Wege, Umwege, Irrwege

Gestern bin ich auf einen Artikel gestoßen über „Yoga im Westen“, in dem endlich einmal der leichtfertige Umgang des Westens mit dem Yoga angeprangert wird. Yoga wird kommerzialisiert, jeder kreiert seinen eigenen Yoga, gibt diesem Unsinn einen phantasievollen Namen, der sich gut vermarkten lässt. Das Unkraut schießt ins Kraut, die ursprüngliche Pflanze ist nicht mehr zu sehen. Auch wenn oft ein Körnchen Wahrheit dahinter steckt, wen interessiert der Kern, wenn es um die glänzende Verpackung im Supermarkt der Selbstverwirklichung geht.

Beispiel gefällig: Eine der Absurditäten ist der sogenannte Bikramyoga, eine indische Bezeichnung muss ja her, die „Übersetzung“ sagt’s deutlicher: Hot Yoga! (Hot ist immer gut, das lässt so schöne Assoziationen zu). Das Yogastudio hat 40 Grad Celsius. Warum? Man spart sich das Aufwärmen! Genial! Schon das nahezu eine Erleuchtung! Und wie gesund das ist. Ich spare mir die Auflistung der medizinisch klingenden Indikationen. Ganz am Schluss der ellenlangen Liste von Krankheiten, gegen die das angeblich wirkt, steht noch „Xylophon-Spielen verbessern (wissenschaftlich nicht bewiesen)“, womit wohl (vergeblich) suggeriert werden soll, dass alles andere wissenschaftlich erwiesen ist. Da sind wir dann auch schon am Ende der Beschreibung und wissen noch immer nicht, was das mit Yoga zu tun hat. Aber man braucht ja auch keine Vorkenntnisse mitzubringen, was anscheinend auch für die „Only Bikram Trained and Certified Instructors“ gilt.

Der vielleicht wahre Kern dahinter (der den Erfindern sicher nicht bekannt ist, sonst würden sie nicht auf die dumme Bezeichnung kommen), ist die tibetische Übung des tummo. Aber tummo ist die innere Hitze, nicht die der Sauna. Als „Test“ werden die angehenden Lamas auf einen Gletscher gestellt, nackt, und müssen nasse Tücher mit ihrer bloßen Körperwärme trocknen. (Die nassen Tücher würden im Himalaya normalerweise am Körper anfrieren). Wer sich in einem Studio mit 40 Grad Wärme sogar das Aufwärmen erspart, wird nie zu einer inneren Hitze kommen!

 

Westliches Denken muss immer die Ganzheit – die die Wahrheit ist – zerbrechen. Von zwei gegensätzlichen Aussagen kann nur eine wahr sein. Dabei geht es aber um „richtig“ und nicht um „wahr“. (Und in der Logik geht es um Denkgesetze und nicht um Naturgesetze!).

Man darf asiatische Sätze nicht europäisch lesen. Etwa den Satz: „Der Weg ist das Ziel.“ Mit westlicher Logik heißt das: Du musst keinem Ziel nachlaufen, der Weg ist schon das Ziel. Was dabei herauskommt ist nicht die tiefe Einsicht, die damit gemeint war, sondern ein zielloses Herumirren. Asiatisch gelesen heißt das: Weg und Ziel sind eins, Ich verschmelze mit dem Ziel, dann ist der Weg bereits gegangen.

In irgendeinem Film gibt es die Szene, wo ein Bogenschütze sein Ziel mit präziser Genauigkeit trifft, und das durch die geschlossene Papierwand des japanischen Hauses hindurch. Er hat das Ziel also gar nicht sehen können und es trotzdem „gesehen“. Weil er eins mit dem Ziel war. Wenn ich eins mit dem Ziel bin, dann muss ich es gar nicht mehr „treffen“. Also nicht: der (westliche) Weg ist schon das Ziel, sondern wenn ich so weit bin (der Satz handelt vom – zwar vorweggenommenen – Ende des Weges und nicht von seinem Anfang), dann haben die Begriffe „Weg“, „Ziel“, „treffen“ usw. keine Bedeutung mehr. Das alles gibt es nur in der Alltagswelt. Wer diesen Satz buchstabieren kann, der lebt schon in der Alltagswelt in der Wirklichkeit „dahinter“. Und um das geht es.

Einen ähnlichen Bedeutungsverfall hat die berühmte „Selbstverwirklichung“ verstümmelt. Die kann man asiatisch sehen, die kann man in der Psychologie C.G. Jungs sehen (der ja auch eine Affinität zum Asiatischen hatte, weswegen er auch von Esoterikern schamlos missbraucht wird), aber was das westliche Denken daraus gemacht hat, ist nicht Selbstverwirklichung, sondern Ichverwirklichung – und das ist genau das Gegenteil davon. In Jungianischer Anschaulichkeit: Wenn man sich das ganzheitliche Wesen des Menschen als Kugel (wie der Kreis ein Symbol der Ganzheit) vorstellt, dann ist das Ich ein Punkt in einem kleinen bewussten Kreis auf der Kugeloberfläche. Das Selbst ist der Mittelpunkt der Kugel. (Und auch bei C.G. Jung ist das Selbst noch lange nicht das Ende der Entwicklung). Selbstverwirklichung bedeutet also, vom Ich weg in die Tiefe zu gehen. Aber wer heute von Selbstverwirklichung spricht, meint meist ein Aufblähen des Ich ins Unendliche – und nicht den Weg vom Ich weg in die grenzenlose Tiefe.

 

In dem von mir gefundenen Blog-Artikel geht es aber eigentlich darum, wie asiatisches Denken, Fühlen und Handeln im Westen ankommen kann. Der Artikel beginnt mit einem Zitat von Thich Nhat Hanh: „Der Buddhismus muss sich, um Buddhismus zu sein, der Psychologie und Kultur der jeweiligen Gesellschaft anschließen.“ Einem lebendigen spirituellen System wird das gelingen. In der Praxis muss man gestehen, dass es nicht immer so war.

Es geht nicht darum, einer anderen Kultur etwas aufzuzwingen, das wäre spiritueller Kolonialismus. Andererseits geht es von westlicher Seite nie darum, etwas Asiatisches einfach aufzusaugen und zu „konvertieren“. Was im Fall des Buddhismus ohnehin ein Anachronismus wäre, denn Buddhist ist jemand, der die „Zuflucht“ zum Buddha genommen hat, dazu muss man nicht die eigene Kultur ablegen, geschweige denn verleugnen.

Der Buddhismus hat diese Enkulturation auch schon im Osten so vorgelebt. Das Ursprungsland ist Indien. Der Buddhismus ist aber auch nach Tibet, China und Japan eingewandert, hat sich mit der dortigen Kultur verbunden und eine jeweils eigene Ausprägung angenommen. In Tibet stieß er auf die schamanistische Bön-Kultur, was zeigt, dass sogar äußerste Gegensätze vereinbar sind. Und ein größerer Gegensatz als den tibetischen und den japanischen (Zen-)Buddhismus kann man sich gar nicht vorstellen.

Der Westen hat eine viel größere Affinität zum Zen – vielen christlichen Mönchen wurde erlaubt, Zen zu lernen und zu praktizieren. Ich habe das lange Zeit nicht verstanden, bis mir klar wurde, dass es im Zen wie im Christentum nur um das Ziel geht, alles andere ist Täuschung (Zen) oder Umweg (Christentum). Jedenfalls ist für beide alles „Esoterische“ irrelevant.

Im tibetischen Buddhismus wird genau das zelebriert, was im Zen strikt abgelehnt wird. Da werden ganze Universen von Buddhas und Bodhisattvas aus dem Geist heraus geschaffen und am Ende wieder zurückgenommen (die Grundstruktur tibetischer Übungen). Aber dieses Zurücknehmen ist das spezifisch buddhistische. Also trotz der Gegensätzlichkeit nur zwei verschiedene Wege.

 

Womit wir aber beim Christentum wären: Das war eigentlich Meister der Enkulturation. Paulus hat es als Jude und römischer Bürger, der in der jüdischen wie in der griechischen Kultur zuhause war, meisterhaft geschafft, das Hebräische in die griechische Sprache (und Kultur) zu übertragen, und dabei den Ursprung zu bewahren und sogar zu akzentuieren. Nur dadurch (und durch die spätere Unterstützung Konstantins) konnte das Christentum eine Weltreligion werden. Als es dann auch noch die Grenzen des römischen Reichs überwand, folgte die zweite – und noch viel erstaunlichere – Enkulturation: nämlich in die germanische Welt. Erstaunlich deshalb, weil die viel einfachere germanische Sprache gar nicht geeignet war, die christlich-griechische und philosophische Komplexität auszudrücken. Letztlich wurde auch dies zu einer neuen und fruchtbaren Verbindung zweier Kulturen.

 

Man kann die westliche und die östliche Kultur als zwei komplementäre Systeme auffassen, die wie Yin und Yang zu einem Ganzen zusammengehören: Der Westen ist nach außen gerichtet, der Osten nach innen. Der Westen erobert die Welt, erfindet die Naturwissenschaft, der Osten erobert die innere Welt, erfindet die Meditation, das in die eigene Mitte gehen. Das sind aber auch nur Schablonen. Es gibt im Westen wie im Osten beides. (Wer sich je mit buddhistischer Logik beschäftigt hat, weiß, wovon ich rede). Und es gibt nichts im Yoga, und wäre es noch so extrem, das es nicht bei uns auch gegeben hätte. Sogar das chinesische Meridian- und Chakrensystem wurde im Westen (im Umkreis der Alchemie) ebenfalls „erfunden“.

Und man kann diese Komplementarität auch auf den Lebensweg umlegen, was C.G. Jung ja getan hat. Die erste Lebenshälfte ist geprägt vom Weg nach außen (Familie, Beruf, Gesellschaft, Wirtschaft), die zweite Lebenshälfte vom Weg nach innen (Besinnung, die eigene Mitte finden, Meditation, an den Horizont gehen). Zuerst wird das Ich aufgebaut, dann muss es losgelassen werden. Wobei das erste Voraussetzung des zweiten ist, das darf man auch nicht vergessen. Nur dass die westliche Kultur in der ersten Bewegung stecken geblieben ist, daher auch die Sehnsucht nach der asiatischen Ergänzung, die vor allem die zweite Bewegung betont.

Als in den 1960er und 1970er Jahren eine Yogawelle losbrach, sind viele nach Indien aufgebrochen. Die meisten haben dort nichts gefunden, und was sie gefunden haben, war oft bereits kommerzialisiert, oder sie haben das Gefundene mit der eigenen Phantasie überdeckt und begraben. Was man heute findet, wird in dem erwähnten Blog-Artikel wunderbar dargestellt. Was man findet, sind meist Sackgassen und Irrwege.

Was tun, wenn man sich ernsthaft mit asiatischer Kultur beschäftigen will?

1. Zunächst sollte man sich bewusst sein, dass es nicht darum geht zu „konvertieren“, sondern die Grenzen der eigenen Kultur zu erweitern und zu bereichern.

2. Dann sollte man sich bewusst sein, dass man nicht nur auf andere Sprachen, sondern auf andere Weltbilder stoßen wird. Bücher, die nur die Worte übersetzen (Nirvana, Samadhi usw.), sind wertlos, es geht nicht um die Übersetzung, sondern um die Bedeutung, den Sinn. Dazu muss man nicht die Sprache kennen, sondern sich in die Kultur und das Weltbild einleben. Und das dauert. Man stelle sich auf Jahrzehnte ein.

3. Man sollte nie die eigenen Wurzeln vergessen. Wir sind in unserer Kultur aufgewachsen, wenn wir die über Bord werfen, sind wir nicht frei, sondern entwurzelt. Innere Freiheit ist etwas ganz Anderes.

4. Man wechselt nicht in ein anderes Weltbild, sondern lernt im Idealfall, mit verschiedenen Weltbildern zu „jonglieren“. Die Asiaten wissen seit jeher, dass es verschiedene Weltbilder gibt, die auch wenn sie gegensätzlich sind, alle wahr sein können. Daher gibt es z.B. sehr gute und erfolgreiche japanische oder indische Physiker. Nur der Westen glaubt immer noch, es gäbe nur ein „richtiges“ Weltbild.

5. Wer das begriffen und gelebt hat, wird nicht nur lernen, in einem anderen Weltbild „zuhause“ zu sein, sondern wird aus dieser Außensicht die eigene Kultur besser verstehen lernen. Er wird die Gemeinsamkeiten wie die Differenzen kennen. Er wird die Einheit erkennen, ohne die Verschiedenheit zu leugnen.

6. Kleine Nachbemerkung: Es ist auch in Indien nicht alles Yoga, was glänzt. Im Gegenteil, es ist heute sicher noch schwieriger geworden, das Authentische zu finden, wenn es das noch geben sollte. Und außerdem: Wie viele Christen verstehen das Christentum nicht? Dass alle Inder den Yoga und alle Tibeter und Japaner den Buddhismus verstehen, ist ebenso eine Illusion. Ich wage zu behaupten, dass ein Lama Anagarika Govinda den Buddhismus mehr verstanden und gelebt hat als die meisten Tibeter. Und der stammte aus Bayern.

 

Das ist es, was wir heute (nicht) brauchen: keinen spirituellen Kolonialismus, kein gedankenloses Konvertieren, sondern eine neue Synthese – aber ohne in die Falle des Synkretismus zu gehen. Davor sei am Schluss dieser Gedanken eindringlich gewarnt: Die heutige Mode, sich seine eigene Religion zu schaffen, indem man von überall nur das nimmt, was einem zusagt, ist ein primitiver Holzweg! Das fragmentierende westliche Denken verführt zwar dazu, von überall nur Fragmente zu nehmen und sich ein eigenes „Ganzes“ zu bauen. Das wird aber immer einseitig bleiben, weil man die unangenehmen Seiten nicht mitnimmt, die aber immer dazugehören.

Religionen sind vieles, aber sie sind nie bequem. Wer es sich bequem macht, bleibt auf dem Ego sitzen, bläht es nur ins Unendliche auf, ohne die Unendlichkeit je zu erreichen. Wer sein Ego pflegt und es nicht einmal bis zum Selbst schafft, wird nie über den Horizont schauen…

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Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
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