Migrationsstress in Österreich

Die Plattform Christen und Muslime hat am 7. Oktober den Pastoraltheologen Paul M. Zulehner eingeladen, seine Studie über Migration in Österreich vorzustellen: Muslime und Muslimas im Stress der Integration.

Vorweg: Es war eine hochinteressante Präsentation, die Paul Zulehner noch mit persönlichen Gedanken anreicherte. Im Publikum saßen wieder einmal christliche PensionistInnen muslimischen Jugendlichen gegenüber. Auch das sollte uns etwas sagen…

Die medial indoktrinierte Meinung besagt, dass der Islam zur Belagerung Europas ansetzt und 2015 die Mehrheit in der Bevölkerung stellen wird. Dem steht die Realität gegenüber. Solch dümmliche Hochrechnungen können wir getrost vergessen. Der Islam in Europa wird sich wandeln und die Kinderzahl wird mit steigender Bildung, wie überall auf der Welt, abnehmen. Nur so viel zur medialen Verunsicherung.

Starke Religiosität bei abnehmender Bindung an die Gemeinschaft

Verglichen wurden die erste und zweite Generation der Migranten. Was die Säulen des Glaubens betrifft (Gebet, Glaubensbekenntnis, Fasten, Almosen, Wallfahrt), ändert sich nichts, es gibt sogar einen hauchdünnen Anstieg. Der wöchentliche Moscheegang hat sich allerdings nahezu halbiert. Die Religiosität der Muslime macht denn auch den glaubensschwachen Christen Angst, die Gemeinschaft verliert aber an Attraktivität, genauso wie die der Kirche.

Es kristallisieren sich drei Typen von Muslimen in Österreich heraus: die Praktizierenden, die Offenen und die Säkularen. Und da kann man durchaus von einer Anpassung reden, nicht an die Kultur, aber an die Mentalität. Praktizierend sind 100 % der älteren Generation, aber nur mehr 40 % der unter 40-Jährigen. Die Praktizierenden nehmen ab und die Säkularen zu. Und dann kommt ein brisanter Punkt: Die Mehrheit der Praktizierenden ist sehr autoritär oder autoritär. Es ist ja bekannt, dass Autoritarismus (= Unterwerfungsbereitschaft) mit dem Glauben korreliert. In der 2. Generation nimmt denn auch die Unterwerfungsbereitschaft genauso ab wie der Glauben. Und das ist ein Charakteristikum der Moderne.

 Autoritarismus/Unterwürfigkeit und Glaube

Zwischengedanke: Wenn Autoritarismus/Unterwerfungsbereitschaft und Glauben zusammenhängen, dann kann ich das nicht anders interpretieren, als dass Christen in 2000 Jahren und Muslime in 1400 Jahren ihre eigene Religion noch immer nicht verstanden haben. Aufgabe der Religion ist es, die Menschen aus vielfältigen Abhängigkeiten heraus (Exodus) hin zur Freiheit, Verantwortung und Selbstbestimmung zu führen (Paulus: „Zur Freiheit hat euch Christus befreit“).

Paul Zulehner: Die österreichische Kultur bestand immer darin, aus verschiedenen Kulturen etwas Neues zu machen. Seine optimistische Vision ist, dass in Zukunft Christen und Muslime in Österreich voneinander lernen und in einem gemeinsamen Weg eine neue Kultur schaffen.

Interpretation: Wenn sowohl Christen als auch Muslime ihre eigene Religion verstehen lernen, dann haben sie bereits etwas Neues geschaffen. Wenn sie dann noch Hand in Hand weitergehen, kann noch einmal was Neues entstehen!

Frauen sind den Männern weit voraus!

Der vielleicht interessanteste Befund ergibt sich, wenn man sich Frauen und Männer getrennt ansieht. Sehr autoritär sind 50 % der Männer der 1. Generation, in der zweiten sind es nur mehr 31 %. Das wäre schon beeindruckend. Aber bei den Frauen sind schon in der 1. Generation nur 35 % autoritär/unterwerfend, in der zweiten sind es nur mehr 6 %! Das Bild der unterdrückten muslimischen Frauen ist – zumindest für Österreich – ein Märchen. Die Frauen sind den Männern um Längen voraus – was ja auch bei den Inländerinnen nicht viele anders ist. Dass das bereits auf die 1. Generation zutrifft, ist wohl ein Nachhall der Tatsache, dass auch die Revolution in den arabischen Ländern immer mehr von Frauen beeinflusst wird. In der Diskussion kam dann noch das Problem zur Sprache, dass es für Muslimas zunehmend schwieriger wird, gleichgesinnte Männer zu finden. Wobei Zulehner lapidar hinzufügte, das sei auch bei uns so.

Was die Geschlechterrollen betrifft, sind die Muslime und Muslimas den ÖsterreicherInnen überraschenderweise weit voraus! Bei den Männern denken 68 % der ersten und nur mehr 28 % der zweiten Generation traditionell. Bei den Frauen sind es naturgemäß (sie leiden ja darunter) 13 % der ersten und 6 % der zweiten Generation. Modern denken 6 % der ersten und 43 % der Männer der 2. Generation. Bei den Frauen sind es 15 % der ersten und 50 % der 2. Generation. „Solche Werte“, bekräftigt Paul Zulehner, „finden Sie bei den Österreicherinnen nicht!“

In der Jugend nimmt der Autoritarismus wieder zu!

Der wohl beunruhigendste Befund aber ist die Statistik über den Autoritarismus in Österreich 1970 – 2010: Während dieser bei den ab 30-Jährigen (der Gesamtbevölkerung) kontinuierlich sinkt, nimmt er bei den unter 30-Jährigen bis Anfang der 90er Jahre ab und steigt dann wieder erschreckend an! Von 1970 – 1990 fällt der Wert von 62 % auf 29 %, um dann bis 2010 wieder auf 37 % zu steigen. Das ist gut für die FPÖ, aber eine Katastrophe für Österreich!

Zur Integration in Österreich: Naturgemäß ist die Mehrheit der österreichischen Bevölkerung (72 %) der Meinung, Muslime sollten „ihre ursprüngliche Kultur bewahren können, solange sie nicht in Widerspruch zu dem steht, was in der österreichischen Gesellschaft üblich ist.“ Dem stimmt auch die Mehrheit (51 %) der Muslime der 1. Generation zu. In der 2. Generation sind es nur mehr 25 %, während 65 % ihre ursprüngliche Kultur bewahren und auch in Österreich ohne Abstriche leben wollen, auch dann wenn sie im Widerspruch zu dem steht, was in der österreichischen Gesellschaft üblich ist. Das ist nicht unbedingt eine Radikalisierung, Zulehner interpretiert das als zunehmendes Selbstbewusstsein der Muslime, die Voraussetzung dafür ist, dass Christen und Muslime in Zukunft voneinander lernen können.

Kulturchristentum in Österreich

Die politische Diskussion in Österreich wird derzeit von den sogenannten „Kulturchristen“ („Europa ist eine christliche Kultur“) vereinnahmt. Zulehner unterscheidet hier die kämpferischen, die friedlichen und die dialogbereiten Kulturchristen, die er auch nach Parteizugehörigkeit untersucht hat. Und da ist interessant, dass die FPÖ zwar einen hohen Anteil an kämpferischen Kulturchristen (mit einem vorwiegend negativen Bild des Islam) hat, dass aber sogar unter FPÖ-Wählern 23 % Friedliche und 33 % (!) für einen Religionsdialog sind! Das sollte einem Strache zu denken geben!

Bei den Muslimen selbst sind 55 % der praktizierenden, 30 % der offenen und 37 % der säkularen Muslime für einen Religionsdialog! Das sind weit mehr als in der christlichen Bevölkerung. Auch das sollte den ÖsterreicherInnen zu denken geben. Unser Bild des Islam, unser Bild der Mulsime und vor allem der Muslima ist stark renovierungsbedürftig!

Das christliche Europa

Den Kulturchristen sei gesagt, dass Europa eine 800 Jahre lange muslimische Geschichte hat – Stichwort Andalusien, aber auch Süditalien. Wissenschaftssprache war damals Arabisch, die moderne Wissenschaft wäre undenkbar ohne diese Geschichte. Ohne arabische Übersetzungen hätten wir vielleicht Aristoteles vergessen oder erst viel später mit anderen Übersetzungen in unser Weltbild eingebaut. So sind die Wurzeln Europas griechisch-römisch, jüdisch-christlich und auch ein wenig arabisch-muslimisch. Es ist niemandem geholfen, wenn wir das weiterhin verdrängen.

Advertisements

Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, Spiritualität, Uncategorized abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Migrationsstress in Österreich

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s