Trauerfall Füchtlings-Camp und Votivkirche

Asylwerber legen einen Protestmarsch hin, campieren im Park, verlegen die Aktionen inklusive Pressekonferenz in die Votivkirche, und es braucht die Caritas, um der Welt zu zeigen, was „christlich“ bedeutet. So unerfreulich das ist, die Ereignisse machen wenigstens einiges in Österreich transparent.

Der „Fall“ macht jedenfalls einiges sichtbar:

1. Asylwerber, die mehrere Jahre (nicht selten zweistellig) in Asylheimen leben, aber nicht arbeiten dürfen, wollen auf ihre (Menschen-)Rechte aufmerksam machen. Versuchen Sie einmal, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn Sie zehn Jahre nicht arbeiten dürften, und hören Sie sich dann die Vorwürfe an, Sie wären arbeitsscheu. Und das vor dem Hintergrund traumatischer Erlebnisse, vor denen Sie geflüchtet sind. Realistisch bleiben in so einer Situation nur zwei Möglichkeiten offen: die Psychiatrie und/oder das Kriminal.

2. Im Sommer ist der Sigmund-Freud-Park voller Studenten, jetzt im Winter voller Flüchtlinge – für die Bevölkerung macht das nicht viel Unterschied. Für die Regierung erst recht nicht. Die Asylwerber wollten auf ihre Probleme aufmerksam machen, das ist im Freien nicht gelungen.

3. Also „besetzen“ sie die Votivkirche. Dass der Pfarrer die Nerven verliert, ist ok. Auch Pfarrer sind Menschen, und so klar ist die Situation auch nicht. Wer steckt dahinter, wer will die Situation instrumentalisieren usw.? Gedanken, die man auch nicht einfach wegschieben kann.

4. Jemand muss Licht ins Dunkel bringen, und das ist, wie so oft, die Caritas, die institutionalisierte Praxis des Christentums. Caritas-Sprecher Klaus Schwertner: „Die Kirche ist ein Schutzort.“ Die Kirche ist – wo sie ihre Aufgabe erfüllt hat – für die Armen, Schwachen und Rechtlosen eingetreten. Das Christentum in Form der Caritas wird – im Gegensatz zur Kirche – allgemein anerkannt, auch von Atheisten. Schwertner gelingt es, eine vernünftige und christliche Lösung zu finden. Caritasdirektor Michael Landau und Bischofsvikar Dariusz Schutzki als Vertreter der Erzdiözese erklärten sich solidarisch mit den Flüchtlingen.

5. Wir leben im „christlichen Abendland“. Diejenigen, die das lautstark behaupten, toben sich in Online-Foren der Zeitungen aus – und beweisen damit das Gegenteil – nicht nur in der Krone, sondern auch in den sogenannten Qualitätsmedien. Den erbärmlichen  Inhalt erspare ich mir. Apell z.B. an den Standard: Dreht doch endlich diese ultrarechten Kampfposter ab! Das wäre nicht Zensur, sondern ein Statement.

6. Spätestens seit Schüssel agieren unsere Regierungen, als wäre Strache Bundeskanzler. Das ist nicht nur ein Liebäugeln mit einer (pseudo-)faschistischen Wählerschicht, sondern eine Verarschung der Österreicher/innen insgesamt. So wie uns gewisse Medien für seit Jahrzehnten dumm verkaufen, so auch unsere Regierungen. Wie in der Krone, so auch in der Politik. Politik auf Krone-Niveau. Das ist aber das Letzte, was wir heute brauchen.

7. Hier kann nur jemand vermitteln, der nicht reduzierte Interessen, sondern den ganzen Menschen vertritt. (Hausaufgabe: Wer tut das wirklich?). Als solche muss sich die Kirche wieder profilieren. Glaubwürdig kann das derzeit nur die Caritas, aber langfristig muss die Kirche wieder dahin kommen und für Menschlichkeit, Solidarität, Verantwortung, Freiheit, Unabhängigkeit, Ethik usw. eintreten. Das Christentum ist keine Moralreligion, sondern eine Beziehungsreligion – und da ist die Beziehung zu den Menschen eingeschlossen.

8. Die Kirche war früher ein Zufluchtsort. Wer sich in die Kirche gerettet hatte, war vor Nachstellungen, auch des Staates, sicher. Staat und Kirche sind (endlich) getrennt, das heißt aber nicht, dass die Kirche keine politische Mission hätte. Sie kann und muss durchaus auf Missstände hinweisen und auch (wie in diesem Fall) so etwas wie „Zivilcourage“ zeigen und  damit Vorbild für ein (kommendes, nicht vergangenes) christliches Europa sein. „Christlich“ aber nicht im konfessionellen Sinne, sondern im Sinne von Menschlichkeit, Verantwortung und Solidarität. Wir vergessen ja allzu leicht, dass das alles Begriffe aus dem christlichen Horizont sind. Wobei die Kirche nicht ganz unschuldig ist an dieser Unwissenheit.

9. Wir können nicht zu Weihnachten das Evangelium von der Herbergssuche lesen und im Advent die Augen verschließen vor den Flüchtlingen in den Zelten und in der Kirche.

10. Falls es jemand aufgefallen ist: Nicht nur Naturkatastrophen wie Erdbeben, Überschwemmungen, Vermurungen, Tsunamis etc. nehmen in letzter Zeit deutlich zu, sondern auch die Berichte über sozialpolitische Katastrophen von Arigona bis Leonesa, von unmenschlichen Abschiebungen bis zum Flüchtlingscamp vor und in der Votivkirche. Dass diskutiert wird, ist schon ein erstes Zeichen und gibt Hoffnung. Die kommende Weihnachtszeit wäre gut genützt, einmal darüber nachzudenken.

P.S.: Die Forderungen der Flüchtlinge unter anderem: Grundversorgung für alle Asylwerber unabhängig von  ihrem Rechtsstatus, freie Wahl des Aufenthaltsortes sowie die Anerkennung von sozioökonomischen Fluchtmotiven neben den bisher anerkannten Fluchtgründen.

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Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
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