Die letzten Tage der Menschlichkeit

Leonesa Mujaj darf (!) einen Antrag auf humanitäres Bleiberecht stellen. Da wir alle gleich sind, dürfen wir das natürlich alle – sogar H.C. Strache darf damit einen derartigen Antrag stellen.

Tut er nicht, denn in Österreich sind wir eben nicht alle gleich. Besonders Strache nicht. Der sieht sich und die weißhäutigen Österreicher als etwas Besonderes. Wir haben auch sonst intellektuelle Schwierigkeiten festzustellen, was den wirklich „gleich“ ist. Wir haben Übung darin, Gleiches ungleich und Ungleiches gleich zu behandeln.

Aber hier soll es um die österreichischen Asylgesetze gehen, die keine Asylgesetze, sondern Verstöße – um nicht zu sagen Verbrechen – gegen die Menschlichkeit und die Menschenrechte sind. Und gegen das Gleichbehandlungsgesetz. Aber das ist anscheinend jetzt doch irgendjemand, der damit zu tun hat, aufgefallen, wenn auch unterstützt durch 500 Unterschriften von Bürger/innen, denen Menschlichkeit noch ein Anliegen ist.

Da wäre nämlich beinahe etwas Folgenschweres passiert: Hätte man das Mädchen abgeschoben, hätte man – von Gleichheit reden tun ja viele – aufgrund des Gleichbehandlungsgesetzes alle abschieben müssen, die so viel oder weniger Deutsch können als Leonesa – die immerhin Klassenbeste in einem Elitegymnasium ist. Wenn man jetzt – wie es Gewohnheit von Schachspielern ist – weiterdenkt, dann kommt man zu folgendem Szenario:

Österreich wäre entvölkert. Die Diskussion um das Schulsystem würde sich erübrigen, die Regelschulen müssten sowieso schließen, es blieben nur ein paar Eliteschulen übrig. Wir hätten kein Problem mehr mit PISA (nicht mit dem schiefen Turm von Pisa, sondern den schiefen Tests von Europa). Die Unis brauchen keine Zugangsregelungen, weil ihnen die Mehrzahl der Studenten und Professoren ohnehin abhandengekommen ist. Und die österreichische Wissenschaft wäre wieder hochangesehen in der Welt, denn es gäbe nur mehr Exzellenzzentren.

Strache könnte endlich eine (Exil-) Regierung bilden. In Libyen, im Irak oder in Tschetschenien könnte er sicher um politisches Asyl ansuchen. Es sei denn, er stellt rechtzeitig einen Antrag auf humanitäres Bleiberecht in Österreich.

Die verbleibenden Österreicher wären zwar noch immer keine reinrassigen Österreicher im Sinne der FPÖ, die Redewettbewerbe würden weiterhin von Rumänen, Türken usw. gewonnen. Und da wir mit den Verbliebenen zwar Exzellenzzentren bespielen könnten, nicht aber den ganz gewöhnlichen Alltag, geschweige denn das Gesundheitssystem, müsste Österreich wieder mit Zuwanderern aufgefüllt werden.

Dann hätte sich die Schreckensvision der FPÖ wirklich erfüllt: ein paar elitäre Österreicher inmitten von hintergründigen Migrationsabgründen. Aber als Bürger mit Migrationshintergrund in Tschetschenien berührt ihn das dann nicht mehr wirklich. Und Kickls tiefgeistige Wahlkampfplakate kann dort zum Glück ohnehin niemand lesen.

Um dieses Horrorszenario im letzten Augenblick noch zu verhindern, wurde Leonesa nun doch erlaubt, um humanitäres Bleiberecht anzusuchen. Hoffentlich bleibt es auch dabei. Dieses Bleiberecht ist anscheinend – neben der Caritas und ähnlichen Organisationen – der letzte Anflug von Menschlichkeit, der Österreich noch geblieben ist.

Advertisements

Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s