Makellose Hässlichkeit – oder faszinierend inklusive „Schönheitsfehler“

Ein flehentlicher Appell an alle, die sich eine „Schönheitsoperation“ zu Weihnachten wünschen!

Wir leben in einer „Kultur“, die nur mehr das Gegenständige, Materielle anerkennt. Konsequenterweise bleibt uns dann nur der Körper, um unsere Menschlichkeit zu fühlen. Unsere Zeit ist körperlastig, wir geben dem Körper (im Vergleich zu allem anderen, das eigentlich auch nicht unwichtig wäre) zu viel Gewicht – daher auch das rasant zunehmende Problem der Fettleibigkeit, oder der Bulimie bei denen, die in die andere Richtung gehen. Bei beiden Extremen liegt der Fokus auf dem Körper.

Konsequenterweise zählt dann nur mehr der jugendliche Körper. Wer der Pubertät entwachsen ist, lässt seinen Körper regelmäßig vom „Schönheitschirurgen“ tunen, um auch noch als 50- oder 60-jährige als pubertär durchzugehen. Oder man redet sich das wenigstens ein, denn das Ergebnis ist meist so, als wäre die Betreffende eben erst von Archäologen in einem altägyptischen Königsgrab entdeckt worden.

Bis es soweit ist, hält der „Schönheitschirurg“ das Gesicht faltenfrei und versteinert, lächeln kann man so nicht einmal angesichts der Rechnung des Dottore. Der Busen wird vergrößert oder verkleinert, je nachdem, um ein angenehmes Mittelmaß zu erreichen. Wer keinen Knackarsch sein eigen nennen kann, auch der lässt sich aufpolstern. Überschüssiges Fett wird abgesaugt wie der Schmutz im Auto an der Tankstelle. Und als Krönung muss eine Designervagina her.

Und wenn’s schief geht – und das tut es sehr oft – verdienen auch noch die Rechtsanwälte.

Schönheitsideal?

All diese Torturen, nur um einem „Schönheitsideal“ zu entsprechen – von kranken Models mit Bulimie, von computergefälschten, bildbearbeiteten Designs aus der Pornoindustrie.

Aber was heißt schon Schönheitsideal? Menschen sind nun einmal verschieden, Frauen auch und Männer auch. Geschmäcker sind bekanntlich ebenfalls verschieden. Was wenn mein Traummann auf kleine Busen steht – und ich habe mir meine beiden Süßen gerade vergrößern lassen? Oder umgekehrt. Dem werd‘ ich nie mehr begegnen! Keine Chance! Was für den einen schön ist, ist für den anderen hässlich. Du kannst aussehen wie du willst, es wird immer jemand geben, der dich schön findet, und immer jemand der dich links liegen lässt. Das ist völlig normal.

Wir haben keine Fehlerkultur heute, nicht in der Wirtschaft und nicht im täglichen Leben. Schaut euch eine Liste der schauspielerischen Medical-Mumien Hollywoods an – wo bleibt da das Schönheitsideal? Schaut euch die Porzellanpuppen von Models auf den internationalen Laufstegen an – ist das wirklich schön?

Schaut euch lieber die Liste der Schauspielerinnen an, die gerade wegen eines „Schönheitsfehlers“ berühmt wurden – Muttermal, Hakennase oder was auch immer, was aus dem Charakter nicht wegzudenken ist.

Schönheit ist immer nur ein völlig individuelles Gesamtpaket. Die Summe von idealen Einzelteilen – Nasen, Busen, Po, Vagina und Co. – ergeben nie und nimmer etwas „Schönes“.

Und als Zugabe:

Sollten wir einmal unsere Körperlastigkeit dem Friedhof der Geschichte überlassen: Es bleibt dabei: Schönheit kommt von innen, ist zuerst etwas Seelisches.

Und ganz auf Hardcore: Eine Frau, die liebt, ist immer schön – so „hässlich“ (wenn es das gäbe) kann sie gar nicht sein.

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Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
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