Anonyme Alkoholiker und die selbstlose Liebe

Nicht mehr trinken müssen, das Wir-Gefühl und das Vertrauen in eine höhere Macht.

Alkoholiker sind anonym. Wetten, ihr kennt alle irgendwelche Alkoholiker, ohne es zu wissen? Nicht Menschen, die sich hin und wieder volllaufen lassen, sondern Menschen, die vom Alkohol abhängig sind, die alkoholkrank sind. Eine Krankheit, die man jemand nicht unbedingt ansieht.

Ich kenne einen, von dem ich es auch nicht wusste und der sich bei einem unserer letzten Treffen als Anonymer Alkoholiker outete. Also als Alkoholabhängiger, der irgendwann beschlossen hatte, so nicht mehr weitermachen zu wollen. Meist ist ein Gespräch mit einem AA-Freund, wie sich die Anonymen Alkoholiker nennen, der Auslöser. Es geht! Das ist die Erfahrung. Aber es geht nicht alleine!

So ist das, was die Anonymen Alkoholiker ausmacht, nicht (mehr) der Alkohol, sondern die Gemeinschaft. Es gibt dort keine Rezepte, sondern nur Zusammenhalt und absolute Offenheit. Jede/r kann kommen, jede/r ist willkommen, jede/r wird mit Du angesprochen, wird sofort akzeptiert.

Es gibt kein Rezept, es gibt nur Empfehlungen, und vor allem eines: Jede/r kann seine Probleme aussprechen, wird verstanden und von der Gemeinschaft getragen. Wer Probleme hat, kann jederzeit, Tag und Nacht, einen AA-Freund anrufen und steht nicht mehr alleine da.

Was es gibt, ist eine gewisse Struktur, jedes Treffen läuft nach einem Ritual ab, Rituale sind wichtig. Das Wichtigste und der erste Schritt ist, sich einzugestehen, dass man Alkoholiker/in ist. Eine Alkohollikerin erzählt von einer Freundin, einer extremen Säuferin. Als sie sie einmal buchstäblich vom Boden aufheben und ins Bett bringen musste, die Frage: „Ich bin bei den Anonymen Alkoholikern, willst du nicht einmal mitkommen?“ Die bezeichnende Antwort: „Ich bin doch keine Alkoholikerin!“ Ein zweiter Versuch war ebenso vergeblich. Alle weiteren Versuche scheiterten an der Einsicht, dass es sinnlos war und daran, dass die Freundin bald darauf starb.

Es gibt 12 Punkte, Empfehlungen, die man beachten sollte, wenn man trocken bleiben will. Bei jedem Treffen wird einer verlesen und diskutiert. Bei meinem Treffen – einmal im Monat ist „Tag der offenen Tür“ für Angehörige und Interessierte – war der 12. Punkt an der Reihe. Viele sprachen von selbstloser Liebe, einem Ideal, das schwer zu verwirklichen ist, an dem sie aber arbeiten. Die Erfahrungen weitergeben war auch so ein Thema, das nicht einfach ist, wie das obige Beispiel zeigt. Eine andere AA-Freundin berichtet, dass sie einmal nach Hause kam, im Vollrausch durch die Lifttür auf den Gang stürzte und nicht mehraufstehen konnte. Es fand sie die Hausmeisterin, brachte sie in ihre Wohnung. In einem späteren Gespräch das Geständnis: „Ja, ich bin Alkoholikerin, aber ich will aufhören und werde zu den Anonymen Alkoholikern gehen.“ Begeisterung bei der Hausmeisterin: „Kann ich Ihnen Herrn Sowieso vom 3. Stock schicken, dem geht’s genauso. Könnten Sie den nicht mitnehmen?“ Und jede Woche legte sie ihr jemand anderen ans Herz, mit dem oder der sie reden sollte. „Und das, obwohl ich selbst noch gar nicht hingegangen bin.“

Da so viel davon die Rede war, dachte ich, im 12. Punkt geht es um selbstlose Liebe und das Weitergeben ist ein anderer Punkt, der eben gut dazu passt. Es geht aber im 12. Punkt um letzteres, und die selbstlose Liebe schloss anscheinend an frühere Diskussionen an. Passt aber trotzdem. Es geht darum, dem eingekapselten (Säufer-)Ich zu entkommen, anderen zu helfen, trocken zu werden, nicht im Ich zu verharren, sondern im Wir der Gruppe. Das ist das ganze Geheimnis, und das funktioniert. Nicht bei allen, aber bei vielen.

In diesem Sinne gibt es auch „Dienste“, z.B. in Krankenhäuser zu gehen oder in Gefängnisse. Ein lebender Beweis sitzt in der Gruppe: Er hat es geschafft, sowohl vom ‚Alkohol als auch von der Kriminalität wegzukommen. „Die Hand der AA muss ausgestreckt sein“, heißt es irgendwo. Und: „Von den Meetings weiß ich, dass ich nur behalten kann, was ich weitergebe.“

Ein anderer Punkt ist, auf eine höhere Macht zu vertrauen, auch wenn die sich zunächst nur im Gewissen der Gruppe manifestiert. Das erinnert mich an einen Ausspruch von David Steindl-Rast: „Der Mensch ist so viel mehr als Mensch.“ Das gilt auch noch für die, die ganz unten angekommen sind. Nach dem Eingeständnis der eigenen Machtlosigkeit dem Alkohol gegenüber bleibt als einziger Ausweg, sich in einen größeren Kontext hineinzustellen, dem Wir der Gruppe und einer höheren Macht, wie immer man die bezeichnen will.

Dazu kommt, dass es keinerlei Zwang und keinerlei Erwartung gibt. Sogar sich als Alkoholiker zu bezeichnen, bleibt jedem selbst überlassen. Und es geht nicht um den großen Ausstieg, sondern nur um den heutigen Tag: heute das erste Glas einfach stehen zu lassen und damit die weiteren. Gar nicht an Morgen denken, denn Morgen ist auch wieder ein Heute. Das kann funktionieren durch gegenseitige Hilfe, Aussprache, Gemeinsamkeit der Erfahrung und die ständige Bereitschaft dem anderen zuzuhören, zu jeder Tages- und Nachtzeit, ihn aufzufangen und selbst aufgefangen zu werden.

Was man von Säufern und Säuferinnen lernen kann

Eine ganz neue Erfahrung: In einem Kreis von Ex-Säufern und Alkoholikerinnen und solchen, die von der Gruppe getragen noch damit kämpfen, etwas über das Leben gelernt zu haben. Das Wichtigste ist, aus dem Gefängnis des Ich zu entkommen und sich einer größeren Macht anzuvertrauen, und sei es nur dem Gewissen einer Gruppe, in der jede/r mit jedem reden kann. Als Ideal nennt man das selbstlose Liebe, im Alltag bemüht man sich, das was man selbst bekommen hat, weiterzugeben. Darum geht es im Leben (nicht nur der Säufer/innen), und darum geht es in den Religionen.

Das ist nicht (nur) Religion – that’s life!

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Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
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