Doing Gender – die Steigerung

Wer das biologische Geschlecht „dekonstruiert“, die Zweigeschlechtlichkeit kulturell kodiert, wer Geschlecht nicht ist, sondern tut und zwar als Wiederholungstäterin, dem ist vielleicht nicht die Geschlechtsidentität, sondern viel mehr die intellektuelle Identität abhandengekommen.

Die Tatsache, dass es starke und schwache Männer ebenso wie schwache und starke Frauen gibt, widerlegt ja nicht das biologische Geschlecht. Und wenn Buben mit Puppen spielen und sogar selbst die Kleidung dafür nähen, sagt das noch lange nicht, dass das nicht sogar einmal ein „richtiger“ Mann wird. Vielleicht ein bisschen einfühlsamer, wofür die Frauen dankbar sein werden. Und meine kindliche Freundin, mit der ich regelmäßig in den höchsten Baumwipfeln gesessen bin, kann sich durchaus zu einem Vollblutweib entwickelt haben. Was wirklich schwachsinnig ist, sind die gesellschaftlichen Stereotypien, aber auch die widerlegen nicht das biologische Geschlecht, sondern belegen nur die intellektuelle Trägheit der Gesellschaft.

Dazu kommt, dass sich das biologische Geschlecht auch nicht auf Penis und Vagina reduzieren lässt, sondern auch im Gehirn verankert ist. Es gibt sehr wohl ein weibliches und ein männliches Gehirn, wenn auch – wie beim Gehirn so üblich – mit einer recht großen Variabilität und Flexibilität. Wenn man von den dümmlichen Klischees einmal absieht, dann ist auch Gender zwar etwas anderes als Sex, wesentlich weiter und breiter ausgelegt, aber immer noch „weiblich“ oder „männlich“.

Selbst im „Gendern“ der Sprache, mit oder ohne Binnen-I oder Gender-Gap, soll ja das Geschlecht nicht verschwinden, sondern das weibliche auch zum Vorschein kommen. Und wenn das biologische Geschlecht wirklich so gleichgültig wäre, was brauchen wir dann die Diskussion um die Frauenquote? Dass es neben dem biologischen und dem sozialen Geschlecht auch noch das grammatikalische Geschlecht gibt, das mit beiden nicht unbedingt identisch ist, sei hier nur am Rande erwähnt. Das Wissen darum würde uns aber einige Peinlichkeiten ersparen. Was mich zum Beispiel viel mehr stört ist, dass zumindest in der deutschen Sprache die symbolisch eindeutig männliche Sonne dem symbolisch eindeutig weiblichen Mond gegenübergestellt wird, sozusagen als astrale Transgender-Gestirne. Die Grammatik setzt sich eben über so manches (Biologische oder Symbolische) hinweg. Aber Differenzieren ist nicht die Stärke der Postmoderne.

In einem gegoogelten Artikel über das von Lisa angesprochene „Doing Gender“ lese ich: „Der aus dem Amerikanischen kommende Begriff „Gender“ beschreibt eine soziale bzw. gesellschaftskritische Kategorie, und verdeutlicht, dass der Blick auf das biologische Geschlecht (sex) beziehungsweise die Zweigeschlechtlichkeit kulturell kodiert sind.“ Dieser Satz entlarvt den Unsinn dieser Ideologinnen: Der Blick mag ja kulturell bestimmt sein, die Zweigeschlechtlichkeit sicher nicht, die ist von der Natur schon vorgegeben. Selbst wenn jemand als Mann einmal Lust haben sollte, sich als Frau auf der Straße zu zeigen oder umgekehrt (was in der Sauna oder im FKK-Gelände einfach nicht funktioniert), ändert das noch nicht das biologische Geschlecht. Auch nicht wenn es aus psychischer Not geschieht, weil innen und außen nicht kompatibel sind. Da müsste schon eine Geschlechtsumwandlung her. Eine Geschlechtseliminierung würde das Problem kaum lösen.

Die Nicht-Eindeutigkeit des biologischen Geschlechts, die selten, aber doch vorkommen kann, ist eindeutig kein Argument dafür, das Geschlecht in Frage zu stellen. Auch Homos und Lesben stellen nicht das Geschlecht infrage, sie fühlen sich nur zum eigenen hingezogen. Selbst Transgender-Personen stellen das Geschlecht nicht infrage, sie fühlen nur, dass sie im falschen Körper mit dem falschen Geschlecht leben. Und die heute so modern zelebrierte „Metrosexualität“ mancher Männer ändert auch nicht ihr biologisches Geschlecht.

Man kann vieles an kulturell bedingten Geschlechterrollen relativieren, einverstanden. Aber das ist eine andere Baustelle, nämlich Gender und nicht Sex. Zum Weiterlesen verurteilt, lasse ich mich von dem gegoogelten Artikel belehren: „Vera Kallenberg führt dazu aus: ‚Judith Butler begreift Geschlechtsidentität als Akt mit performativem Charakter. Sie spricht von Doing Gender: Wir ‚sind’ kein Geschlecht und haben auch nicht einfach irgendeine Geschlechtsidentität, sondern wir ‚tun’ es, und zwar in und durch die Wiederholung.‘“ Was aber, wenn das arme Kind Judith Butler nicht kennt und nicht weiß, was es wiederholen soll? Rein rhetorische Frage, denn das schlaue Kind schaut einfach an sich runter – was der armen Judith Butler anscheinend niemand gesagt hat – und weiß, was es wiederholen soll. (Blöder Satz, passt aber zum Artikel).

Dann folgt der kryptische Satz: „Deshalb liegt Butler zufolge in der Variation, in der Vervielfältigung der Geschlechter eine Möglichkeit von Subversion hinsichtlich bestehender Geschlechternormen. Dabei dient ihr die ‚Geschlechterparodie‘ als Möglichkeit, mit Geschlechtsidentitäten zu spielen.“ Die arme Judith hat anscheinend nie mit anderen Kindern, sondern immer nur mit Geschlechtsidentitäten gespielt. Aber abgesehen davon, wenn man etwas vervielfältigt, dann kommt immer nur das Gleiche heraus. Das sollte bei der Vervielfältigung von männlich und weiblich nicht anders sein. Eine größere Variation gibt es beim sozialen Geschlecht, aber das ist, wie schon gesagt, die andere Baustelle.

Und das alles in einem Doing Gender-Artikel für Erziehung und Unterricht. Das tut besonders weh!

Trost hole ich mir bei einem Artikel von Alan Posener in der „Welt“ über die Adorno-Preisträgerin Judith Butler, der mit den Worten beginnt: „Schon lange hege ich den Verdacht, dass Leute, die kompliziert reden, vor allem die Dürftigkeit ihrer Gedanken verschleiern wollen.“

Und um nicht alle Preisverleiher zu diskreditieren: Die hochangesehene Philosophin Judith Butler hat auch den ersten Preis im „Wettbewerb für schlechtes Schreiben“ erhalten, der von der Zeitschrift „Philosophy and Literature“ ausgeschrieben wird.

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Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
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