„Der Weg ist das Ziel“

Dieser Satz wird – wie alles Asiatische, wenn man es westlich missversteht – schlicht falsch!

„Der Weg ist das Ziel“ wird dann so verstanden, dass es nur auf den Weg ankommt. In unserem gewohnten fragmentierenden Denken, das dem asiatischen diametral gegenübersteht, heißt das dann, dass das Ziel verloren geht, dass es kein Ziel mehr gibt, nur den Weg. Dieser westlich missverstandene, verkrüppelte Satz ist denn auch die Überschrift für unsere Zeit: Wir haben kein Ziel mehr vor Augen. Mit den Worten Helmut Qualtingers (auch so ein Spiegel unserer Zeit): Ich weiß zwar nicht, wo ich hin will, aber ich bin schneller dort.

Ist der Satz also falsch? Nein, er ist goldrichtig! Man müsste ihn nur so verstehen, wie er gemeint ist. Asiatisches Denken kann gar nicht anders als ganzheitlich denken. Herbert Pietschmann erzählte einmal folgende Begebenheit: Er pflegte seine Physik-Symposien gerne in China abzuhalten, weil er sich sehr für das Chinesische interessiert. Als er einmal mit dem Taxi an einem Schild vorbeifuhr, auf dem zwei Schriftzeichen standen, von dem ihm nur eines bekannt war, tat er das, was für uns selbstverständlich ist: er fragte den Taxifahrer, was das andere Schriftzeichen bedeute. Der Taxifahrer verstand nicht einmal die Frage, für ihn war die Aussage des Schildes ein Ganzes. Dass es aus zwei Schriftzeichen besteht, war ihm gar nicht bewusst.

„Werde wesentlich!“ ist auch so ein Satz, der aber das charakterisiert, was unserer Zeit heute fehlt. Unser fragmentierendes Denken hat das Ganze, den Sinn und damit das Ziel längst aus den Augen verloren. Wesentliches zu denken heißt beim Ganzen zu beginnen, das zwar nicht rational zu erfassen ist, das aber wirklich und wirkend ist. Die Fragmente, die Teile, mit denen wir uns nur mehr beschäftigen, sind vergänglich, wandelbar, rational erfassbar – und doch irrational. Sie sind nämlich in unserem Hirn und nicht in der so genannten „Realität“. Wir analysieren und zerlegen die Welt in Einzelteile, aber es könnten genauso gut andere Teile, andere Einteilungen sein, und es würde genauso funktionieren. Wesentlich ist das Ganze, nicht die Teile.

Das Wesen der Religion ist die Sprache des Wesentlichen. Daher können wir mit unserem fragmentierenden Denken damit nichts mehr anfangen. Westliche Logik muss von zwei Gegensätzen immer einen eliminieren, weil von zwei gegensätzlichen Aussagen nur eine richtig sein kann. Ganzheitliches Denken braucht immer beides. Eines zu eliminieren hieße, das Ganze zu verlieren. Ein Beispiel aus dem ganzheitlichen, interkulturellen Management, wieder erzählt von Herbert Pietschmann: Wenn Europäer oder Amerikaner mit Japanern Geschäfte machen, passiert oft folgendes. Die Westler wollen alle Widersprüche aus dem Vertrag und der Zusammenarbeit eliminieren und lehnen sich entspannt zurück, wenn ihnen das gelungen ist. Und verstehen nicht, dass die Japaner genau an dem Punkt unruhig werden. Denn von zwei Gegensätzen einen zu verlieren bedeutet für sie nur die halbe Welt. Sie brauchen beides.

Auch spirituelles Denken kann mit dieser halben, fragmentierten Welt nichts anfangen, muss immer beides denken, auch wenn es Gegensätze sind. Daher verstehen wir heute gar nicht mehr, was Religion bedeutet. Daher war auch der mentale Aufbruch der Jugend nach Asien, beginnend mit der Yogawelle der Sechziger und Siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts ein für viele vergebliches Unterfangen, weil sie alles Asiatische, Yoga, Buddhismus, Zen usw. westlich (miss)verstanden haben. Da wurde Yoga zum Fitnessvergnügen und die westliche Welt war voll mit „Buddhisten“ die keine Ahnung vom Buddhismus hatten.

„Der Weg ist das Ziel“ bedeutet, westliche verstanden, dass es nur den Weg gibt, womit das Ziel verloren ist. Das ist aber, asiatisch gedacht, nicht damit gemeint. Die berühmten „Wege“ Japans: Zen-do (der Weg des Zen), Cha-do (der Weg der Teezeremonie), Ken-do (der Weg des Schwertes), Kyu-do (der Weg des Bogenschießens) drücken nicht aus, dass das Ziel durch den Weg ersetzt wird. Ganz im Gegenteil: Der Bogenschütze hat nur das Ziel vor Augen, er sieht überhaupt nur das Ziel, er wird selbst zum Ziel. Und das ist der Weg.

Das Ziel wird nicht durch den Weg hinfällig, wie das bei uns immer verstanden wird, sondern das Ziel vor Augen zu haben ist der Weg. Westlich verstanden wird der Weg zu einem ziellosen und sinnlosen Herumrennen. Ganzheitlich verstanden wird das Ziel zum Weg. Der Bogenschütze ist ganz Weg, weil er den Weg „vergisst“. Der Weg ist das Ziel.

Welchen Weg gehen wir, wenn wir kein Ziel haben?

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Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
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