Gender, Sex und andere Diskriminierungen

Jedes Haustier schafft es mit Sicherheit, Gender und Sex auseinanderzuhalten. Warum sind manche MenschInnen dazu einfach nicht in der Lage?

Im Englischen bedeutet „gender“ das soziale und „sex“ das biologische Geschlecht. Ist doch ganz einfach, oder? Nur wir sind offenbar nicht fähig, das auseinanderzuhalten. Wir müssen gegen alte Klischees auftreten, also müssen wir neue Klischees schaffen.

Betrachten wir einmal die „Sex-.Fraktion“ und die „Gender-Fraktion“ – auch so eine Schubladisierung, aber in diesem Fall vielleicht ganz nützlich. Die „Sex-.Fraktion“ weiß einfach nichts davon, dass es auch ein soziales Geschlecht gibt und sich das nicht mit dem biologischen decken muss. Da haben Babys blaue und rosa Mascherl, da spielen Buben mit Autos und Mädchen mit Puppen und erstere wollen Mechaniker, letztere Friseurin werden, oder was halt so gerade in ist.

Genau gegen das läuft die „Gender-Fraktion“ Amok. Diese antiquierten Rollenbilder müssen aufgebrochen werden. Mädchen müssen auf Bäume klettern und Buben mit Puppen spielen. Mädchen müssenMechanikerinnen und Buben Küchenhilfen werden – Friseure wäre jetzt ein schlechtes Beispiel, da gibt’s ohnehin viele (Vorsicht, erstes Anzeichen, dass da auch was nicht stimmen kann). Und wie man früher darüber diskutiert hat, ob die Kindertaufe sinnvoll ist oder nicht, sollen Kinder – ohne viel zu diskutieren – später einmal selbst entscheiden, ob sie Mann oder Frau sein wollen.

Was ist da passiert? Da hat sich doch die „Gender-Fraktion“ insgeheim mit der „Sex-.Fraktion“ solidarisiert, ist ebenfalls in das biologische Geschlecht abgerutscht und hat doch das, was sie eigentlich thematisieren wollte, nämlich das soziale Geschlecht, schlicht vergessen. Wie könnte man das nennen, wenn man das, was man eigentlich thematisieren will, selber unterläuft? Warum um Himmels willen, muss man das biologische Geschlecht abschaffen, wenn man über das soziale Geschlecht reden will? Oder ist man – genau wie die „Sex-.Fraktion“ – ebenfalls nicht imstande, über die soziale Frage wirklich zu diskutieren? Oder zwischen Soziologie und Biologie zu unterscheiden?

Doch einmal ganz prinzipiell: Seit die exakte Naturwissenschaft für die Allgemeinheit zur Ideologie geworden ist (was man dann fälschlich „Aufklärung“ nennt), müssen wir überall analysieren – das heißt in kleinste Einzelteile fragmentieren. Das kann sehr nützlich sein – ist ja auch der große Erfolg der Naturwissenschaft – aber nur, sofern man sich dessen bewusst ist. Da wir aber meist nicht wissen, was wir da tun, haben wir nicht nur das Problem, dass uns die Ganzheit dabei verloren geht, die sich nicht mehr aus Teilen zusammensetzen lässt, sondern wir sind – und das ist das eigentlich Erstaunliche dabei – unfähig, nach dem Fragmentieren die einzelnen Teile zu differenzieren, voneinander zu unterscheiden.

Das heißt, um bei unserem Beispiel zu bleiben, wir splitten das Phänomen Mann-Frau in biologisches und soziales Geschlecht auf (das ist durchaus eine kulturelle Leistung und für die Diskussion unverzichtbar), sind dann aber nicht in der Lage Sex und Gender auseinanderzuhalten! So diskutiert die „Gender-.Fraktion“ frisch und fröhlich auf der Ebene der „Sex-.Fraktion“ weiter, und statt zwischen Gender und Sex zu unterscheiden, verlangt sie, auch noch die Unterscheidung zwischen (biologisch) männlich und weiblich aufzugeben.

Nun gibt es, rein biologisch betrachtet, natürlich auch Zwischenformen und unentscheidbare Formen von Geschlecht, aber der „Normalfall“ lässt sich nicht leugnen, selbst wenn man das völlig wertfrei nur rein statistisch betrachtet. Das Problem von Intersexualität, Transgender usw. ist ja nicht die biologische „Normalität“ oder „Nicht-Normalität“, sondern dass es einen biologischen, einen psychologischen und einen sozialen Aspekt dieses Phänomens gibt, die alle zu berücksichtigen wären. Das Phänomen ist erstens gesellschaftlich anzuerkennen, aber  zweitens zu differenzieren. Und Kinder später einmal selber über ihr „Geschlecht“ entscheiden zu lassen, bleibt auch angesichts dieser Tatsache einfach nur dumm.

Wer in der „Vor-Gender-Zeit“ aufgewachsen ist, kann ein Lied davon singen, wie intellektuell anspruchslos heute meist darüber diskutiert wird. Es gab die tradierten Rollenklischees, was viele Buben nicht davon abgehalten hat, mit Puppen zu spielen, und viele Mädchen nicht davon abgehalten hat, auf Bäume zu klettern, weil das Brot in den Baumwipfeln anders schmeckt. Das Rollenbild der Eltern hat sie nicht davon abgehalten.

Umgekehrt werden sich Kinder, Buben wie Mädchen, heute einen feuchten Staub um die Gender-Diskussion scheren und sich nicht zwingen lassen, ihr (biologisches) Geschlecht zu leugnen und auf ihre eigene (und nicht auf ideologische) Weise damit zu experimentieren. Wir müssen nicht auf politischer Ebene entscheiden, wie Kinder ihre Kindheit und ihre Sexualität erleben müssen. Da sind Kinder natürlicher und intelligenter als so manche PolitikerInnen.

Irgendwie kann man sich bei der Gender-Diskussion heute nicht des Eindrucks erwehren, dass hier vorgetäuscht wird, das große Einmaleins zu beherrschen, ohne je das kleine Einmaleins gelernt zu haben. Und dass man gedankenlos zu irgendwelchen Ideologien greift, ohne sich über das eigene Welt- und Menschenbild jemals klar geworden zu sein. Wer heute glaubt, Kinderliteratur von alten Rollenklisches reinigen zu müssen, sollte doch auf dem Boden der „Realität“ bleiben. Man darf Kinder durchaus als Buben und Mädchen betrachten, man sollte sie nur nicht für dumm verkaufen. Und dass wir sehr oft drauflos analysieren und fragmentieren und dann nicht in der Lage sind, zwischen den „Teilen“ zu differenzieren, stimmt nachdenklich.

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Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
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