als besondere Attraktion hatte man einen Karatemeister aus Fernost eingeflogen, der in seiner Heimat für die Beratung von Filmteams und den Schutz von potenten Firmenchefs zuständig war.
Sofort nach Erscheinen der Samstagausgabe mit dem Inserat am Freitagabend verdoppelte sich die Hektik auf dem und rund um das Firmengelände. Nur die bekanntesten und bestausgebildeten Arbeitslosen wagten sich an die Aufgabe, denn selbstverständlich war in dieser Zeitung auch ein Artikel über die Firma und die getroffenen Sicherheitsvorkehrungen abgedruckt.
Die Arbeitslosen begnügten sich zu dieser Zeit nicht mehr damit, einfach anzurufen, Bewerbungsschreiben loszulassen oder am Montag vor dem Personalbüro zu erscheinen. Es galt, am Montag zu Bürobeginn, wenn der Personalchef sein natürlich eigens gesichertes Arbeitszimmer betrat, bereits zur Stelle, das heißt im seinem Büro zu sein. Wie, das blieb der Geschicklichkeit, Kraft und Phantasie des „Stellenbewerbers“ überlassen.
Bis Samstagabend waren acht Bewerber bereits „ausgeschaltet“ – von Detektiven oder Spürhunden gestellt, die dafür zuständig waren, dass das Zutrittsverbot zum Firmengelände strikt eingehalten wurde. Einer blieb in der Nacht auf Sonntag im eigens für diese Show installierten elektrischen Zaun hängen, über den zu berichten der Autor des sonst gründlich recherchierten Artikels in der Samstagzeitung zu berichten vergessen hatte.
Da die für diese Art von „Bewerbung“ in Frage kommenden Arbeitslosen bekannt waren, konnte man sich ausrechnen, dass nun nur noch zwei im Rennen waren. Diese würden den Hauptteil der Show bestreiten.
Interessanterweise waren die beiden von völlig gegensätzlichem Charakter. Der eine „arbeitete“ im Stil der Safari-Rallye – mit kompletter Service-Mannschaft, die dafür zuständig war, den Weg freizumachen, betäubte Bluthunde abzutransportieren, die Wachmannschaft abzulenken, oder eine ganz falsche Spur zu legen. Da er sich ausrechnen konnte, dass es in der Nacht auf Samstag, den ersten Übertragungstermin, niemand schaffen würde, konzentrierte er sich ganz auf die Nacht vor der Ent¬scheidung. Inzwischen trainierte er an einem geheimen Ort, wo man ihm das ganze Firmengelände zu Übungszwecken nachgebaut hatte. (Durch eine Indiskretion war ihm der Plan des Unternehmens schon eine Woche vorher bekannt geworden).
Der andere saß – das wusste man inzwischen auch – in seiner von der Stadtgemeinde zur Verfügung gestellten Villa und meditierte. Er würde sicher erst im letzten Augenblick zuschlagen und darauf konzentrierte sich die gesamte Wachmannschaft, speziell der Karatelehrer aus Fernost. Denn der besagte Arbeitslose war bekannt dafür, dass er östliche Meditations- und Kampf-/Selbstverteidigungstechniken meisterlich beherrschte.
In der letzten Nacht richtete die Begleitmannschaft des einen Kandidaten gehörige Unruhe unter der Wachmannschaft in der Firma an, sie arbeitete mit Tränengas und mit Betäubungsmittel für die Hunde. Um damit dem Gegner nicht die Sache auch leichter zu machen, war die Elite dieses Begleittrupps darauf angesetzt, den anderen Bewerber auszuschalten oder wenigstens zu behindern.
Währenddessen drang der Beschäftigungslose im Schutz der Dunkelheit und seiner Mannschaft bis zum Verwaltungsgebäude vor. Und während die Bewachung in ein Scheingefecht verwickelt wurde, kletterte er selbst auf einer anderen Fassade die Mauer hoch. Er war in die Schule bei einem „Free-Climber“ gegangen und übertraf inzwischen beinahe seinen Lehrmeister.
Trotzdem er nicht von Fenster zu Fenster klettern konnte, denn dahinter konnten sich Wachen verbergen, schaffte er trotzdem den Aufstieg in den elften Stock. Das Büro des Personalchefs war in der zwölften Etage, aber dort war es mit Sicherheit zu schwierig, einzudringen.
Es gelang ihm, ein Toilettenfenster von außen geräuschlos zu öffnen, auch das hatte er bei einem Fachmann gelernt. Drei Wachposten am Gang und auf der Treppe zum letzten Stock konnte er überraschen und außer Gefecht setzen, bevor die Sonne aufging. Dem Karatemeister, der die unmittelbare Umgebung des Personalbüros sicherte, entging er nur knapp.
Nun wartete er in einer dunklen Ecke bis kurz vor Bürobeginn, denn dann, das wusste auch er, würden sich alle Bewacher voll auf den anderen konzentrieren.
Draußen war es völlig ruhig, die Posten im zwölften Stock wurden immer nervöser und bereiteten sich auf das alles entscheidende Gefecht vor.
Der Karatelehrer, der bis dahin bewegungslos im Lotossitz in der Nähe des Stiegenaufgangs gesessen war, sprang plötzlich auf wie ein hungriger Tiger, denn er fühlte, dass sein „Gegner“ sich bereits im elften Stock befand. Solche intuitiven Wahrneh¬mungen sind bei diesen Leuten nicht selten anzutreffen.
Die anderen atmeten etwas erleichtert auf, denn sie fühlten sich dadurch wenigstens ein bisschen entlastet.
Auf diesen Augenblick hatte der in seiner dunklen Ecke Lauernde gewartet. Schon wollte er auf die Tür zum Personalbüro zustürmen, als sich plötzlich in der lähmenden Stille fast schmerzlich hörbar der Lift in Bewegung setzte.
Alle warteten gespannt und bereit zum letzten Schlag, dass sich die Lifttüre öffnete …. Der Lift hielt, doch die Tür ging nicht auf.
Einer der Bewacher demolierte darauf mit einem gewaltigen Schlag die Lifttüre, während im gleichen Augenblick zwei andere Tränengasbomben hineinwarfen.
Nach einem Augenblick der Verwirrung stellte man fest, dass der Karatelehrer bewusstlos in der Liftkabine lag.
Der noch immer in seiner Ecke lauernde Arbeitslose stürmte jetzt vor, schaltete zwei Bewacher mit gezielten Schlägen aus und riss die Tür zum Personalbüro auf, als wäre sie nicht doppelt und dreifach gesichert…
Um festzustellen, dass ihm der andere zuvorgekommen war und bereits ruhig auf dem Besucherstuhl vor dem Schreibtisch Platz genommen hatte. Er hatte den Karatelehrer auf dem Stiegenaufgang überrascht, in den Lift gesetzt und war dann auf die Fassade des Hauses und von da in den Abstellraum neben dem Personalbüro geklettert.
Die Verbindungstür hatte er vor einigen Tagen unbemerkt aufgeschlossen, als er beim Personalchef vorgesprochen und nach der Möglichkeit einer Anstellung gefragt hatte.
Was nun folgte, wurde life im Fernsehen übertragen. Der Bewerber argumentierte mit seinen Kenntnissen, Schulungen etc., die ihn für die Stelle qualifizierten. Allerdings musste er ein bisschen am gewünschten Anforderungsprofil vorbeidiskutieren, denn es ging ja nicht darum, die Stelle auch wirklich anzunehmen.
Der Personalchef seinerseits würdigte wohl die außerordentlichen Qualitäten des Bewerbers, um dann ebenfalls einen eleganten Rückzieher anzutreten. Er hatte ja in Wirklichkeit keine Stelle zu vergeben.
So einigte man sich nach langen Hin und her, dass der Arbeitslose wie geschaffen für eine andere weit anspruchsvollere Tätigkeit in der Firma war, die aber derzeit leider nicht frei war. Sollte hier eine Änderung eintreten, käme er mit Freuden auf den Bewerber zurück.
Keiner hatte es dem anderen leicht gemacht, denn beide wussten natürlich, dass es gar keine Stelle und auch keinen echten Bewerber gab. Und so hatten beide während der Sendung versucht, den anderen in die Enge zu treiben, so dass ihm nichts anderes übrig geblieben wäre, als die Stelle doch zu vergeben bzw. anzunehmen. Doch jeder hatte sich immer eine Hintertüre offen gelassen, durch die er wieder auf elegante Weise entfliehen konnte, wenn der andere aufs Ganze ging. Es war wie ein Schachspiel, das aber doch remis enden sollte.
Die Zuseher vor den Fernsehapparaten erfuhren jedoch viel über das Leben und das Weltbild des Arbeitslosen, mit welch tiefgründigen Themen und Forschungsgebieten er sich beschäftigte und welch tiefe Erkenntnisse und Fertigkeiten er sich in seiner Ausbildung zum Arbeitslosen aneignen konnte.
So war es, wie erwartet, eine spannende und lehrreiche Sendung geworden, zur Zufriedenheit aller Beteiligten. Der Arbeitslose war noch populärer, die Firma noch bekannter geworden, die Redakteure hatten Interessantes zu berichten, und die Zuseher genossen diese neue Art der Unterhaltung, die das Beste aus Actionfilm und Kulturprogramm vereinte.
Tatsächlich ging es um die effektivste Werbung, die man sich vorstellen konnte. Die Einschaltziffern einer solchen Show erreichten noch nie da gewesene Werte. Nur dass normalerweise Werbung im Fernsehen der Firma teuer zu stehen kam, während in diesem Fall das Fernsehen dem Unternehmen horrende Summen zahlte, nur um das Spektakel filmen und übertragen zu dürfen.
Dass die vollen Einnahmen vom Unternehmen nicht als Gewinn verbucht wurden, sondern an die Konsumenten weitergegeben wurden, war wieder dem Einfluss des Arbeitslosen zu verdanken, der sonst nicht mitgespielt hätte.

Die Arbeitslosen-Kurorte
Natürlich wusste auch so mancher schlaue Bürgermeister oder die Fremdenverkehrsverbände die Attraktivität der bekanntesten und beliebtesten Arbeitslosen für sich zu nutzen. Pilgerten doch viele Schaulustige in jede beliebige Stadt, nur um den aus Presse, Rundfunk und Fernsehen bekannten Beschäftigungslosen einmal aus der Nähe zu erleben.
Fan-Clubs wurden gegründet, die mit anderen Fan-Clubs korrespondierten und diskutierten, welcher ihrer Top-Stars es nun besser verstünde, seine Arbeitslosigkeit in Lebensqualität umzusetzen.
Es gab sogar Groupies oder solche, die es gerne gewesen wären, aber die hatten es ganz besonders schwer. Sie mussten sich meist mit der zweiten Kategorie, mit einigen weniger bekannten Beschäftigungslosen begnügen, denn die Größen zähl¬ten es zu ihrem Arbeitsethos, jeden aufkeimenden Rummel um ihre Person bereits im Keim zu ersticken, indem sie Fans der aufdringlichen Art einfach und total ignorierten. Sie hatten ihren – zwar großen – Freundeskreis hochinteressanter Persönlichkeiten, aber es war äußerst schwierig, da hineinzukommen.
Auch Veranstalter und Manager, die früher mit großem Erfolg Sportler und Sänger betreut und nun unter deren sinkender Popularität zu leiden hatten, versuchten ihr Glück mit den neuen Arbeitslosen. Da diese aber prinzipiell keinen „Werkvertrag“ eingehen konnten (was ihnen von vornherein ihre Unabhängigkeit bewahrte), hofften clevere Manager, mit Tricks und Phantasie auf anderen Wegen zum Ziel zu kommen.
Als etwa der Bürgermeister einer nicht allzu attraktiven, bisher wenig beachteten Landgemeinde zu der Überzeugung kam, dass jetzt nur mehr ein populärer Arbeitsloser sein Imperium aus dessen unfreiwilligem Dornröschenschlaf retten konnte, versuchten sich sofort einige Manager als „Kopfjäger“.
Tatsächlich gelang es einem von ihnen, für seinen Plan einen der populärsten Arbeitslosen zu gewinnen, der sich dachte, ein paar Wochen in einer ruhigen Landgemeinde zu leben, wäre nach all dem Rummel der letzten Zeit wohl genau das Richtige. Schließlich hat auch ein Arbeitsloser Anspruch auf Erholung.
Während alle Tricks der anderen Agenten sich als erfolglos herausstellten, kam besagter Manager – er betreute vorher als Anwalt und Manager viele Größen der Fußballwelt – auf ganz geradlinigem Weg zum angestrebten Ziel. Er hatte dem Star ganz einfach einen Plan vorgelegt, in dem alle eingebunden waren und genau festgelegt war, was es jedem der Beteiligten bringen würde. Der Arbeitslose wusste, dass man ihn ein paar Wochen in Ruhe lassen würde. Dazu musste er nur bei Nacht und Nebel aufbrechen, damit niemand erfuhr, wohin er gezogen war. Selbstverständlich war auch jemand engagiert, der die Tag und Nacht lauernden Journalisten und Fotografen auf eine falsche Fährte lockte.
Aus diesem „mysteriösen Verschwinden“ konnten die Medien – von dem Manager gelenkt – einige Zeit lang Kapital schlagen. Hatte dann der Arbeitslose seinen touristisch noch völlig unberührten Urlaubsort genügend genossen, könnte man seine „Entdeckung“ verbreiten und dem Besucherstrom aus allen Teilen des Landes und auch aus dem Ausland (aus dem Star war bereits ein Welt-Star geworden) eine Schleuse öffnen.
Selbstverständlich konnte man einem so populären Arbeitslosen diese bevorstehenden Menschenwogen nicht zumuten. Es war daher mit Bürgermeister und Manager schon vorher vereinbart worden, dass er die Stadt schon längst verlassen hatte, wenn die ersten Autobusse und PKW-Schlangen anrollten.
Dem Ruf des Ortes tat dies keinen Abbruch mehr. Seine Bürger wussten jede Menge wahre und erfundene Geschichten und Anekdoten zu erzählen. Und sie taten es ausgiebig, während sie ihre Geschäfte machten, die plötzlich florierten wie nie zuvor. Alte Ladenhüter gingen weg wie die warmen Semmeln, weil der Arbeitslose angeblich so etwas gekauft und hier getragen oder benutzt hatte. Ganz zu schweigen von seinem „Lieblingsgetränk“, seiner „Lieblingsspeise“, von denen jedes der zahlreichen „Stammlokale“ andere anzubieten hatte. So gab es wirklich für jeden Geschmack etwas.
Der prominente Urlauber war natürlich kurz vor seinem unerklärlichen Verschwinden zum Ehrenbürger der Gemeinde ernannt worden und gab außerdem einer Straße im Ort seinen Namen. In dieser Straße zu wohnen, konnte sich bald kaum jemand aus dem Ort leisten, derart waren die Mieten gestiegen. Die Bewohner waren schon vor Wochen ausgesiedelt worden, nachdem man ihnen dafür großzügig wunderschöne Wohnungen im besten Stadtviertel zur Verfügung gestellt hatte. Alle waren zufrieden, denn es war eine Straße im ärmlichsten Teil des Ortes gewesen.
Alles war umsichtig organisiert worden. Es gab genug Leute im ganzen Land, die es sich Millionen kosten ließen, auf ihrer Visitenkarte diese Adresse gedruckt zu sehen. Sie ließen sich dann ihre gesamte Post dorthin schicken, und es war nur eine einzige Angestellte notwendig, der die einlangende Post an den tatsächlichen Wohn- oder Firmensitz weiterleitete. Der längere Postweg war die Sache wert und einige Ortsansässige hatten Arbeitsplätze bekommen, an denen sie fast so frei waren wie die Arbeitslosen.
Es war zwar eine kleine Straße mit nur zehn wohlgemerkt kleinen Häusern, aber bald gab es hier rund 800 Adressen. Die Namens- und Firmenschilder waren natürlich oft fotografierte Touristenattraktion, denn hier war die High Society des Landes versammelt. Dass in Wirklichkeit hinter den Fassaden aus den Mitteln der horrenden Schildermieten Kindergärten, Pensionistenheime, Ausstellungs- und Veranstaltungsräume sowie ein Museum eingerichtet worden waren, zeigte nur den Einfluss des Arbeitslosen, der darauf bestanden hatte, dass die nach ihm be-nannte Straße auch in seinem Sinne genutzt wurde.
Der Bürgermeister konnte endlich seine sozialen und kulturellen Ideen verwirklichen – und das, ohne einen Groschen Steuermittel dafür aufwenden zu müssen. So entwickelte sich das Aschenputtel unter den Fremdenverkehrsgemeinden zu einem Muster an Touristenattraktion für die gehobenen Ansprüche.
Es muss wohl nicht eigens erwähnt werden, dass dieses Beispiel Schule machte und im ganzen Land die Reichsten der Reichen durch den Einsatz der Arbeitslosen gewonnen wurden, für die Armen und sozial Schwächeren zu sorgen und die Kultur zu fördern.
So kam es, dass in jeder Stadt, die etwas auf sich hielt, ein Nobelviertel existierte, in dem Arme und Pensionisten lebten, Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser gebaut wurden und Museen, Galerien, Tagungsräume usw. für kulturelle Veranstaltungen und Aktivitäten zur Verfügung standen.

Journalismus auf der Suche nach Arbeitslosen
Die Journalisten waren die ersten, die ihren Spürsinn für den neuen Trend bewiesen und die sehr bald ihr gutes Geschäft mit dem Arbeitslosensport gemacht hatten. Selbst sie konnten aber nicht ahnen, dass ihre eigene Berufsgruppe bald von Arbeitslosen unterlaufen und total umstrukturiert würde.
Die Ära des Arbeitslosensports wurde zum großen Geschäft nicht nur für Medien und Werbung, sondern auch für viele Industriezweige. Doch die vielseitigen Interessen der Arbeitslosen führten dazu, dass sie in relativ kurzer Zeit ihrer sportlichen Karriere überdrüssig wurden. Hatte einer von ihnen jenen großen internationalen Wettkampf der Arbeitslosen gewonnen, so ließ er sich meist nur mehr kurze Zeit vermarkten und beendete dann, sehr zum Entsetzen von Medien, Werbung und Wirtschaft seine aktive sportliche Laufbahn als Arbeitsloser.
Die meisten suchten dann ein geistiges Betätigungsfeld. Sie waren schon während ihrer Ausbildungszeit als Arbeitslose mit neuen Impulsen konfrontiert worden, mit den so konträren asiatischen Weltanschauungen und anderen Lebensstilen, mit Psychologie, Träumen und Kreativität. Und sie hatten sich trotz ihres harten Trainings immer viel mit sich selbst beschäftigt.
Dadurch waren sie geradezu prädestiniert für den Journalistenberuf. Nicht nur, dass sie dank ihrer umfassenden Ausbildung ihrer Zeit voraus waren, als Vertreter jener Menschengruppe, die mit Abstand am meisten im Rampenlicht dieser Zeit stand, waren nicht nur sie selbst, sondern auch das, was sie zu sagen hatten, für den Leser, Hörer und Seher außerordentlich interessant.
Kolumnen, Glossen, Kommentare und Kritiken aller Art wurden zunehmend von Arbeitslosen übernommen. Der Zustrom ehemaliger Arbeitsloser war so groß, dass dies nur durch eine in dieser Branche noch nie da gewesene Kündigungswelle kompensiert werden konnte.
Die Journalisten, die nun ihrerseits ihren Job verloren hatten, mussten sich nur als Arbeitslose profilieren und erwarben sich dadurch die jetzt höhere Qualifikaion, um wieder in ihrem ehemaligen Beruf arbeiten zu können. Bis dahin mussten sie allerdings sehr hart an sich arbeiten.
Viele der Ex-Arbeitslosen wurden später auch Schriftsteller, Philosophen oder Berater in allen menschlichen und zwischenmenschlichen Fragen und Problemen. Einige blieben auch in Kontakt mit ihrem ehemaligen beschäftigungslosen Tätigkeitsbereich und wurden Trainer für Arbeitslose. Bezahlt wurden sie in diesem Fall natürlich nicht von ihren Kunden, sondern von Sponsorfirmen, die den werbewirksamen Nachwuchs nicht dem Zufall überlassen wollten.
Das wohl Entscheidendste aber war, dass mit dem Wiedereintritt der Arbeitslosen (die inzwischen meist eine ganz bemerkenswerte Persönlichkeitsentwicklung durchgemacht hatten) in die Berufswelt sich ein völlig neuartiger Kulturbetrieb etablieren konnte. Die Szene erschöpfte sich nicht mehr in Leuten, die malten, schrieben oder sonst etwas Künstlerisches produzierten, um damit Anerkennung und Geld zu erhaschen, sondern sie setzte sich zunehmend aus Menschen zusammen, die zunächst Persönlichkeiten waren und schon als solche wirkten. Ihre Kreativität war ganz natürlich, und jeder konnte in ihren Werken das erkennen, was schon in der Ausstrahlung ihrer Persönlichkeit spürbar war.
Die Struktur der Medien, selbst der Tageszeitungen, wurde mehr oder weniger auf den Kopf gestellt. An die Stelle der bis dahin üblichen brutal ins Auge springenden Schlagzeilen traten kulturelle und weltanschauliche Fragen und Diskussionen. Daraus entstanden ein eigenes Ressort in den Tageszeitungen und eine Reihe neuer Zeitschriften, die fast ausschließlich von ehemaligen Arbeitslosen gegründet und betreut wurden. Wer den Status des Arbeitslosen noch aufrechterhalten wollte, mischte einfach mit „Leserbriefen“ mit.
Das Publikum wurde von der Begeisterungsfähigkeit dieser Leute einfach angesteckt und mitgerissen. Das Interesse an weltanschaulichen Fragen, wissenschaftlichen Paradigmen und an verschiedenen Denkweisen wurde auf breitester Basis geweckt. Den Leuten wurde fast schmerzhaft bewusst, dass sie das ganze zwanzigste Jahrhundert verschlafen hatten, dass sie weltanschaulich noch im neunzehnten Jahrhundert gelebt hatten.
Fast mit einem Schlag wurde durch diese Erkenntnis der ganze „No Future“-Komplex ins mentale Museum gesteckt. Wie einst Kolumbus nach Amerika aufbrach, so begannen jetzt viele, den letzten schwarzen Fleck auf der Landkarte zu erforschen, nämlich den Menschen selbst.

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Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
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