Vom Ego zu Gott, zum Atman, zum Nirvana

In den üblichen Denk-Schablonen ist das Christentum monotheistisch, der Hinduismus mit seinen über 300 Mio. „Göttern“ ist polytheistisch und der Buddhismus ist keine Religion oder eine Religion ohne Gott. Das ist genauso anschaulich wie grundfalsch.

Der Buddhismus ist eine rein pragmatische Religion mit einem gehörigen Schuss Psychologie. Es geht um das Loslassen des Ich, des Ego, um das Lösen der Anhaftung an die Welt, und auf diesem Weg wird unterwegs auch das bloß rationale Denken transzendiert. Es wird damit sinnlos, über das zu sprechen, was „danach“ kommt. Begriffe kreisen wie die Welt der Objekte immer um ein Etwas. Das, worum es wirklich geht, ist kein Etwas, nichts Dingliches, eigentlich Nichts (Nicht-Etwas). Alles was sich sagen lässt ist, dass das Ich dann längst verloschen und transzendiert ist. Deswegen spricht der Buddhismus vom Nirvana, was nicht Nichts, sondern Verlöschen bedeutet. Der Buddha hat sich geweigert, über dieses Nicht-Etwas zu reden, weil jedes Reden darüber sinnlos ist.

In der angeblich polytheistischen Religion des Hinduismus fassen z.B. die Upanishaden zusammen, dass es ein einziges Prinzip gibt, das in und hinter allem steht. In der Welt der Vielfalt ist nicht nur alles mit allem verbunden, alles ist Einheit. In der Terminologie der Upanischaden ist diese Einheit Brahman, das zugleich immanent und transzendent ist. Es ist die Welt und zugleich jenseits der Welt. Es kann daher auch keine Eigenschaften haben, nichts was wir benennen könnten, nicht dies, nicht das.

Thomas von Aquin würde ergänzen: „…und das ist es, das alle Gott nennen.“ Gott ist ein genauso offener Begriff wie Brahman oder Nirvana. Es gibt im Christentum die viel zu wenig beachtete negative Theologie, die auch nichts anderes aussagt, als dass man von Gott nichts aussagen kann. Denn das, was wir nicht wissen, übersteigt unendlich alles, was wir je wissen können. Auch der christliche Gott ist immanent (in der Schöpfung) und transzendent („jenseits“ und unendlich viel mehr). Und auch der Mensch ist unendlich viel mehr als Mensch. Gott ist der Seelengrund (Meister Eckehart) im Innersten jedes Menschen. „Gott ist mir innerlicher als ich es mir selbst bin.“ (Augustinus). Dieses Innerste im Menschen ist das Göttliche.

Oder: Atman ist Brahman. „Nicht ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ (Paulus). Das Ego verlischt, der Tropfen geht im Meer auf. Übrigens ein Bild, das meist missverstanden wird. Der Tropfen „verschwindet“ nicht, löst sich nicht auf. Aber es ist sinnlos, vom Meer ohne Tropfen oder von den Tropfen ohne Meer zu sprechen. Das Entscheidende ist: Der Tropfen ist nicht mehr isoliert wie in der Welt. Es gibt keine Begrenzung mehr. Das ist gemeint, wenn die Rede ist von Gott, vom Brahman, vom Nirvana, vom Nichts als Nicht-Etwas. Die grenzenlose, raum- und zeitlose Wirklichkeit, die hinter allem, auch hinter den alltäglichen Dingen und Beziehungen steht.

Eines ist es, an den Begriffen zu hängen, dann ist Gott nicht Allah, nicht Brahman, nicht Nirvana, nicht Nichts, nicht Nicht-Etwas. Das andere ist, eine Erfahrung oder zumindest eine Ahnung zu haben von der hinter allem stehenden Wirklichkeit, dann werden alle Begriffe nebensächlich.

 

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Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
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5 Antworten zu Vom Ego zu Gott, zum Atman, zum Nirvana

  1. ladysmartypants schreibt:

    Wirklich ein hochinteressanter Artikel – Respekt 🙂

  2. Robert Harsieber schreibt:

    Danke! Und liebe Grüße!

  3. Matthias Mala schreibt:

    … und wir bleiben beim Etwas. Auch mit der hinter allem stehenden Wirklichkeit, behaupten wir noch etwas. Solange wir aber etwas behaupten, und sei es nur das wir nichts behaupten, sind wir in uns begrenzt.

  4. Paula Grimm schreibt:

    Guten Tag,

    herzlichen Dank für Arbeit an diesem gut geschriebenen und interessanten Blog!

    Liebe Grüße

    Christiane (Texthase Online)

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