Gesellschaft für kritisches(?) Denken

Die „Gesellschaft für kritisches Denken“ (GkD) vergab heuer zum dritten Mal „Das Goldene Brett vorm Kopf“. Mit dem Schmähpreis soll auf herausragenden pseudowissenschaftlichen Unsinn hingewiesen werden, was ja durchaus positiv ist. Aber man darf umgekehrt auch fragen, ob die angewendeten Kriterien selbst einem kritischen Denken standhalten?

2013 ging der Preis an die „Homöopathen ohne Grenzen“, der Preis für das Lebenswerk an den Arzt, Psychotherapeuten Rüdiger Dahlke. Aber auch wenn das z.T. stimmen mag, sollte, wer wirklich kritisch denkt, sich mit diesen Themen differenziert auseinandersetzen und sie nicht einfach als Unsinn abqualifizieren, was den Verdacht aufkommen lässt, dass es auch hier mehr auf das „Bauchgefühl“ denn auf Wissenschaftlichkeit ankommt.

Dass es unseriöse Homöopathen gibt, steht ja außer Zweifel, seriöse Homöopathen (deren Existenz wir hier unterstellen) werden ihren Patienten eben nicht die notwendigen schulmedizinischen Therapien vorenthalten, sondern Homöopathie komplementär und nicht alternativ einsetzen. Wichtig wäre es, den Glaubenskrieg (der beide Seiten betrifft) fallenzulassen und sich dem Thema anzunähern. Dabei wäre zuallererst zu klären, wie man an das Thema herangehen kann. Nur zu sagen, die Studien entsprechen nicht dem schulmedizinischen Standard (der ja auch kein Idealzustand ist), widerspricht der Methodenadäquatheit, die man fordern müsste, wenn nicht derartigen Aussagen selbst Unwissenschaftlichkeit vorgeworfen werden soll. Wir sollten heute bemerkt haben, dass unsere Welt komplex ist, und einfache, undifferenzierte Aussagen nicht zeitgemäß sind.

Wissenschaft und Pseudowissenschaft

Die Wiener Skeptiker, wie sie sich auch nennen, beschäftigen sich mit Pseudowissenschaft, Parawissenschaft, Esoterik und Scharlatanerie – nicht aber mit Pseudowissenschaft in der Wissenschaft. Der Präsident, WU-Professor Ulrich Berger, musste sich denn auch gegen einen Einwand auf facebook wehren, den er aufs schärfste zurückweisen wollte: „Berger kennt sich aus in Pseudowissenschaften, denn er ist als Wirtschaftswissenschaftler nicht ganz fachfremd!“ Tatsache ist, dass Naturwissenschaft und Wirtschaftswissenschaft zwei verschiedene Paar Schuhe sind.

Der Begriff Wissenschaft ist nicht so klar wie durch die Gesellschaft dargestellt. Unter den Nominierungen fällt auf, dass hier reine Scharlatanerie neben Pseudowissenschaft neben wissenschaftlichen Instituten stehen, die sich etwa mit Homöopathie auseinandersetzen. Letztere haben aber nicht die Aufgabe, aus dem Bauch heraus zu bestimmen, was Unfug ist, sondern sich mit den Dingen wissenschaftlich zu beschäftigen. Ebenso werden Medien nominiert, deren Aufgabe es ist zu berichten. Hier wird suggeriert, dass die Alternative ist, nicht mehr zu berichten, die journalistische Alternative wäre aber, seriös zu berichten.

Ebenso ist es journalistisch heute kaum möglich, das Thema „Impfen“ aufzugreifen, weil es fast nur fanatische Impfgegner und ebenso fanatische Impfbefürworter gibt. Eine wirklich seriöse Darstellung wird damit kaum möglich. Der Vorwurf müsste hier an beide Seiten gehen. Eindeutigkeit ist ein logisches Kriterium, das aber im Bereich des Lebendigen nicht uneingeschränkt gilt.

Pseudowissenschaft innerhalb der Wissenschaft

Gerade die Medizin ist ein wunderbares Beispiel für Pseudowissenschaft auf beiden Seiten. Die eine Seite ist mit einigen Nominierungen vertreten, die andere Seite erstaunlicherweise gar nicht. Dabei hat sich die wohl größte Chuzpe der Medizin nicht außerhalb sondern innerhalb der „naturwissenschaftlichen“ Medizin zugetragen. Als das Märchen von der Vogelgrippe auftauchte, verstand es eine einzige Firma, mit einem Medikament, von dem man bis heute nicht weiß, ob es wirkt, wie dargestellt, Studiendaten werden nicht veröffentlicht usw., die gesamte Welt um den Finger zu wickeln. Die Medien verbreiteten (meist bezahlte) Artikel, jede Ente, die aus Altersschwäche vom Himmel fiel, wurde als gefährliche Bedrohung denunziert. Und das Theater funktionierte anlässlich der Schweinegrippe noch einmal. Wobei man weiß, dass die Schweinegrippe um eine Zehnerpotenz weniger Tote verursacht hat als die normale Grippe, über die sich niemand aufregt, also eigentlich ein Segen war. Die Welt saß auf Tonnen von Tabletten und Pulver, dessen einziges Problem die Entsorgung ist. Wäre das nicht ein „Goldenes Brett“ wert?

Diskussion fördern statt abwürgen

Wer sich „Gesellschaft für kritisches Denken“ nennt, müsste auch zusehen, dass Diskussionen nicht abgewürgt, sondern seriös geführt werden dürfen. Der müsste auch auf wissenschaftliche Mängel z.B.  innerhalb der „naturwissenschaftlichen Medizin“ hinweisen. Etwa dass sich die Evidence based Medicine selbst ad absurdum führt, wenn sie von der Pharmaindustrie bezahlt wird, die ihre Interessen vertritt, die unliebsame Ergebnisse nicht publiziert, die Wissenschaftler dazu verführt, die gewünschten Ergebnisse hervorzubringen (dazu gibt’s eine US-Studie). Und die mit (an sich legalen) statistischen Tricks wie einer relativen Risikoreduzierung (die ziemlich nichtssagend ist) Ergebnisse vorzutäuschen pflegt.

Wer sich „Gesellschaft für kritisches Denken“ nennt, müsste auch differenzieren zwischen Naturwissenschaft und Wissenschaft, denn die sogenannten Geistes- oder Kulturwissenschaften sind ja nicht per se unwissenschaftlich.

Die Anregung, das und noch mehr zu diskutieren, ist das Verdienst der Skeptiker, die ihnen nicht hoch genug anzurechnen ist.

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Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
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