Leben / Lieben im Hier und Jetzt

Sandra Cosima Matteotti stellt an den Beginn ihrer Rezension des Buches von Thich Nhat Hanh: „Im Hier und Jetzt zuhause sein“ ein Zitat, mit dem wohl alle einverstanden sein werden:

„Wir sollten versuchen, eine neue Kultur zu schaffen, in deren Zentrum das Sein steht. […] Lebendig zu sein. Frieden zu sein, Freude zu sein, zu lieben. Das ist, was die Welt am dringendsten braucht.“

Doch ist das nicht Utopie? Wie soll das gehen? Die Welt ist wie sie ist – grausam, brutal, voller Krieg und Terrorismus usw.

Und Sandra endet ihre Rezension mit dem Zitat:

„…und die Ungerechtigkeit, die Grausamkeit oder Gemeinheit nicht ausreichen werden, um unser Leben zu zerstören.“

Das geht unter die Haut. Das ist Hoffnung. Nicht Wunschdenken, nicht Utopie, nicht Illusion, nicht Gutmenschentum (wenn ich dieses idiotische, aus der rechten Szene stammende Wort auch einmal verwenden darf). Nein, das ist „Realität“!

Warum klingt es trotzdem so – sagen wir – theoretisch? Warum passt es irgendwie nicht in unser Weltbild?

Vielleicht sind nicht diese Sätze Illusion, sondern unser Weltbild nicht weit genug, um das überhaupt wahrzunehmen? Wir müssen analysieren, fragmentieren, in kleinste Teilchen zerlegen. Und dann versuchen wir, uns ein Ganzes aus diesen Teilen zusammenzusetzen – und das wird nie funktionieren. Erst wenn die Teilchen verschwunden sind, kann sich der Blick für das Ganze öffnen.

Unser Weltbild ist an die Naturwissenschaft angelehnt, aber an die des ausgehenden 19. Jahrhunderts. „Wir fühlen, dass, selbst wenn alle  m ö g l i c h e n  wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“ (Wittgenstein, Tractatus 6.52). Naturwissenschaft kann nicht einmal fragen, was Leben ist. Wir haben das Leben aus unserem Weltbild ausgesperrt! Und jetzt wundern wir uns, dass wir nie gelernt haben zu leben. Geschweige denn, im Hier und Jetzt zu leben. Daher ist dieses „im Hier und Jetzt leben“, das auch im Westen heute so viele im Mund führen, oft nur eine Phrase. Das „hier und jetzt“ klingt gut, klingt aufregend. Aber was ist Leben?

Im Osten kreist alles um dieses Hier und Jetzt, um die Achtsamkeit dafür, um Konzentration und Meditation, die aus dieser Welt der Gegensätze, der Zeiten und Gezeiten, der zeitlichen und räumlichen Distanzen herausführen soll. Aber als Wanderer zwischen den Welten muss ich auch sagen: Da fehlt doch auch etwas. Ich spitze das Klischee etwas zu, und tue dem Osten natürlich auch Unrecht damit: In aller Konsequenz heißt das, dass der Yogi, Lama oder was und wer auch immer, am Ende in einer Höhle im Himalaya sitzt und meditiert. Meditiert für die ganze Welt – aber doch allein und in tiefer Einsamkeit.

Vor 2000 Jahren sagte in Israel – also nicht im Westen, sondern genau genommen in der Mitte zwischen Ost und West – ein gewisser Jesus: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Leben ist nicht Biologie, sondern das, was allem zugrunde liegt. Achtsamkeit für das Leben meint genau dies. Und im christlichen Verständnis ist Jesus die Personifikation des Satzes „Der Weg ist das Ziel“: Er beinhaltet die Trinität (Weg = Sohn/Christus, Wahrheit = Vater/Ursprung, Leben = Geist/Liebe), Weg und Ziel und deren Realisierung.

Und genau das ist interessant: Nicht zwei (Weg und Ziel), sondern drei (Weg, Ziel, Realisierung) bilden das Ganze. Aus der Dualität gibt es kein Entkommen. Entweder macht man die Zwei zur Eins (der östliche Weg), oder man lässt eines im anderen aufgehen (Reduktion, der westliche Weg), oder man erweitert die Zwei zur Drei (der ganzheitliche Weg). Die östliche Methode mündet im Paradox, am deutlichsten im Zen. Die westliche Methode (der Naturwissenschaft) mündet in der Kastration (nur das Materielle ist real), die mediale Methode (der Mitte zwischen Ost und West, das eigentlich Jüdisch-Christliche) mündet in der Liebe.

Liebe ist nie bloß dual, nie bloß ein Verhältnis zwischen zwei. Das auch, aber nicht nur. Es geht immer auch um das „Dazwischen“, das spürbar wird, wenn die Grenzen des Ich und Du wegfallen. Denn Liebe sprengt alle Grenzen, auch und besonders die der Liebenden. Es entsteht ein Raum der Offenheit, über den Horizont hinaus auf das Ganze. „Werd‘ ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! Du bist so schön!“ heißt es in Goethes Faust. Dieser Augenblich ist nicht die kleinste Einheit der Zeit, sondern Zeitlosigkeit, Ewigkeit. Hier und Jetzt – und das ist Liebe.

Man kann sich in diesen Zustand „hinaufmeditieren“ – das kann Jahrzehnte oder Jahrhunderte dauern. Oder man kann sich von Liebe überwältigen lassen – da kann man nicht viel dazutun, außer offen dafür zu sein – aber es kann jeden Augenblick passieren! Deswegen braucht das Christentum keine Reinkarnation.

Soweit zur Differenzierung des „östlichen“ und „westlichen“ Weges. Was aber auch gesagt werden muss: Die Trinität gibt es natürlich im Osten auch. Das angeblich so „unpersönliche“ Absolute ist im Yoga Sat-Chit-Ananda (Sein-Bewusstsein-Glückseligkeit). Und ganz ähnlich definiert Joseph Ratzinger die Trinität: Sein-Bewusstsein-Liebe. Man könnte jetzt herumtüfteln am Unterschied Ananda-Liebe, aber Ananda ist sicher nicht ohne Liebe zu haben, also erübrigt sich die Diskussion. Und ohne die Liebe ist alles nichts.

„…und die Ungerechtigkeit, die Grausamkeit oder Gemeinheit nicht ausreichen werden, um unser Leben zu zerstören.“

Eben deswegen: Leben ist Liebe – unendlich, zeitlos, unzerstörbar…

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Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
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