„Im Griff der Medien“

Zwischen Macht und Ohnmacht. Journalisten: Vom Gewissen der Nation zu Sklaven moderner Ausprägung. Medien: Am Gängelband der Politik oder Politiker vor sich hertreibend. Leser: Informiert oder gehirngewaschen.

Wer immer noch an den „objektiven“ Journalismus glaubt, der bloß Tatsachen berichtet, der ist nach Lektüre dieses Buches geheilt. „Im Griff der Medien“ von Klaus Emmerich ist ein Buch über die Zeitgeschichte, vor allem über den „Zeitgeist“, der in erschreckendem Maße von den Medien mitgeschaffen wird. Allerdings innerhalb eines Geflechts von Politik, Wirtschaft, Personen und eben Medien. Die Stärke des Buches ist es, dieser Komplexität nicht aus dem Weg zu gehen. Die kurzen, prägnanten Kapitel sind wie Perlen aufgereiht, die Sprache so dicht, dass andere mehrere Bände daraus gemacht hätten.

„Sie (Herr und Frau Normalverbraucher) ahnen nicht und sie reflektieren nicht, dass und wie sie von den Medien mental beherrscht und gelegentlich missbraucht werden.“ Nicht nur die Angesprochenen sind heillos überfordert, auch die Player im gesellschaftlichen Reigen, von den Journalisten bis zu den politischen Lenkern der Staaten. Das ist bedenklich in einer globalen Krise, in der die vielleicht gewichtigste Seite, nämlich die völlige Abhängigkeit der USA von China, geflissentlich ausgeblendet wird.

Nichts als die „Wahrheit“ …

Der Kampf um die Macht wird in Worten ausgetragen, das gilt besonders für den Boulevard: „Zeilen, die schlagen, Sprache, die trifft, Bilder, die reizen, Kommentare, die verletzen, und Anzeigen, die tragen…“ Alles im Namen der Meinungs- und Pressefreiheit. Dass diese mit Moral und Ethik auch etwas zu tun hat, bleibt unter dem Teppich. „Pressefreiheit ist nicht Narrenfreiheit.“ Dem entgegen kommt, dass die meisten Zeitgenossen sich des üblen Geflechts nicht bewusst sind und alles Geschrieben für bare Münze nehmen. Aber wer sollte es ihnen verübeln, wenn schon die Geschichtsschreibung voll ist mit Fälschungen und Verdrehungen, einseitigen Darstellungen und großzügigem Umgang mit der Wahrheit? Auch zu diesem Thema gibt es ein Kapitel im Buch. Und „nicht wenige Redaktionen übertreffen den Lügenbaron Münchhausen täglich, wissentlich und – leider – gewinnbringend“.

Ein zweischneidiges Schwert ist der sogenannte investigative Journalismus, eine Art gesellschaftlicher Müllabfuhr, Aufklärungsjournalismus, wobei die wahren Motive der Aufklärer oft im Dunkeln liegen. „Aufgespürt, hochgeschrieben und vorverurteilt durch unerbittliche Aufklärer im journalistischen Gewand.“ Die Summen für das Geschriebene halten sich die Waage mit den Summen dafür, dass etwas nicht geschrieben wird. „Methoden der Mafia lassen grüßen, Erpressung eingeschlossen.“

Medien machen Politik, Politiker regieren Medien

Ebenso trauriges Kapitel: der Boulevard an sich, „Bild“ und „Krone“ als Haupttäter. „Beide füttern die Neidgenossenschaft und ermuntern klischeehaft die Niedertracht im Allgemeinen der Gesellschaft und im Besonderen der Nachbarschaft.“ Themen werden vorgegeben oder – ebenso wichtig – unterschlagen, Aufmerksamkeit gezielt gelenkt, willkommen im Bewusstseinsgeschäft. „Gedrucktes Wissensdefizit.“ Am Beispiel Kronenzeitung zeigt Emmerich, wie eine „tendenziöse Mentalitätssauce aus Lokalpatriotismus, Fremdenhass, Obrigkeitsverweigerung, Bürgerschutz und Rechthaberei, oft im Stil der Ottakringer Stegreifbühne Zauner“ die Leserschaft manipulativ berieselt. Politiker wissen, was sie der „Krone“ schuldig sind. Ziemlich riskant, denn zum Geschäftsprinzip gehört, einzelne Politiker, Parteien oder Interessengruppen gegeneinander auszuspielen. Was die „Frankfurter Allgemeine“ einmal veranlasst hat, Hans Dichand als „den wahren Herrn der Alpenrepublik“ zu bezeichnen. Im Kielwasser der „Krone“ laufen heute in Österreich die Gratiszeitungen „Heute“ und „Österreich“, die schon so manchen „medialen Dachschaden“ zu verantworten haben.

Wenn hier ein Mann, Hans Dichand, jahrzehntelang die Massen manipuliert und die Politik vor sich her getrieben hat, so ist die Situation im öffentlichen Rundfunk umgekehrt, da regiert die Politik ganz ungeniert in das Medium hinein. Nicht nur in Österreich, auch in Deutschland sind „parteipolitische Dominanz, Proporzdenken und interne Spitzeleien“ an der Tagesordnung.

Ein ganzer Berufsstand überfordert

In der heutigen Wirtschaftskrise erweisen sich nicht zuletzt die Medien, wie auch die Politiker, als heillos überfordert. Emmerich stuft ihre Rolle als blamabel ein. „Zu spät, zu oberflächlich, zu reißerisch, zu wenig erklärend und allzu oft im Schlepptau der Politik, auch jener der EU in Brüssel.“

Beinahe tragisch, wenn in diesem Geflecht der Berufsstand der Journalisten wirkt, dessen Berufsbild verschwommen, dessen Ausbildung unübersichtlich, das Fachstudium ausufernd, und dessen Laufbahn und Karriere meist zufallsbedingt ist.Was einen Journalisten ausmacht, so Emmerich, ist nicht auf der Uni zu erlernen. Wenn die Zahl der Journalisten – im Gegensatz zu ihrem Einkommen – steigend ist, und die überwiegend freien Journalisten nicht selten wie moderne Sklaven behandelt werden. Rundfunk und Fernsehen zeichnen sich durch inhaltliche Farblosigkeit aus, auch in Zeiten des Farbfernsehens.

Qualität – noch und jetzt erst recht…

In diesem verschwommenen Geflecht muss Qualität ein Inseldasein führen, lässt sich aber auch nicht gänzlich unterdrücken. „Bis heute hat journalistische Qualität erfreulicherweise immer noch solide Chancen, am allgemeinen Bewusstsein zu arbeiten.“ Als positive Beispiele nennt Emmerich die „FAZ“ oder „The Economist“. Und neuerdings springen private Sender ein, wenn es um den Bildungsauftrag des Fernsehens geht. Erfreulich, dass „Müllfernsehen“ manchmal schon den Kürzeren zieht und „Selbstbestimmung alles in allem neuerdings doch mehr als eine Worthülse“ ist.

Ganz in diesem Sinne das P.S. des Autors: „Wenn Sie nach der Lektüre meiner Arbeit auch der Meinung zuneigen, dass wir mit den Medien und durch sie manipuliert werden – dies in schier unvorstellbarem Ausmaß –, sind Vorsicht und Widerspruch fällig. Schließlich hat der Bürger mehr Möglichkeiten als er glaubt.“

Klaus Emmerich: „Im Griff der Medien. Wie unser Bewusstsein manipuliert wird“, Projekte-Verlag, Edition Ammonit, 2012

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Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
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